Auf meinem Hofe wohnt ein elsässischer Abgeordneter. Rechts, im zweiten Stock. Es ist ein Mann mit vielen Sorgenlinien im Gesicht, ein Mann, der oft einen Zylinderhut und immer einen Gehrock trägt. Er liest ganze Stöße von Zeitungen, hält sehr gern Reden, die reichlich mit »dürfte«, »sollte«, »wollte«, »möchte«, »in der Lage sein« und »nicht umhin können« gespickt sind; denn das klingt gut. Und er hat sich durch viel Übung und lange Gewohnheit eine jetzt nicht mehr zu verändernde Miene tiefsten Nachdenkens angewöhnt; die Gesichtsfalten können tatsächlich nicht mehr in eine andere Lage geraten, er sieht immer wichtig, schlau und nachdenkend aus, auch wenn er den größten Unsinn spricht oder gar nichts denkt.

Das letztere aber ist in der elsässischen Kammer ein guter alter Brauch.

Das Beste an ihm ist sein Sohn. Der kleine Braunkopf heißt Franz oder François und ist in jeder Beziehung das Gegenteil eines Abgeordneten. Man könnte ihn mit Recht einen Ungeordneten nennen. Er macht keine stilisierten Redensarten, sondern sagt zu aller Welt frischweg »du«; er hält keine Reden, wenn er über etwas empört ist, sondern springt seinem Gegner an den Hals, wirft ihn zu Boden und prügelt sich mit ihm herum, daß einem das Herz im Leibe lacht. Die Pförtnersfrau, Bielers Lehrbub und zwei Dienstmädchen kommen dann empört herbeigelaufen und trennen die Kämpfenden; ich aber oben auf meinem Altan zwischen den Lorbeerbäumchen hetze mit Kraft und Geschick auf die Gasse hinunter: »Pack' an, Franz! Hau' em de Buckel voll!«

Ich will offen bekennen, daß ich den Knirps mit Bewußtsein zu einem Raufbold erzogen habe. Obschon oder weil ich selber ein Mann des Friedens bin. Doch um so lieber schaut man Raufereien von ferne zu. Denn es geht elend fad und zimperlich in Bielers Haus und Hofe her. Daß die Mütter mich Ketzer durchschaut haben und mich als wunderlich hassen, brauche ich nicht zu versichern. Den drei heiratsfähigen, im Bon Pasteur gebildeten Töchtern des Abgeordneten bin ich ein Gegenstand des Greuels; der Monsieur Bieler und die anderen betrachten mich mit einem achtungsvollen Mißtrauen, kurz, es ist eine erquickende Nachbarschaft.

Dafür habe ich regelrechte Freundschaft geschlossen mit Kindern, Lehrbuben, Dienstmädchen, Hunden und mit dem sehr zahmen Kater nebst dem Papagei der beiden braven Schwestern Ehrmann.

Die Kinder tragen so ungekünstelte Gesichter zur Schau, babbeln so natürlich und offen hinaus, daß es mir ist, wenn ich in diese Welt schaue, als läse ich mein Lieblingsbuch, die Grimmschen Märchen. Die Gesichter der Erwachsenen in diesem Haus und Hof, besonders der Gebildeten, sind meistens Kitsch; sie glauben nämlich die reine Einfachheit und einfache Reichhaltigkeit des Schöpfers verbessern zu müssen; sie haben sich eine Menge von verlogenen Linien ins Gesicht gewöhnt, sie haben sich einen merkwürdigen Gang und eine ungewöhnliche Kopfhaltung zurechtgemacht; sie wissen, daß sie beobachtet werden, sie richten sich nach der Welt, sie hängen von der Welt ab. Den großen Schöpfer haben sie abgeschüttelt, der Gesellschaft aber haben sie sich unters Joch gebeugt. Nix für mich!

