Manche meiner Freunde, ich gesteh' es, steigen nicht auf den Tisch, sondern setzen sich dran und schreiben Gegenartikel. Diesem Gewimmel von Knirpsen, die heutzutage das Papier bedrucken, gönnen sie Gegenartikel! Ich zucke die Achseln; meine Methode ist einfacher.
Man wird sich ohne anstrengendes Nachdenken sagen können, wie ich zu jener Völkerkeilerei stehe, die man jetzt Weltkrieg nennt.
Daß der Tabak schlechter und spärlicher wird, ist bedauerlich. Daß es eine Vorsehung gibt, wie mein Freund, der Vikar von Jung St. Peter behauptet, davon hab' ich Beweise. Denn dieses Gemetzel hat erst begonnen, als ich das dienstpflichtige Alter eben hinter mir hatte. Ich blieb auf meiner neutralen Höhe. Täglich wanderte ich an den Rhein, suchte mir ein nettes Landschäftel heraus und malte. Was soll man anders tun? Auch noch Leute umbringen? Das geschieht schon ohne mich mit allen Maschinenkünsten der Neuzeit. Oder ich porträtiere elsässische Stadtbürger und Offiziere der Generalität. Während der Sitzungen schimpft der eine auf die Preußen; mit dem plaudre ich über meine Studienjahre in Paris und Fontainebleau. Der andre hat gegen die Franzosen allerlei auf der Leber; den unterhalt' ich von meinem Aufenthalt in München und Oberbayern. In beiden Fällen rauch' ich meine Zigaretten weiter oder streife nach alter schlechter Gewohnheit den beschmierten Daumen am Kittel ab. Es gibt hüben wie drüben interessante Köpfe. Politik interessiert mich nicht.
Ich hab' ein paar tausend Bilder in meinen drei Zimmern und im Atelier aufgespeichert. Das ist meine Bibliothek und meine ganze Freude. Verkaufen tu' ich nicht. Nur wenn ich Geld brauche; und auch dann nur an Leute, die mir gefallen. Aber zeigen tu' ich gern. Da sperren sie dann die Augen auf, die Herrschaften aus Philistäa!
Wenn freilich der Redakteur vom »Elsässer« (e bissel giftig) und der von der »Straßburger Post« (ein gemütlicher Düringer) in meinem Atelier zusammenkommen, so gibt's Krach. Beide sind Kunstkenner und meine guten Freunde, können sich aber gegenseitig nicht schmecken. Der eine ist ein klerikaler Alt-Elsässer, der andre hat preußisch-protestantische Auffassungen. Da hilft man sich halt, wie's eben geht: wenn der Klerikale bei mir ist, häng' ich zur Warnung für den andern ein schwarzes Fähnchen ans Fenster. Und besucht mich der Preuße, so warnt solange Schwarz-Weiß-Rot. Beim ersteren Fähnchen sagen die Philister: Der Herr Speckel hat Trauer; beim andren fragen sie: Steht wieder ein Sieg in der Zeitung?
Soll ich mich in den Völkerhändel einmischen? Werden meine Landschaften dadurch duftiger? Oder meine Bildnisse ähnlicher?
Ich hab' eine närrische Anhänglichkeit an die Rheinlandschaft. Das Wasser, die Weiden, der Duft, das Licht, die Enten, das ferne Münster und die zärtliche Linie der noch ferneren Berge, ob nun Schwarzwald oder Vogesen — ich sitz' drin, wie die Spinne im Netz. Ich rauche wie ein Schlot; häng' auch am Rhein draußen die Angel manchmal ins Wasser — und kann mir nicht denken, was sich an dieser Landschaft und an meinen Malereien ändern sollte, ob nun am Münsterzipfel die deutsche Fahne hängt oder die Trikolore ...
Zehntes Kapitel
Das Grab im Birkenwäldchen
O Himmelskönigin,