Langhin auf dem Stubenboden lag eine Fahnenstange. Das große Tuch war jedoch losgeschnitten; es waren die elsässischen Farben Weiß und Rot. Die Damen wühlten in ihren Vorräten, maßen und verglichen, ob sich nicht zu den beiden Farben ein gleich großes Stück Tuch finden möchte. Auch dies war eine geheimnisvolle Arbeit. Doch es sollte keine Weihnachtsüberraschung werden. Sie suchten die Farbe Blau.

Diese Suche war gar nicht so leicht. Die meisten blauen Stoffreste waren zu klein; oder der Stoff war Seide und paßte nicht zu dem übrigen Tuch. Die Damen parlierten halb elsässisch, halb französisch. Jacqueline, eine schlanke Brünette, saß zu den Füßen ihrer Mutter, die mit der Brille auf der Nasenspitze matronenhaft im Lehnstuhl thronte.

Endlich kam die Tochter auf den Einfall, sie wolle einmal zu den Schwestern Ehrmann in den Oberstock hinauflaufen und sich nach Stoff erkundigen. Aber die Mutter hatte Bedenken. Wenn nun die zwei Mamselle Ehrmann fragen würden, was sie mit dem Tuch anfangen wolle, was sollte man denn da antworten?

»Tu sais, maman,« erwiderte die Tochter, »ich saa, mr welle e comédie mache, e Theaterstückel.«

Und schon war sie aufgestanden; die Mutter solle sie nur machen lassen. Und mit der niedlichen Lüge auf der Lippe verschwand die Holde nach oben.

Erwins Schwestern lebten im Oberstock des Hauses Bieler ihr stilles Dasein allbeliebt dahin. Henriette war als Lehrerin tätig und brachte das nötige Geld in den Haushalt, den Dorothee leitete. Außer ihrem Nachbarn, dem Kunstmaler Kaspar Speckel, sahen sie wenig Menschen in ihrer hohen und heimeligen Wohnung mit den vielen Bildnissen an den Wänden und den noch zahlreicheren Nippsachen auf den Altväter-Möbeln. Ein Papagei und ein Kater gehörten zum Haushalt. Manchmal kamen Kinder, lärmten ein bißchen und verschwanden wieder; manchmal auch gab es einen Altjungferntee, soweit der entbehrungsreiche Krieg solche Ausschreitungen gestattete. Sie lasen einander vor; sie spielten auch gern auf einem betagten Tafelklavier. Es war eine behagliche Stille in diesem Heim, an dem Krieg und Kriegsgeschrei fernab am Horizont vorüberzogen.

Die hochnäsige Jacqueline kam eigentlich nur dann zu ihres Vaters Mietern herauf, wenn sie etwas brauchte. Und so betrat sie auch heute nach kurzem festem Anpochen ohne viel Umstände das Stübchen der alternden Jungfrauen.

Allein sie traf es recht ungeschickt. Der Maler und Junggesell stand mitten im Zimmer, Palette und Pinsel in der Hand, in seinem beschmierten langen Graukittel. Er war auf einen Augenblick herüberspaziert und erzählte grade mit dem ihm eignen erzschalkhaften Gesichtsausdruck der Jungfer Dorothee eine Schnurre. Mitten im Wort brach er ab, verbeugte sich mit komischer Übertreibung vor Jacqueline und trat einen Schritt zurück. Aber er machte keinerlei Miene, in sein Atelier zurückzukehren. Des Hausherrn Töchterchen mit ihren zwanzig flotten Jahren war sonst nicht auf den Mund gefallen; diesmal aber verhaperte sie sich unter den Blicken dieses unausstehlichen Kasperle, wie sie ihn zu nennen pflegte, so sehr, daß sie ihre Bitte kaum zu stammeln vermochte. Und bei der harmlosen Frage Dorothees, wozu sie das Tuch brauche, verwirrte sich das Räderwerk ihres Sprachvermögens erst recht. Kasperle legte tiefsinnig die Hand an den ergrauenden Spitzbart und meinte, wenn Mamsell Jacqueline etwa ein altes Hemd opfern wolle, so würde es seinem Pinsel eine Freude sein, mit Preußischblau darüberzustreichen — aber da war Jacqueline auch schon verschwunden und hatte die kleine Tür kräftig hinter sich zugeschmettert.

Zornig kam sie wieder zu ihrer Mutter hinunter.

»Maman, do hilft halt nix, jetzt mueß doch min Unterrock dran!«