Arnold war ein warmherzig deutschgesinnter Mann. Als er aber nun das Zeitungsblatt zusammenfaltete und in die Tasche steckte, sah er vor seinen Augen die zahllosen versenkten Schiffe, mit all der vernichteten Summe von Fleiß und Kulturarbeit, und sah die zahllosen Bomben, die auf schlafende Städte gefallen waren. Und ihn schauerte. Er hatte den Unsegen vorausgesehen. »Wir haben die Luft beherrschen gelernt — um zu zerstören; wir haben unter Wasser fahren gelernt — um zu zerstören; wir haben den Leib der Erde aufgewühlt und alles Land zwischen Wasgenwald und flandrischer Küste in Wüstenei verwandelt. Es mag Notwehr sein, gewiß, und all die Spannkraft und Tapferkeit verdient Achtung. Aber es ruhte kein Segen darauf. Wir hätten Erzeugungsmaschinen erfinden sollen, um uns vor Hunger zu schützen, keine Zerstörungsmaschinen, keine Ferngeschütze. Vielleicht wird Deutschlands Erschöpfung und Demütigung der spätere Segen werden — für ein neues Geschlecht.«

Er hob das Haupt. Sein Geist schaute die bedeutsame Wendung: Neudeutschland wandert nun nach innen, Neudeutschland besinnt sich auf seine Seele ...


Am oberen Ende des Dorfes Lützelbronn stand ein windschiefes Häuschen. Dort, am Rande der Reben und des nahen Waldes, hauste der aus der Schweiz zugewanderte Stürli mit Schaulis Tochter.

Wenn man die ausgetretene Steintreppe hinaufstieg, mußte man sich erst durch ein Rudel Kinder hindurchwinden. Für diese Begegnung hatte der Pfarrer Zwieback oder ähnliche Seltenheiten in der Tasche. Ein Mädchen und vier Knaben bildeten bereits des Hauses Zierde; und das schöpferische Ehepaar hatte sich beeilt, vor wenigen Tagen das halbe Dutzend abzurunden.

Es waren gesunde, verwegene Jungen, die ihres Emmenthaler Vaters eckigen Schädel und rechtschaffen-besonnene Gesichtszüge geerbt hatten, fest auf ihren Beinen standen und herzhaft um sich zu hauen wußten. Nur das Mädchen, die Älteste, war Frau Katharinas hübsches Ebenbild und hatte deren blaue Augen und blondes Haar. Man sah diese sanfte, immer geduldige, gewinnend lächelnde Anneliese kaum anders als mit einem Bündel auf dem Arm, worin ein junger Elsässer schweizerischer Zucht in die Welt schrie oder mit Andacht an einem Lappen sog.

Frau Stürli hatte böse Abenteuer wacker überstanden. Sie war von den gallischen Nachbaren verschleppt worden und fast ein Jahr lang der Heimat fern geblieben. Beim Einbruch der Franzosen in den südlichen und mittleren Wasgenwald weilte sie gerade besuchsweise bei ihrer Schwester, der Förstersfrau. Diese war mit den zwei Jungen im Städtchen abwesend, als die Alpenjäger das einsame Forsthaus überfielen und umstellten. Förster, Schwägerin und Dienstmädchen wurden der Spionage angeklagt und sofort abgeführt, in Hausschuhen, wie sie gingen und standen. So schleppten die Franzosen in den ersten Kriegsmonden mehrere Tausend Elsässer als sogenannte Geiseln — man wußte nicht, wofür — aus den Grenzbezirken nach Frankreich davon. Die Leute wurden meist schlecht behandelt, vom Pöbel beschimpft, und die deutsche Regierung besaß nicht die Kraft, diese verschleppten Deutschen der Westmark durch Gegenmaßnahmen zu befreien. Erst nach und nach, tropfenweise, nach unzähligen Verhandlungen, kamen einzelne oder ganze Gruppen in die Heimat zurück. Andere starben in der Gefangenschaft.

Pfarrer Arnold unterhielt sich gern mit dem tüchtigen Hansjakob Stürli; nicht minder gern mit dessen ebenso kluger wie lebhaft-munterer Lebensgefährtin.

Nach seinen Krankenbesuchen wanderte er nun zum Weinberghäuschen hinauf, um der Wöchnerin ein paar gute Worte zu bringen.

Der Maler Ludwig Richter hätte seine Freude gehabt an der Kinderschar mit dem bellenden Spitz. Das Haus beherbergte in seinem Anbau noch drei Ziegen, zahlreiche Kaninchen, Hühner und Tauben. Und die Sperlinge schienen für Hausdach und Gartenzaun ebensoviel Vorliebe zu hegen wie die Eichhörnchen für die dichten Haselbüsche oberhalb des Hohlwegs. Und weit hinab glühten die Reben. Die Sonne aber, die hier die Trauben kochte, hatte ihre schöpferische Glut auch dem Häuschen geschenkt.