Sie lehnte sich in ihren weiß und rot karierten Kissen zurecht, die hellblonde Frau, und kam mit lebhaftem Händespiel wieder einmal auf ihre Leidensfahrt durch Frankreich zu sprechen.

»Es gibt drüben gewiß auch gute Menschen, das hab' ich erfahren. Aber, aber — wenn ich zum Beispiel an den Lüneviller Bahnhof denke, wie wir da angekommen sind, hungernd, frierend, die Hände auf den Rücken gebunden — und dann diese heulende Menschenmenge! Das fürchterliche ›A mort! A mort!‹ wird mir wohl ewig in den Ohren gellen. Mein Schwager ohne Kragen, die Magd in Pantoffeln, ich in Hausschuhen — und dann in dem Loch, in das sie uns einsperrten, nichts zum Zudecken! Und am andren Morgen wieder zwischen Soldaten weiter, geschlagen, gestoßen, angespien — und immer nur ›Boches‹ und ›Cochons‹ und andre wüste Schimpfworte! Und dann die Damen vom Roten Kreuz auf einem Bahnhof, wo mein Schwager in der demütigsten Weise um ein bißchen Wasser bat! ›Krepiert lieber!‹ war die Antwort. ›Dann ist man euch los!‹ Herr Pfarrer, Damen vom Roten Kreuz! Sie wissen, ich könnte stundenlang so erzählen. Aber wozu! Es ist halt jetzt in der Welt, wie es in der Offenbarung Johannis steht: Die Zornschale des Wahnsinns ist über die verblendete Menschheit ausgegossen. Nur Haß, überall Haß. Die Armen wissen nicht, was sie tun. Ein gesundes Hirn muß ich doch wohl haben, und auch ein festes Herz dazu, denn sonst hätt' ich da drüben den Verstand verloren.«

Der Säugling, der am Fußende in einer bunt bemalten Schaukelwiege lag, schien mit kräftigem Stimmchen der Mutter Wort zu bestätigen. Sofort kam Anneliesel herein, nahm das Kind auf den Arm und ging mit beruhigendem Singsang hin und her. Draußen tobte die wilde Jagd; man führte unter Leitung des Ältesten die Schlacht in den masurischen Sümpfen auf, wobei die Jüngsten nebst einigen Nachbarsknaben als Russen in Nesseln oder Düngerhaufen getrieben, geprügelt und gefangen wurden. Am Fenster schimmerten im letzten Tageslicht grellrote Geranien in die blitzblanke Stube. Der nachdenklich sitzende Pfarrer ließ der Wöchnerin Plaudern über sich hinrieseln und überdachte den baufälligen Zustand dieses sauber gehaltenen Häuschens, das von der wachsenden Familie gesprengt wurde, wie das Wurzelwerk der Tanne den Felsen auseinanderbricht. Die Politik verschwand vor seinen inneren Augen; das Wunder des immer wieder sich erneuernden Lebens wuchs in diesem fruchtbaren Heim vor seiner Seele empor. Welch gesund-einfache Daseinswonne lärmte, schnaufte, leuchtete um ihn her! Die gut gedeihende Familie, die sich zu beseelen und zu durchgeistigen weiß — so dachte er —, ist doch immer wieder das Geheimnis der Krafterneuerung. Vor einigen Tagen hatte Arnold ein Heft mit Madonnenbildern wohlgefällig durchblättert. Steht nicht auch an der Spitze der christlichen Menschheit eine Familie?

Er ahnte, der rastlos ins Allgemeine strebende Philosoph, was uns in den letzten Jahrzehnten zersetzt und gelähmt hatte. Uns lähmte der allzu verständige Gehirnmensch. Doch wahrhaft lebendig sind nur das schöpferische Herz und der schöpferische Schoß ...

Frau Stürli gab ihrer Plauderei eine unerwartete Wendung, die den sinnenden Seelsorger wieder aufhorchen ließ.

»Ich hab' aber bei all dem Elend drüben in Frankreich etwas gelernt, Herr Pfarrer, etwas Großes. Wissen Sie, was? Wenn die Leute um mich her schimpften und höhnten — da hab' ich gedacht: das bin ich ja gar nicht, ihr armen dummen Leute, ihr haltet mich ja für eine Teufelin, die den Soldaten Vitriol in die Wunden gegossen hat! Ich bin still dazwischen gestanden, Herr Pfarrer, die Hände auf den Rücken gefesselt — und hab's zuletzt fertig gebracht, zu lächeln. Ich hab' an meinen guten Mann, an meine armen Kinder gedacht. Es hat Tränen gekostet, freilich, aber ich hab' doch gelächelt. Ich hab' die Leute um mich herum gar nicht mehr gesehen. Und ich hab' an Christus gedacht, wie er unter den Knechten und dem Pöbel geduldet, ein Fremdling, ein heimlicher König, der ganz wo anders zu Hause ist: nämlich im Lande der Liebe. Und da bin ich ruhig geworden und zum Tod bereit. Seitdem ist etwas zwischen mir und der Welt. Verstehen Sie, was ich meine?«

»Ja, Frau Stürli, das glaub' ich zu verstehen, was Sie da meinen«, nickte der Pfarrer. »Da sind wir bei einer sehr tiefen Erkenntnis angelangt. Durch die Welt geht eine große Zweiheit. Dort auf der einen Seite ist das Reich der Macht; das war zu Christi Zeiten das Römerreich und die judäische Kirche; auf der andern aber ist das Reich der Liebe oder das Reich Gottes. Eins breitet sich meist auf Kosten des andren aus. Dort ist Haß, Leidenschaft und Rechthaberei; hier edle Bruderschaft. Wir Menschenseelen sind auf diesen Planeten gesandt, um uns zu entscheiden, wem wir in den Tiefen unsres Wesens dienen wollen. Sie haben sich, liebe Frau Stürli, dort in Frankreich, in Ihres Lebens finstersten Stunden, für das Reich der Liebe entschieden. Und ich sage Ihnen: Das wird Gott an Ihren Kindern segnen.«

Die Blauaugen der Mutter füllten sich mit Tränen. Obwohl Arnold gar nicht pastoral gesprochen hatte, faltete sie doch unwillkürlich die Hände.

»Gott geb's!« flüsterte sie.

»Nun sagen Sie mir aber,« fuhr der Pfarrer fort, »wenn nun die Franzosen in unser Land kommen, wenn das Elsaß politisch etwa wieder französisch wird: was machen Sie denn da?«