Sie erzählte kurz ihr Mißgeschick und hatte schon die Schere in der Hand. Ein hübscher blauer Unterrock wurde der Länge nach aufgeschnitten, und nun wurde geprobt. Die schwere, stattliche Frau Bieler erhob sich, spannte das blaue Tuch mit ausgebreiteten Händen vor sich hin, und Jacqueline hielt die bereits fertigen Fahnenstücke Weiß und Rot darunter. Das schönste Blau-Weiß-Rot leuchtete als ein hocherfreuliches Ergebnis in die Straßburger Stube.
Aber das Mißgeschick des Tages war noch nicht voll. Die Damen waren so sehr in ihre Arbeit vertieft, daß sie das leise Klopfen ihres ewig unbelehrbaren Mädchens vom Lande überhörten. Sofort ging auch schon die Türe auf — und plötzlich stand, ohne weiteres vom Dienstmädchen freundlich hereingeschoben, Fanny Bieler in der Stube.
Die beleibte Matrone, die mit ihrer Brille grade noch über das blaue Tuch hinübergucken konnte, war so erstarrt, daß sie noch ein Weilchen in ihrer Stellung verharrte. Jacqueline merkte in ihrem Eifer erst überhaupt nicht, daß sie Zuschauer hatte, sondern hielt von unten her Weiß und Rot ebenso beharrlich fest und rief einmal über das andere entzückt: »G'fitzt! 's isch g'fitzt! Maman, ça y est!«
Gustavs Braut durchschaute sofort den Hergang. Und in ihr Herz rann ein eisiger Strom. Sie erbleichte und stand wortlos. Dann gab es ein bestürztes Aufspringen der Tochter, dem eine übertrieben-freundliche Begrüßung folgte. Auch die Mutter ließ die Arme sinken, nahm die Hornbrille ab und gab Fanny die Hand. Danach packte sie schleunigst ein, während Jacqueline ablenkend sehr eifrig mit der Cousine plauderte, und gab der Magd Befehl, die Fahnenstange hinzubringen, wohin sie gehöre; worauf es in der Küche noch ein besonderes Donnerwetter setzte, des Inhalts: sie, das Käthel von Grafenstaden, sei nicht nur die uneinsdümmste, sondern die allerdümmste in Gottes Gänsestall.
Es kam keine rechte Unterhaltung zwischen den drei Damen in Fluß. Madam Bieler hatte gönnerhaft recht viel zu fragen; und fast alle Fragen enthielten eine kleine Spitze. Zögernd gab Fanny über die Ladung in das Gouvernement und die Begleitumstände Auskunft; Mutter und Tochter warfen sich Blicke zu. Dann wurde Tee gereicht. Fanny hatte die Empfindung, daß sie unter verlarvten Feinden sei, nicht unter Verwandten. Und als sie endlich, endlich den Vater die Treppe heraufhusten hörte, sprang sie ihm entgegen:
»Wie steht's?« Er gab beruhigende Antwort. Das gefolterte Mädchen atmete tief auf. Und nun war sie nicht mehr zu halten. Sie hatte Einkäufe zu besorgen, verabschiedete sich von den Damen und lief noch einige Augenblicke zur Jungfer Immergrün hinauf, wie sie Erwins Lieblingsschwester zu necken pflegte.
Da oben war mehr Wärme. Da gab's ein herzhaft Händeschütteln, die üblichen Wangenküsse und ein schnelles, gedrängtes, überfließendes Erzählen von Erwin und von Gustav.
Und wie unser Dasein oft mit allerliebsten Neckereien durchflochten ist, so geschah es auch hier. Fanny hatte gleichfalls ein Anliegen, das Jacquelines Bitte überraschend ähnlich sah.
»Ihr habt doch einmal mit Erwin ein so hübsches Weihnachtsspiel aufgeführt. Sag', Dorothee, habt ihr vielleicht noch die Kostüme? Ich brauche nämlich ein weißes oder blaues Frauengewand. Pfarrer Redslob, unser ehemaliger geistlicher Inspektor im Städtchen, feiert nächste Woche seinen achtzigsten Geburtstag und zugleich seine goldene Hochzeit. Du weißt, es sind so liebe, alte Leute. Da stellt man ihnen lebende Bilder. Und ich habe — es ist eine kleine geladene Gesellschaft — eine besondere Überraschung vor. Alles ganz ernst und still, wie es ja in dieser Zeit selbstverständlich ist.«
Und voll Feuer plauderte sie weiter, daß sie unter Onkel Arnolds Papieren einige »Gespräche« gefunden habe; darunter eine reizende Unterhaltung zwischen jenem Ritter, den man den »armen Heinrich« zu nennen pflegt, und dem Mädchen, das sich für ihn opfern will. Das wolle sie mit Gustav aufführen und Onkel Arnold ebenso damit überraschen wie die anderen Gäste des kleinen Kreises.