[Zweites Buch.]

10.

Neun Monde waren schon Tehminen hingegangen,
Als sie gebar den Sohn wie eines Mondes Prangen.
Die Mutter sah ihn an mit Lust und schmerzenreich,
Er war in jedem Zug wol seinem Vater gleich.
Sie nannte Suhrab ihn, und nam ihn an die Brust;
Das Kind war auf der Welt nun ihre einzge Lust.
So zärtlich pflegte sein die Mutter, die ihn nährte,
Daß keines Dinges er zu keiner Stund entbehrte.
Der Knabe weinte nie; er hatte neugeboren
Gelächelt schon, als sei er nicht zum Weh geboren.
Er wuchs so wunderbar: als er ein Monat war,
Da war er anzusehn, alsob er wär ein Jahr.
Drei Jahr alt, ließ er schon zur Rennbahn sich gelüsten,
Im fünften sah man ihn zum Löwenkampf sich rüsten.
Wie er zehn Jahr alt war, da war im ganzen Land
Nun kein gestandner Mann, der ihm zum Kampfe stand.
Von Leib ein Elefant, von Wangen Milch und Blut,
Rasch wie ein Hirsch gewandt, im Auge dunkle Glut,
Von Wuchse schlank, die Brust gewölbt von hohem Mut.
Zwei Arme schwang er um sich her den Keulen gleich,
Und unten standen fest zwei Füße Seulen gleich.
Wo er im Ringspiel rang, wo er den Schlägel schlug,
War keiner der davon den Ball des Sieges trug.
Er gieng zur Löwenjagd, da ward der Löw ein Fuchs;
Die Zeder rüttelt' er, sie bog sich wie ein Buchs.
Windfüßigem Renner rannt er sturmgeflügelt nach,
Beim Schweif ergriff er ihn, der Renner stand gemach.
Es war alsob zum Kampf die Welt er fordern wollte,
Alsob er selbst bestehn den eignen Vater sollte.


11.

Zu seiner Mutter kam der Knabe, sie zu fragen:
Verwegen sprach er da: Mutter, du sollst mir sagen!
Denn unter meinen Spielgenoßen rag ich hoch
Hervor, mein Haupt empor zum Himmel trag ich hoch.
Wes Samens, welches Stamms ich bin, will ich erkennen;
Wenn nach dem Vater man mich fragt, wen soll ich nennen?
Wirst du mir Antwort nicht auf diese Frage geben,
Am Leben bleib ich nicht, und du bleibst nicht am Leben!
Die Mutter, da sie dieß vom jungen Pehlewan
Vernommen, sah zugleich mit Stolz und Furcht ihn an:
Er war entwachsen ihr, und nicht mehr untertan.
Sie faßte sich und sprach begütigend: Vernimm
Ein Wort, des freue dich, und laße deinen Grimm!
Du bist des Rostem Kind, des Perserpehlewanen,
Und seine Ahnen sind in Iran deine Ahnen.
Drum übern Himmel trägst du hoch dein Haupt hinaus,
Weil du entsproßen bist aus solchem Heldenhaus.
Denn was an Heldentum nun in der Welt erscheint,
Das ist in Rostems Stamm, in Rostem selbst vereint.
Sieh dieses Goldgespang, nimm hin und halt es fein!
Zum Abschied gab mir das für dich dein Väterlein.
Erfährt er, daß sein Sohn erwuchs zum tugendreichen,
Nach Iran ruft er dich, und kennt dich an dem Zeichen;
Dann bricht mein Herz vor Leid, wann ich dich seh entweichen!
O Sohn! Afrasiab, der Schah von Turan, soll
Nicht wißen dein Geschlecht; das brächt uns seinen Groll.
Denn Niemand auf der Welt ist ihm wie Rostem feind,
Rostem, um welchen Blut in Turan wird geweint.
Witwen in Turan macht sein Schwert in jeder Schlacht;
Und ohne Schwertstreich hat er mich dazu gemacht.
Drum vor Afrasiab beware dieß im Stillen!
Den Sohn verderben möcht er um des Vaters willen.
Den Vater hab ich schon verloren, liebes Kind,
Verlör ich auch den Sohn, so wär ich sänfter blind.
Sei stolz, doch sag es nicht, wer deine Ahnen sind!


12.

Doch Suhrab sprach: Wer birgt die Sonn im Weltenring?
Unmöglich wird geheim gehalten solches Ding.
Von einer Heldenabkunft, Mutter, dieser gleich,
Zu schweigen, wäre dir und mir nicht ehrenreich.
Was, Mutter, hast du selbst gehalten lange Zeit
Geheim die Abkunft mir von solcher Herrlichkeit?
Denn alle Kämpen jetzt, die jungen und die alten,
Nur Rostem ists von dem sie Kampfgespräche halten.
Von allen Namen ward zuerst mir seiner kund,
Ich hörte seinen Ruhm aus seiner Feinde Mund.
Wer jenen Riesen schlug? dieß Zauberschloß zerstörte?
Nur Rostem, was ich frug, Rostem war, was ich hörte,
Stets mit Bewunderung, und oft mit Neide gar,
Mit Aerger! wußt ich denn, daß er mein Vater war?
Nun aus Semengan hier, und dort aus Turans Marken,
Versamml' ich all ein Heer der Mutigen und Starken.
Nach Iran will ich ziehn und von dem dunkeln Staube
Der Schlacht dem lichten Mond aufsetzen eine Haube.
Aufrütteln von dem Thron will ich den Keikawus,
Und schlagen aus dem Feld den alten Feldherrn Tus.
Wenn Rostem will, geb ich ihm Thron und Kron und Schatz,
Und laß ihn sitzen auf Keikawus' Fürstenplatz.
Von Iran zieh ich dann nach Turan kampfbereit,
Und fordere den Schah Afrasiab zum Streit.
Vom Throne stürz ich ihn alswie ein Blitz herab;
Die Sonne lang' ich mit der Lanzenspitz herab.
O Mutter, aber dich, du höre meinen Schwur an,
Mach ich zur Königin von Iran und von Turan.
Denn da, wo Rostem ist der Vater, ich der Sohn,
O Mutter, bleibt kein Fürst der Welt auf seinem Thron.
Wo Mond und Sonne selbst im Glanzvereine stralen,
Was wollen Sterne da mit ihrem Schimmer pralen!
So rief er, und erstaunt ließ er die Mutter dort;
Mit höherm Haupt, als er gekommen, gieng er fort.
Von seinem Vater sagt' er keinem doch ein Wort,
Im Herzen macht' er ganz den Vater sich zu eigen,
Doch wenn den Mund er aufthun wollte, mußt er schweigen.
Ihm wars alsob er erst zu Rosse steigen sollte,
Wenn er als Rostems Sohn der Welt sich zeigen wollte.