Ludwig Spach

Es ist der Entente gleichgültig und der deutschen Diplomatie unbekannt, daß mein Atelier einerseits auf einen Hof geht und andrerseits auf das Straßburger Münster schaut. Dort ist's eng, hier ist's groß; dort haust der Philister, hier das Genie.

Ich überlasse dem boshaften oder dem geneigten Leser, zu erraten, ob ich mehr dort oder mehr hier aus dem Fenster schaue.

Die drei Stockwerke sind reichhaltig. Von meinen Fenstern aus, ganz einfach vor meiner Staffelei hin und her wandernd, kann ich dort in die Zeitlichkeit, hier in die Ewigkeit blicken.

In der Höhe, über dem dritten Stockwerk, blüht ein Feldchen elsässischen Himmels. Punkt zehn Uhr hat sich die Augustsonne derart über die Straßburger Dächer und Schlöte herübergearbeitet, daß sie einen vollen Lichterguß in meinen Hof strömen lassen kann. Dann glänzt plötzlich mein Atelier in einer unerträglichen Helle; und auf meinen Pinsel legt sich ein so frech-vergnügtes Sonnenlicht, daß ich aufspringe und die Gardine zureiße. Aber auf diesen dramatischen Punkt hat eine Wolke hinter dem Telephonnetz nur so gelauert: jetzt wälzt sie sich feist und dick über den Hof; das helle Himmelsfleckchen ist verdeckt, es wird stockdunkel hinter meiner Gardine. Was muß da ein Mensch von gesunden Empfindungen anfangen? Aufspringen muß er, seine Arbeit unterbrechen muß er und die Gardine flammenden Blicks wieder aufreißen muß er. Das muß er. Wobei sich die Schnur verhudelt.

Ich brauche kaum zu bemerken, was nun folgt. Jeder Kenner Schopenhauers und der von Schopenhauer beschatteten Welt sagt sich mit bitterem Lächeln, daß schon nach einer Viertelstunde das oben gekennzeichnete viereckige Sonnenlicht wieder mit seiner ganzen verletzenden Grelle auf meiner Staffelei grinst. Und so geht mein Kampf mit der Sonne und um die Sonne oft Morgen für Morgen. Das ist halt der Straßburger Himmel. Das liegt so im Schicksal der Elsässer. Wenn ich gegen elf Uhr sämtliche Flüche aus Shakespeare verbraucht habe, etliche zwanzig Male von meinem Sitze aufgesprungen bin und erschöpft zu einem Spaziergang mit darauffolgendem Mittagessen davonwanke, so ist gemeinhin meine Gardine geplatzt oder die Schnur zerrissen. Alsdann benützt meine rüstige Wirtin meine Abwesenheit, um zu den Shakespeareschen Kraftworten, die noch überall in den Gardinen hängen, etliche Dutzend weit überlegener Straßburger Waschpritschen-Koseworte hinzuzufügen, wobei sie mich Wackes nennt, was doch eigentlich verboten ist. Eine wackere Frau!

Es ist traurig, daß man sich über eine Gardine aufregt. Aber ich kämpfe einen Künstlerkampf; ich kämpfe einen Kampf für Harmonie und Gleichmaß, gegen grelle Gegensätze und Überreizung, die ich nun einmal nicht vertrage. Und ich habe seit vorgestern ein Mittel gefunden, jene Gegensätze im Elsaß und am Fenster siegreich zu überwinden: ich bin ihnen einfach aus dem Weg gegangen. Ich habe nämlich kraftvoll meine Staffelei gepackt und bin vom Fenster weggerückt. Und als die Sonne nachkam, bin ich wieder gewandert. Und nun werde ich ganz gemütlich mit meiner Staffelei im Zimmer herumwandern, bei immer offener Gardine. Heute mal' ich zum Beispiel mitten im Zimmer und hohnlache nach dem Fenster hin, wo der Fußboden sich wieder von Minute zu Minute in den oben angedeuteten grellen Gegensätzen bewegt; ich arbeite mit Behagen, rauche meine Zigarette und führe mit Gemütsruhe den Pinsel; denn meine Leinwand wird weder so dunkel noch so grell, daß ich jemals in meinem Schaffen gestört würde.

Im übrigen — was gehen mich die Narrheiten am Himmel an? So wenig wie die am politischen Himmel. Kann ich eine harmonische Lichtverteilung vornehmen? Weder am Himmel noch in Europa.


Nachdem ich mich hiermit als Neutralisten jenseits des europäischen Narrenschiffes vorgestellt habe, lasse ich allerlei Beobachtungen folgen.