Mit der Mamsell Bieler und den drei jungen Damen ist das eine eigentümliche Geschichte. Ich habe ihre Kinderbildnisse gesehen; da waren sie noch lieb und natürlich. Heute gelten sie alle vier als »Schönheiten«; aber es ist Kunstpoesie, keine Volkspoesie; es ist sogar mehr Kunst als Poesie. Es sind Linien in ihrem Gesicht, die von berechnendem Verstande hineingezeichnet wurden; man liest ihnen Wohlerzogenheit, Pensionat, Höflichkeit, Tantenbelehrung, Konfirmandenunterricht, Salon- und Balleindrücke leicht vom Gesicht ab; ihre Gesichter sind Anschlagzettel und Programme. Leider sucht man in dem reichen und verwickelten Speisezettel vergeblich nach der Glanznummer, nach dem einen Worte, das alle andern auswischt und überflüssig macht. Unbefangenheit heißt das Wort.

Nebenbei radelt nur Lina, Susanne trägt einen Kneifer, und Lucie hat weder Rad noch Kneifer, wird aber beinahe als »Aschenbrödel« behandelt, denn sie muß immer kochen. Gute Lucie, wärst du nur noch viel mehr Aschenbrödel, mit langem Zopf und roten Bäckchen, denen man hinter der Tür einen Kuß gibt, wärst du nur ganz und gar Aschenbrödel! Von der Mamsell Jacqueline Bieler will ich nicht reden — — meineidi vornehm! Wenn ich nur wüßte — es würde mich anatomisch interessieren —, wie sie es macht, um die rückwärtigen Körperteile beim Gehen so entenmäßig zu bewegen! Sie hat natürlich einen modernen Faltenrock und Pariser Stöckelschuhe. Et elle barle français — daß ein Pariser die Wände raufklettert, wenn er sie hört!

Sie grollen mir alle drei bis vier, besonders die zwei ältesten. Ich bin natürlich Junggeselle. Und nachdem wir uns einmal gesprächsweise in der Aubette ein wenig angebiedert hatten — sie saßen zufällig neben mir, ich lebe sonst zurückgezogen wie eine Kirchturmdohle — wurde ich eingeladen. Das ist aber schon acht Jahre her. Es war ein glänzender Abend. Lina erzählte von ihrem Rad, und Susanne spielte Klavier und sang erbärmlich dazu; ich war taktlos genug, zu gähnen, mit dem kleinen Franz zu plaudern und weder Spiel noch Radfahren zu loben. Was soll ich mir Zwang antun? Kurz, sie grollen mir seit acht Jahren. Meine Ehrlichkeit ist ein Grund zu törichter Feindschaft geworden in dieser verkehrten Welt. Und wenn sie mir begegnen und eben noch einigermaßen natürliche Gesichter zeigten — einigermaßen! —, so treiben sie sich sofort eine ganze Expressionisten-Ausstellung von Unnatur ins Gesicht, halten den Kopf steif, schieben die Unterlippe vor, legen sich zwei strenge Falten an beide Seiten der Nase und nicken von oben herab. Ich bin ja weder körperlich noch geistig groß, muß aber doch die Lippen pressen, um nicht herauszuplatzen über diese närrische Gesichtsfälschung der zwei säuerlichen Jungfern.

Da spricht man immer von der Frauenfrage. Das Mitleid mit der armen unterdrückten Frau und der unverheirateten Jungfrau ist Mode geworden und Sport, wie das Mitleid mit dem Arbeiter. Warum spricht man denn nicht von der Junggesellenfrage? Wenn ich elend müde bin vom Wochentag und will einen rechten Sonnentag behaglicher Gemütsfülle und herziger Unbefangenheit aufsuchen, so werde ich — vor dem Kriege wenigstens, jetzt ist man ja vernünftiger — in eine »Soiree«, auf einen Ballabend und dergleichen eingeladen, wo unverheiratete Weibchen Jagd machen. Und als ich der Frau Geheimrat antwortete: »Verehrteste Frau Geheimrat! Entschuldigen Sie mich nachsichtig, ich bin weder krank noch verhindert, aber solche Abende sind mir zu langweilig« — da wurde mir die Dame komischerweise böse. Soll man denn lügen? Ich kann euch versichern, wenn meine Freunde — ach Gott, leider von der sogenannten Gesellschaft abhängige Referendare und junge Ärzte, die sich um solche Abende nicht drücken können — nachher zurückkommen und mich beim Gläschen Wein in einer versteckten Schenke treffen, so wettern sie auf den Tisch, atmen tief und rufen: »Gott sei Dank! Endlich einmal gemütlich!«