[1] Zu Borki im Herzogtum lebt ein Beg, ein wirklicher Grossgrundbesitzer, der ein ausgezeichneter Guslar ist. Seinen Reichtum hat er ererbt, nicht selber erworben. Im Auftreten und Gehaben unterscheidet er sich in keiner Beziehung von seinen gänzlich mittellosen Sangbrüdern. Sogar sein Anzug war vernachlässigt. Jeder Guslar ist mehr oder weniger ein Schlampsack, wie man wienerisch sagt.
[2] Nicht anders steht es mit den Reigenführerinnen (Kolovogje), die zugleich Vorsängerinnen sein müssen. Sie verbringen ihr Leben mit dem Lernen und Lehren alter und neuer lyrischer Lieder, vergeuden die Zeit, vernachlässigen die häusliche Wirtschaft und verstehen es nicht, des Hauses Wohlstand zu vermehren. Viele drastische Sprichwörter warnen vor einer Ehe mit solchen Kennerinnen der Überlieferung. An Analogien dazu bei anderen Völkern herrscht Überfluss.
[3] Man lese zur Erläuterung die autobiographischen Bekenntnisse der Guslaren Mehmed Dizdarević (in ‘Bojagić Alilens Glück und Grab’, Intern. Archiv f. Ethnogr. B. IX. 1896. S. 31 des S. A.) und Omer Šestanović (in der Festschrift f. A. Bastian, Berlin, 1896, S. 333 f.) nach. Fragte ich pflichtgemäss nach jeder erfolgten Niederschrift Guslaren, von wem sie das Stück übernommen hätten, bekam ich häufig beschieden: ‘Das weiss ich nicht mehr. Es ist schon lange daher. War ein Hirtlein noch, als ich es von jemand singen hörte und habe es mir gemerkt’.
Džanüms Heerzug.
Haben Guslarenlieder einen geschichtlichen Wert? Ja oder nein? Wenn wir uns über den Begriff Geschichte einigen, werden wir den geschichtlichen Wert solcher Texte hoch veranschlagen. Darauf allein kommt es an, was wir aus der Geschichte schöpfen wollen. Suchen wir grosse Namen, Jahrzahlen, diplomatische Verhandlungen, historisch-politische, statistische und ökonomische Daten, dann können wir Guslarenlieder bei Seite lassen. Wir suchen etwas ganz anderes. Wir suchen nicht einmal nach grammatischen Regeln, unser Ziel und Zweck ist anders geartet. Schon vor mehr denn 70 Jahren würdigte J. von Hammer-Purgstall[1] dichterische Quellen von einem höheren, dem unseren verwandten Gesichtpunkte aus, indem er die Worte niederschrieb: »Die Dichterwerke eines Volkes sind nicht bloss für zergliedernde Prosaiker da, welche den Leib des Osiris zerstücken, oder für silbenmessende Prosodiker, welche virgilianisches Los nur in Silben stechen, sie sind nicht bloss als anatomische Leichname dem Skalpell haarspaltender Grammatiker und versespaltender Variantensammler Preis gegeben; die Poesie eines Volkes ist der treueste Spiegel seines Geistes, Gemütes, Genius und Charakters, sie ist die Flamme des heiligen Feuers der Bildung, Gesittung und Religion, welche von dem Altare der Menschheit zum Himmel auflodert.«
Diesen geschichtlichen Spiegel suchen wir. Ist er aber auch so, dass er uns echte und zuverlässige Bilder zeigt? Unsere Forschungweise spricht dafür. Zum Überfluss bekräftigt uns in unserer Auffassung ein wahrer, grosser Dichter, dem man in dieser Frage ein berechtigtes Urteil kaum absprechen dürfte. Es ist dies Heinrich Heine: »Die Geschichte wird nicht von den Dichtern verfälscht. Sie geben den Sinn ganz treu, und sei es auch durch selbst erfundene Gestalten und Umstände. Es gibt Völker, denen nur auf diese Dichterart ihre Geschichte überliefert worden, z. B. die Inder. Dennoch geben Gesänge, wie der Mahabharata den Sinn indischer Geschichte viel richtiger als irgend ein Kompendiumschreiber mit all seinen Jahrzahlen.«[2]
Damit ist auch der Hauptgrund festgestellt, warum wir uns im grossen und ganzen um die Chronologie der pragmatischen Geschichtschreiber wenig zu bekümmern brauchen. Uns ist die historische Persönlichkeit zumeist gleichgültig, wie gewöhnlich auch den grossen Dichtern, wobei man keinen tiefgehenden Unterschied zwischen Volkdichtern und Kunstdichtern zu machen hat. Ich betone dies, weil ich mich mit den Bemerkungen Eugen Monseurs, in seiner Besprechung[3] einer meiner Schriften nicht in allem einverstanden erklären kann. Er sagt nämlich: »[ce texte] fait admirablement comprendre, que le point de départ de tout développement épique est la chanson populaire contemporaine des événements. Comme les Kablyles d’aujourd’hui, comme les Grecs du temps passé, les Bosniaques du 17e siecle ont chanté les prouesses des héros au fur et à mesure qu’elles s’accomplissaient. Il y a là une loi du genre. Toute épopée a une base historique; nous connaissons la date de la mort de Roland et si nous ignorons celle de la mort de Patrocle, c’est peut-être simplement parce que l’époque homérique ne nous a laissé ni chronique, ni inscription.«
Von den Guslarenliedern hat manches eine historische Grundlage, die Mehrzahl dagegen geht ihrem Kerne nach auf freie Erfindung zurück, die dem literarisch ungebildeten Dichter, nicht minder als dem hochgeschulten Kunstdichter zu eigen ist. Was liegt uns endlich an der Kenntnis des Sterbetages eines Patroklos?! Das nachfolgende Guslarenlied beruht z. B. wohl auf einem geschichtlichen Ereignis, auf der Eroberung Siebenbürgens durch die Türken, doch von dem im Liede gefeierten Haupthelden weiss die Buchgeschichte rein nichts zu sagen, und sogar der Guslar kennt nicht einmal seinen Namen! Džanan (Arab.-türk. džanym, mein Liebster, meine Seele, von Arab. džan, Seele, Atem, Hauch) ist bloss ein Kosewort! Ja, man kann sogar die Schilderung des Heldenstreiches Džanüms für eine Mythe betrachten. Es spricht sehr vieles dafür, dass wir in dieser Episode nur eine Sage in slavisierter Dichtung vor uns haben. Die Persönlichkeit solcher Helden ist meist nicht anders denn als die Verkörperung des Ideals vom Heldentum zu begreifen.