»Tun sie's wirklich? Bitten sie? O wie schad', wie schad'! Hat sich das stolze Deutschland jetzt doch gebeugt? Ach Gott, was soll nun aus der Welt werden! Jetzt kommt uns ja das ganze farbige Gesindel auf den Hals!«

»Auf die vierzehn Punkte der Wilsonschen Erklärung sind die Deutschen bedingungslos eingegangen. Dazu gehört auch ein Paragraph, das Unrecht von 1870 müsse wieder gutgemacht werden — mit andren Worten, Frau Stürli, wir werden wieder französisch!«

»Aber, aber, aber — das ist doch ganz unmöglich!« Frau Stürli stammelte vor Bestürzung. »Dieser unchristlichen Nation sollen wir ausgeliefert werden, diesen unritterlichen Franzosen? Bedenken denn die Deutschen, was das heißt? Ich hab's durchgemacht, ich kann davon ein Stücklein erzählen. Ach Gott, ach Gott! Und da liegt man nun im Bett und kann sich nicht rühren! Soll ich denn nun mit meinen Kindern französisch reden? Das ist ja eine ganz schändliche Vergewaltigung! Und das nennen sie drüben Freiheit und Gerechtigkeit? Man weiß ja gar nicht mehr, wie man dran ist in der Welt! Warum sollen wir Elsässer denn zu Frankreich? Wir sind doch keine Franzosen!«

Die Schleusen waren geöffnet. Und wenn die beredte Frau in Zug kam, so gab es so leicht kein Halten mehr. Ärgerlich lachend meinte ihr gutmütiger Mann einmal: »Hätten doch nur die Kaiwe-Franzosen min' Frau e bitzli länger behalten: sie hätt' sich vielleicht leer g'schwätzt!«

»Frau Stürli,« versuchte Arnold nach einer Weile zu unterbrechen, »es denken leider nicht alle wie Sie. Übrigens ist an Ihnen eine Schulfrau verloren gegangen.«

»Wer hat Ihnen das jetzt wieder verraten?« fragte sie verblüfft.

»Was denn?«

»Daß mich der Lehrer von Moosbach einst zur Frau gewollt hat.«

»Zur Frau? Schade. Ich gönne Sie zwar dem Stürli, denn er ist ein grundbraver Mann. Aber Sie hätten im Schulhalten Großes geleistet. Da muß halt einmal einer von Ihren Jungen dran.«

Frau Stürli lachte und strich sich eine Strähne vom hübschen Gesicht. »Ich hab' ja auch Schule gehalten drüben im Gefangenenlager. Ach, Herr Pfarrer, wenn ich da so lieg' und an jene Zeit zurückdenke!«