Ein paar Studienjahre hab' ich im oberbayrischen Bergland gemalt. Ein Bauernhäuschen gab mir Unterkunft. Weißgetünchte Wände, Heiligenbilder, ein einziger Stuhl, ein Schrank, ein Bett stellten mein Zimmerchen dar. Nicht einmal ein Tisch stand darin, die Tinte war vertrocknet; mit Bleistift schrieb ich meine paar Ansichtskarten auf dem Fensterbrett. Aber drüben, jenseits eines grillendurchsungenen Hochtales, wuchsen die malerisch köstlichsten Berge aus dem blühenden Gelände. Wunderbar ging dort die Sonne unter! Die Schneefelder waren Purpur, die Zacken erglühten wie die Zinnen einer Himmelsstadt. Am Berg hin säuselte ein Abendglöckchen, ein heimkehrender Hirte sang von der Höhe. Da war die Welt schön, groß und farbig ... Von Politik hat kein Mensch gesprochen.

Ich hatte nach der Arbeit meine Gitarre auf dem Schoß und griff Akkorde. Es war ein tiefer Genuß, in dieser erhabenen Welt voll großartiger Einfachheit zu malen und zu träumen. Ein hübsches Mädchen der Nachbarschaft, aus dem Försterhause, das allabendlich in unserer kleinen Küche Milch holte, hatte mir einige Griffe auf der Gitarre beigebracht. Ein rosiges liebes Mädchen, das nur immer meinte: »Ach, ich bin gar zu dumm!« und dabei hatte sie doch eine so feine Seele und das niedlichste Gesichtchen der Welt. Wir saßen dann, das alte Hutzelweiblein, das mich bewirtete, und des Försters Mädchen, in der kleinen Küche beisammen. Ich half Kaffee mahlen, wir plauderten und erzählten; ich war ungeschickt im Gitarrespiel, und sie verbesserte mich — das war ein »Gesellschaftsabend«, wie ich sie liebe. Manchmal kamen auch noch sonstige Burschen und Mädchen aus den Gehöften, oft prächtige Gestalten, Gesichter und Köpfe. Da war Rasse! Und wir hatten bei einigen Glas Bier einen unterhaltsamen Abend, bis draußen der funkelnde Mond über den Kuppen stand, so um elf. Ich selbst saß in Hemdärmeln wie die andern und hatte nur Filzpantoffeln an den nackten Füßen; sie saß auf dem kleinen Schemel, der Großvater im Lehnstuhl; und die andern hatten sich Holzblöcke aus Winkeln hervorgeholt. Wir sprachen über alles, über Gott und Welt, Stadt und Land, über Elsaß, Deutschland und Frankreich, über Norwegen und andre Länder, die ich bereist; denn wenn man nur die richtigen, schlichten, herzlichen Worte wählt, so läßt sich über alles sprechen mit diesen schlichten Leuten aus dem Volke.

Wenn sie dann alle fort waren und ich stand wieder allein an meinem Fenster und schaute noch einmal hinaus in diese wunderbare Mondnacht, so habe ich niemals mit einem »Gott sei Dank! Endlich gemütlich!« aufs Fensterbrett geschlagen. Wohl aber bin ich manchmal noch in den Garten hinuntergesprungen und habe mit Leni allein gekost und geküßt — sie war nebenbei die einzige, die ich jemals wahrhaft geliebt habe ... Vor fünfundzwanzig Jahren!

Seitdem ist die ganze Welt vergiftet. Ich kann mich nicht mehr zu Leni flüchten. Sie wird zwischen einem Rudel Kinder sitzen und bereits im Kriege gefallene Söhne beweinen ...


Ich habe zuweilen merkwürdige Anfälle. Vor einer Viertelstunde zum Beispiel sprang ich auf den Stuhl und vom Stuhl auf den Tisch. Auf dem Tisch kreuzte ich die Arme und überschaute die Welt.

Ich hatte nämlich eine Schrift gelesen, die mich ganz außerordentlich ärgerte. Und in solchen Fällen fängt mein Blut so bedenklich an zu sieden, daß ich auf ungewöhnliche Weise die Harmonie meiner Seele wiederherstellen muß. Ich schmeiße dann die Schrift, Zeitung oder Zeitschrift — es handelt sich meist um Kunstkritik — mit Kraft und Schwung an die ziemlich hohe Atelierdecke; breit auseinanderflatternd und klatschend schlägt alsdann, nach dem natürlichen Gesetz der Schwere, das Papier wieder auf den Fußboden auf. Ich kreuze die Arme und gehe nun etliche Male mit Stampfen über den knisternden Wisch hinweg; und meine Seele hohnlacht über die Afterweisheit auf dem Fußboden. Bin ich einigermaßen beruhigt, so hebe ich den zerknitterten Schwätzer, der die Flügel lappen läßt wie ein toter Sperling, mit verächtlichem Mitleid wieder auf, halte ihn mit zwei vorsichtigen Fingern hoch und werfe ihn vollends in den Papierkorb. Dann bin ich wieder harmonisch und hab' die ganze, nunmehr gesäuberte Welt wieder leidlich lieb.

Vor einer Viertelstunde hatte mich eine hochnäsige Schrift über die moderne Kunst geärgert; der Mann sprach mit einem Obenherab von den Unsterblichen Michelangelo, Raffael und Leonardo, mit einer modernen Frechheit über Schwind und Richter, bewies so wenig Sinn für Abstände und so ganz und gar keine Ehrfurcht vor dem Großen, dieser Wurm und Werktagslehrbub — daß ich ihn mit wahrer Wut an die Decke sauste. Leider fiel er auf den Tisch, und da er auf dem Tisch passende Gesellschaft fand, eine Nummer des »Vorwärts«, genudelt mit Haß und Gift, eine Nummer einer konservativen Monatsschrift, triefend von Langeweile, und einen wirren Haufen von Kunstzeitschriften —, so bestieg ich ganz einfach den langen Tisch, reckte mich, schaute aufatmend ins Zimmer und trampelte eine Weile mit gekreuzten Armen auf dem gesamten Druckpapier hin und her. Napoleon bei Austerlitz! Die Sonne kam gerade um die Ecke und grinste dazu. Und Spitzwegs Geist streckte den Kopf mit einer weißen Zipfelmütze behutsam über die Fensterkakteen und kicherte vernehmlich.

Es ist das ein wenig verrückt. Indes, wir Junggesellen haben ja kein liebevolles, in nützlicher Nähe bescheiden an einer Stickerei sitzendes Weib zur Hand, dem wir unsere Gefühle in den Schoß schütten können. Wir müssen also unsere Zornanfälle etwas eigentümlicher entleeren. Wir plaudern mit Stühlen, werfen mit Tintenfässern nach dem Teufel, kämpfen mit Papier, schließen mit Kindern Kameradschaft oder bemalen Leinwand ... So hilft man sich halt in dieser bösen, bösen Zeit.