Dorothee erzählte lachend den mißglückten Versuch Jacquelines, in den Besitz eines blauen Tuches zu kommen. »Weiß der Kuckuck, wozu sie's braucht!« Fanny wußte Bescheid und fand ihre Heiterkeit wieder, als sie Speckels Vorschlag vernahm. Dann aber holte Dorothee in der Tat ein feines blaues Gewebe hervor, das sie der jungen Freundin anvertraute.
Und mit ihrem Paket lief die Kleine unter dem großen Hut in die nebligen Gassen hinaus und war heilfroh, das Haus ihrer Verwandten hinter sich und das blaue Tuch sicher im Arm zu haben.
Papa Bieler hatte das alte Bürgerhaus nur höchst ungern betreten; das Lützelbronner Gespräch mit dem Straßburger wirkte noch unangenehm in ihm nach. Aber es war ein Geschäft zum Abschluß zu bringen; sein Bruder war ihm noch Geld schuldig. Er traf im Kontor einen gutgelaunten Handlungsreisenden, der sich als Vertreter von Weil, Blum & Co. vorstellte, witzig bemerkend, seine Firma sei leicht zu behalten, man brauche nur an Blumenkohl zu denken. Und in der üblichen Straßburger Mundart, die er mit französischen Brocken spickte, fuhr dieser rundliche Blumenkohl fort, seine Späßchen zu machen, wobei er mit zwinkernden Augen den Winzer zu föppeln begann, was er denn wohl anfange, wenn man den Liter Rotwein demnächst für zehn Sous trinken werde?
Bieler antwortete erst ziemlich unbeholfen, er werde sich ohnedies bald vom Geschäft zurückziehen, und steckte seine Banknoten ein. Als aber Weil, Blum & Co. nicht abließ, wurde der alte Mann bissig. Er habe, sprach er, vorhin in der Münstergasse einen Bekannten aus dem Württembergischen getroffen, der habe ihm erzählt, daß aus seinem Städtchen von sechshundert jüdischen Wehrpflichtigen zwei Mann umgekommen seien: der eine durch Krankheit, der andre durch einen Sturz aus dem Wagen. Aber im Nachbarstädtchen seien von siebenhundertundfünfzig christlichen Wehrpflichtigen hundertundzwanzig den Heldentod gestorben, ohne die Vermißten. »Wie kommt das, he?« schloß er ingrimmig.
Der Geschäftsreisende war beleidigt, aber nicht aus der Fassung gebracht; er blinzelte ihn an, steckte beide Hände in die Hosentaschen und antwortete ganz einfach und unverfroren: »Warum sin se so dumm?«
Und Bielers Bruder nickte kühl: »Sich für die Schwowe totschießen zu lassen!«
Der ehrliche Winzer schaute hilflos von einem zum andern. Dann nahm er ohne weitere Gegenrede seinen Hut: »Bonjour, ihr Herren«, und entfernte sich.
Im Treppenhause erhielt der in sich versunkene, mißmutige Alte zunächst einen tüchtigen Stoß auf die Magengegend. 's Käthel von Grafenstaden kämpfte mit der Fahnenstange herum. Was sie denn vorhabe, fragte Bieler verdrießlich, es sei ja gar keine Fahne dran. Das schon, meinte Käthel, die recht gekränkt und ärgerlich aussah, aber man sei doch nicht so »taub«, wie d' Madam immer sage, man wisse ganz genau, daß die Herrschaften eine französische Fahne machen und daß d' Mamsell einen schönen blauen Unterrock dazu zerschnitten habe ...
»So, so, so«, summte der Weinsticher nachdenklich vor sich hin, als er seiner Wege ging. Und er bewunderte nicht wenig die Opferfreudigkeit seiner Nichte Jacqueline.