Im Oberstock eines Kaffeehauses am Broglieplatze saßen sie abends beisammen, die Mitglieder der Gesellschaft für elsässisch-deutsche Kultur. Professoren, Pfarrer und Lehrer, Beamte, Buchhändler und Kaufleute — jeder Stand war vertreten. Mit Altelsässern plauderten Altdeutsche, Eingewanderte mit Eingesessenen, alle in den Rauch ihrer Zigarren und ihrer gemeinsamen Sorgen eingehüllt, lebhaft der Erörterung hingegeben über den peinlichen Notenwechsel zwischen bittender deutscher Regierung und befehlendem amerikanischem Präsidenten.
Alle diese Elsässer erwarteten irgend eine unbestimmte Hilfe, ein befreiendes Wort, einen Eingriff der göttlichen Macht ...
Soll unser Elsaß Spielball sein zwischen zwei Nationen? Hat man uns nicht Autonomie versprochen? Darf man über uns verhandeln, ohne uns zu fragen? Das Unrecht von 1870 soll wieder gutgemacht werden? Welches Unrecht? Daß Deutschland in ehrlichem Krieg deutsches Land zurückerobert hat? Und das Unrecht von 1681? Hat nicht Ludwig der Vierzehnte in jener Septembernacht des Jahres 1681 die freie Reichsstadt Straßburg mitten im Frieden überfallen und geraubt? Weiß das Präsident Wilson nicht? Himmel, und wie hat Deutschland am Lande gearbeitet in diesen vier Jahrzehnten! Wie ist Straßburg mit seinem Rheinhafen und seiner Universität eine blühende deutsche Stadt geworden! Weiß das Wilson nicht? Wir müssen ein Telegramm an Wilson senden. Wir wollen Autonomie, wir wollen Volksabstimmung. Wir müssen hier in Straßburg eine große Volksversammlung einberufen. Schwander ist Statthalter, wir haben eine freisinnige Regierung, man kann sich nun regen und offen reden — los! ...
So schwirrten die Gespräche und verdichteten sich zu einer allgemeinen Erwartung.
Der Vorsitzende, ein vollbärtiger, schmaler, mittelgroßer Professor mit einer kahlen Denkerstirne, klopfte ans Glas. Und er sprach. Er sprach klug und gehaltvoll; er sprach scharfsinnig. So hatte er oft gesprochen; er war ein ausgezeichneter Theoretiker; aber er war keine aufrüttelnde, ansteckende oder mitreißende Kraft. Warm und schön, mit wohltuender Ruhe, sprach auch ein altelsässischer katholischer Universitätsprofessor, ein temperamentvoller Arzt, ein Gymnasiallehrer. Und alle Reden gipfelten in dem Wunsche, man möge, nach dem Vorbilde der Reichsregierung, Telegramm und Sendschreiben an den Präsidenten Wilson richten, daß Elsaß ein deutsches Land sei und ein deutsches Land bleiben wolle.
Arnold saß bei einem seiner Freunde, dem blondbärtigen Pfarrer des Diakonissenhauses, paffte Rauchkringel in die Luft und schwieg. Die Augen halb geschlossen, schaute er in die Vielzahl dieser durch Hunger und Sorgen abgemagerten Gesichter und sah sie von unzähligen fließenden und immer wechselnden Rauchschlangen umringelt, die sich mit höhnischen Fratzen über die aussichtslose Erörterung lustig machten. Die Straßburger Luft war voll von bösen Dämonen; die Geister der Revolutionszeit hatten Erlaubnis erhalten, sich ein Weilchen wieder auf der Erde umzutreiben. Hatte nicht diesem Hause gegenüber, beim Bürgermeister Dietrich, einst Rouget de l'Isle die Marseillaise gesungen? Und wenige Häuser weiter, in der Blauwolkengasse, hatten St. Just und Eulogius Schneider gehaust; und nicht weit war es zum Kleberplatz, wo einst die fahrbare Guillotine am Ostersonntag 1793 erste Blutarbeit getan hatte.
Die Dämonen von damals huschten schon lange wieder durch Straßburgs Gassen und Schenken, tuschelten, zischten, reizten den Pöbel unten und oben, die Stunde begierig erwartend, wo sie herausbrechen könnten ...
Das sah Arnold. Und es schien ihm nicht der Mühe wert, seinen Briefentwurf herauszuziehen und vorzulesen. Die gute deutsche Sache war verloren.
Plötzlich aber erscholl sein Name. Er erwachte, sah sich um und bemerkte viele Blicke auf sich gerichtet; und der Vorsitzende bat ihn, seinen Offenen Brief an Wilson vorzulesen.
Arnold erhob sich langsam. Und er sprach zu seinen aufmerksam horchenden Freunden: