Sie hatten, Herr Präsident, eine wahrhaft erhabene Sendung. Sie hatten die Aufgabe, den Völkern Europas den Frieden zu bringen. Sie haben es vorgezogen, den Feinden Deutschlands Munition zuzuführen; aber die Zufuhr von Lebensmitteln an deutsche Frauen und Kinder haben Sie nicht durchzusetzen für nötig gehalten. Eine bleiche Parade hungernder und durch Unterernährung dahingeschiedener Gestalten zieht anklagend an Ihrem Weißen Hause vorüber. Und um Deutschland vollends zu brechen, griffen Sie an der Seite unserer Feinde in den Kampf ein. Sie sind es, dem Deutschland neben innerer Zersetzung nunmehr den Zusammenbruch verdankt.
Und mit diesem Zusammenbruch unseres deutschen Vaterlandes brechen auch wir Elsaß-Lothringer zusammen. Wir sollen nun wieder hinübergeschleudert werden zu Frankreich. Wir protestieren. Wir wollen uns durch Schweigen nicht mitschuldig machen an diesem ungeheuerlichen Verbrechen. Wir halten treu zu unsrem deutschen Vaterlande. Und wir schreiben diesen Brief nicht aus irgendwelchem Haß gegen irgendwelche Nachbaren, mit denen wir vielmehr im Frieden zu leben wünschen, sondern nur im Interesse der Menschlichkeit und der Wahrheit.
Allgemeiner Beifall umwogte diesen Brief. Man trank dem Verfasser zu, man schüttelte ihm die Hände. Und sofort setzte die Erörterung ein. Es wurde vorgeschlagen, den Brief ins Englische zu übersetzen und in Tausenden von Flugblättern über den englisch-amerikanischen Truppen durch Flieger abwerfen zu lassen. Die Einberufung einer Volksversammlung in das Sängerhaus ward beschlossen; man müsse von Wilson Volksabstimmung verlangen. Der Abschnitt, der des Präsidenten unfreundliche Stellungnahme angriff, die Hungerparade, wurde beanstandet; denn dergleichen könnte verletzen. Andere jedoch riefen: »Sagt's ihm nur, denn es ist die Wahrheit!« Und so bekundete sich an diesem bewegten Abend viel guter Wille dieser treuen Söhne ihrer elsässischen Heimat und ihres deutschen Vaterlandes.
Doch die Dämonen kicherten: Zu spät! Und Arnold schied aus dem Rauch in den Nebel hinaus mit dem schmerzlichen Gefühl: die Sache der Deutsch-Elsässer ist verloren.
»Eine Handvoll Französlinge hat mit Hilfe der feindlichen Truppenmassen dieses kerndeutsche Land vergewaltigt«, schloß er ein Gespräch mit einem befreundeten Bibliothekar, der ihn nach dem Gasthofe begleitete. »Die Lüge herrscht in der Welt wie nie zuvor. Und das Gemeine lauert auch hierzulande auf den Augenblick, wo es deutsche Ordnung wie einen lästigen Tornister abwerfen und sich nach all der Kriegsspannung schamlos austoben kann. Ich spüre das. Gute Nacht, lieber Freund! Ich sah im Geiste die entflohenen elsässischen Landesverräter im Schutze französischer Soldaten wieder einmarschieren und mit einer schwarzen Liste von Haus zu Haus ziehen, ihr Werk fortsetzend: den Verrat. Halten Sie Ihr Bündel geschnürt! Wenn der Franzos einrückt, werden Ihnen die Straßburger Wackes die Fenster einwerfen!«
»Und Sie?« fragte der andre.
»Je nun, ich! Mit dem Elsaß hab' ich abgeschlossen. Ich ziehe aus und suche. Ich suche ein Deutschland, das durch den Schmerz reif wird, das an der Stirne das Malzeichen der Gottheit trägt, das sich um den Altar der Seele versammelt, wo ein Gott der Weisheit und der Liebe verehrt wird: — ein Deutschland also, das es noch nicht gibt, an dem wir aber vielleicht bauen dürfen.«
»Bist du's?«
Eine weibliche Stimme flüsterte es, als Arnold oben im Gasthof seine Zimmertüre aufschloß. Und Fanny schlüpfte aus der Türe gegenüber und huschte zu ihm herein. Es war spät. Sie hatte auf ihn gewartet.