»Ich muß dir doch noch schnell Gutenacht sagen, ich hätte ja sonst gar nicht schlafen können«, sagte sie hastig und halblaut, um die Nachbarschaft nicht zu stören. »Ich hab' heute gleich ein Telegramm an Gustav geschickt. Ach, ich bin ja so froh, so froh, daß alles gut gegangen ist!«
Eine warme Welle überrieselte den Mann, der vor ihr stand und aus dem schweren Pelzmantel lächelnd auf das leichte anmutige Wesen herabsah. Starr erschien ihm die Pflichtwelt eines Trotzendorff, schattenhaft die fruchtlosen Pläne seiner politischen Freunde — doch siehe, hier war ein lebenatmendes, der Herzensleidenschaft fähiges und nur vom Herzen aus die Welt erfassendes reines Geschöpf, das ihn kindlich lieb hatte!
»Aber, Kleine, noch auf? Schnell, schnell zu Bett! Wir wollen ja morgen ganz früh abfahren! Gutenacht, mein Seelchen!«
Zwei Wangenküsse nach gewohnter Art, eine herzliche Umarmung — und schon verschwand sie wieder lautlos, schalkhaft noch durch ihre Türspalte den Finger an den Mund legend:
»Gute Nacht!«
Neuntes Kapitel
Aus Speckels Tagebuch
Ich frage nie beim goldnen Weine,
Warum im Glas die Perle glimmt:
Sei er vom Rhodan oder Rheine,
Genug, wenn er mich höher stimmt!