»Wagen Sie denn immer noch an Gerechtigkeit und an Autonomie oder dergleichen zu glauben, meine Herren? Hoffen Sie noch immer auf einen Rechtsfrieden? Sehen noch immer nicht, daß diese Phrasen im Munde der Feinde nur Machtmittel sind, um uns und die Neutralen irre zu führen? England will uns niederknütteln — und weiter nichts; Frankreich will Elsaß-Lothringen, vielleicht das ganze linke Rheinufer, und will sich weiden an einem zusammengebrochenen Deutschland — und weiter nichts. Völkerbund? Nein, nein. Das sagen sie nur, aber das wollen sie nicht ... Weshalb aber gelingt ihnen diese unerhörte Vergewaltigung? Sie, meine Herren, sagen gewiß: weil sie mehr Kapital, Menschen, Munitionsmassen haben. Ich sage: weil sie mehr Leidenschaft haben. Ja, diese Völker haben mehr Leidenschaft, wenn auch in Formen des Hasses. Sie sind zäher Willen, gefühlbelebter Willen. Wir aber, wir Deutschen? Wir tragen das Malzeichen des Verstandes. Der verbürgt zwar Ordnung und Methode, aber er verbürgt keine schöpferische Kraft und Beharrlichkeit. Die Leute da drüben hinter den Bergen wollten etwas mit der zähen Leidenschaft eines Liebenden. Hat man sich in Altdeutschland mit ähnlicher Liebesleidenschaft um uns Elsässer gerissen? Selbst die nichtswürdigen Tschechen und Slowaken setzen nun ihren Staat durch, weil sie's mit Gefühl und Leidenschaft wollen. Was wollen wir? Wo ist unser Ideal? Uns behaupten? Das ist nur negativ, ist selbstverständlich, aber kein Ideal.«

Es ging eine unbehagliche Bewegung durch die Köpfe, die in den Rauch eingezeichnet waren. Eine solche Rede hatte man nicht erwartet. Das schmeckte nach Bußpredigt. Dieser Träumer von Lützelbronn! Da sang er also glücklich wieder sein Liedlein vom vergessenen deutschen Idealismus!

»Nennen Sie mich keinen Unheilsraben,« fuhr Arnold fort, »aber machen Sie sich bereit auf die Wanderung durch die Wüste! Deutschland muß jetzt durch die Wüste wandern, um nach Kanaan zu kommen. Es ist der alte Mysterienweg. Sie mögen sagen: das spricht ein Ästhet oder Ethiker, aber kein Politiker. Nun, ich breche auch ab. Meinen Brief an Wilson will ich Ihnen aber doch wenigstens vorlesen, wenn auch mit dickem Blaustift ein ›Zu spät‹ quer darüber geschrieben ist.«

Er las:

Offener Brief an den Präsidenten Wilson

Herr Präsident! Hinter uns stehen Tausende von freien elsässischen Männern und Frauen, die genau so denken wie wir.

Seit fast fünfzig Jahren sind wir staatlich wieder deutsch, wir Elsaß-Lothringer. Wir waren nach Art und Sprache deutsch, solange es eine deutsche Geschichte gibt: seit dem Niedergang des Römerreiches, seitdem der germanische Stamm der Alemannen und der germanische Stamm der Franken das Land am Oberrhein besiedelt haben. Also seit anderthalb Jahrtausenden! Die Sprache unseres Landes ist zu neun Zehnteln deutsch; die Namen unserer Dörfer und Städte, unserer Fluren und Flüsse, unserer Burgen und Berge sind deutsch. Es ist eine Fälschung zu sagen, daß wir ›geraubte französische Provinzen‹ seien. Das Umgekehrte ist der Fall! Wir sind deutsches Land, einst in den Reunions- und Revolutionskriegen von Frankreich dem Deutschen Reiche geraubt, dann von Deutschland im offenen Kriege des Jahres 1870 zurückerobert. Wir Elsaß-Lothringer sind also durch den Frankfurter Friedensvertrag vom 10. Mai 1871 zum deutschen Mutterlande zurückgekehrt. Das ist der Tatbestand.

Und nun wollen die Völker der Entente, nun wollen Sie, Herr Präsident, ein deutsches Land gewaltsam wieder französisch machen? Nun wollen Sie den künftigen Völkerbund mit einem Bruch des Frankfurter Friedensvertrages beginnen?

Wir Elsaß-Lothringer empfinden das nicht als Befreiung, sondern als Vergewaltigung.

Und wir protestieren dagegen im Namen der Wahrheit und der Gerechtigkeit.