Wir wären nicht besser daran, hätte uns der Guslar statt Džanüm irgend einen möglichen und wirklichen Namen geboten. Besagt uns vielleicht ein Michabo der Algonkins, ein Ioskeha der Irokesen, ein Tamoi der Kariben, ein Itzamna der Mayas etwas von geschichtlichem Belang? D. G. Brintons bezüglich Betrachtung[4] gilt mutatis mutandis auch für die Helden der Guslarenlieder: »It is not always easy to pronounce upon these heroes, whether they belong to history or mythology, their nations poetry or its prose. In arriving at a conclusion we must remember that a fiction built on an idea is infinitely more tenacious of life than a story founded on fact. Further, that if a striking similarity in the legends of two such heroes be discovered under circumstances which forbid the thought that one was derived from the other, then both are probably mythical. If this is the case in not two but in half a dozen instances, then the probability amounts to a certainty, and the only task remaining is to explain such narratives on consistent mythological principles.«

So ganz unanfechtbar erscheint mir der Grundsatz doch nicht; denn eine lokalisierte Erzählung kann durchaus mythisch sein, während ihr Vorbild ein wirkliches Ereignis war. Das Lied erzählt uns, dass Rákóczys gesamte Heermacht beim Ansturm der unbedeutenden bosnischtürkischen Truppenabteilung vom panischen Schreck ergriffen in heller Flucht zerstiebt und ganz Siebenbürgen kläglich unterlegen sei. Die Berichte zeitgenössischer Chronisten, sowohl christlicher als türkischer wissen dagegen von einem ziemlich hartnäckigen Widerstande der Magyaren und Deutschen zu berichten. Der Schilderung des Guslaren entspräche eher die Mut- und Kopflosigkeit der 20,000 Griechen, die von heilloser Angst befallen nach Larissa und von Larissa samt der unkriegerischen Bevölkerung bei Nacht nach Pharsalos und Volo flüchteten. Nun, einen fast gleichen Fall verzeichnet auch die ältere türkische Geschichte, und wir dürfen in unserem Guslarenliede eine Auffrischung der alten Erzählung annehmen. Als im Jahre 1363 das serbische 20,000 Mann starke Heer zwei Tagereisen von Adrianopel an der Marica lagerte, wagte Hadži Ilbeki mit nur 10,000 Mann Osmanen einen nächtlichen Überfall auf das in Sorglosigkeit und Trunkenheit versunkene feindliche Lager. Das Getöse der türkischen Trommeln und Pfeifen, das Schlachtgeschrei ‘Allah! Allah!’ erfüllte die Luft und die Herzen der Christen mit Schrecken; ihn vermehrte die Finsternis der Nacht: »Die Feinde ergriffen, wie wilde Tiere aus ihrem Nachtlager aufgeschreckt, eiligst die Flucht, strömten gegen die Marica hin, schnell wie der Wind hergeht vor der Glut und sanken unter in der Flut,« berichtet der Geschichtschreiber Saeddin.[5]

Ist man bereit, meine Vermutung als begründet gelten zu lassen, so hätte freilich damit Monseurs ‘Gesetz’: ‘toute épopée a une base historique’ einen Beleg mehr für seine Richtigkeit gewonnen.

Es geht nicht gut an, ein historisches Guslarenlied, das von Ereignissen handelt, die ausserhalb Ungarns wenig bekannt sind, einem internationalen Leserkreis vorzulegen, ohne zumindest in knappen Umrissen die politischen Zustände und Verhältnisse des Gebietes anzudeuten, auf dem sich die folgenschwere Handlung abgewickelt. Folgenschwer, weil ein dazumal durchaus von sächsischen Deutschen bewohntes Land gräulich verwüstet und zum Besiedlunggebiet rumänischer, magyarischer und slavischer Einwandererzüge gemacht ward, so, dass der Fortbestand deutschen Volktums in Siebenbürgen bis auf unsere Tage gefährdet erscheint. Ausführliche Belehrung mag man sich aus der Fachliteratur holen, die den Fall Siebenbürgens unter türkische Herrschaft zum Vorwurf hat.[6]

Georg Rákóczy I. starb am 23. Oktober 1648. Es folgte ihm auf dem Fürstenthrone sein schon vor sechs Jahren zum Nachfolger erwählter Sohn Georg Rákóczy II., den der Sultan bestätigte, als er den rückständigen Tribut gezahlt. Rákóczy war siebenundzwanzig Jahre alt und voll des brennendsten Ehrgeizes, der sich durch Kriege gegen die Walachei und Moldau Luft machte und zuletzt im tollkühnen Kampf gegen Polen ihn und das Land ins Verderben stürzte. Wie an Kriegen nach aussen, so ist seine neunjährige Regierung an innerem Hader reich und das sächsische Leben insbesondere hat Menschenalter lang daran zu leiden gehabt.

Am 15. Januar 1653 begann zu Weissenburg auf Betreiben Rákóczys ein Landtag, der nichts anderes zu bezwecken schien, als unter dem Vorwande einer Regelung der Privilegien, die protestantischen Sachsen rechtlos zu machen oder sie wenigstens materiell zu vernichten. Die Abgeordneten der Sachsen wehrten sich ihrer Haut so gut sie konnten. »Geldarm,« sprachen sie, »sind wir durch die teueren Jahre worden und volkarm, wegen der vielen unzähligen Erpressungen, so von Tag zu Tag wachsen, wie auch wegen der Pest, so vor sechs Jahren sehr unter uns gehauset.« Bei einer anderen Gelegenheit sagte Rákóczy (am 11. März 1653) zu den Sachsen, die sich auf ihr Privilegium beriefen: »Und wenn Ihr gleich ein Privilegium hättet, wie diese Stube so gross, so werdet Ihr das nicht erhalten, dass die Artikel, so vorwar gemacht sind, sollten aufgehoben werden.« Schon vier Jahre später entschuldigte sich Rákóczy geradezu, freilich als er in schweren Nöten war und die Sachsen gern für sich gewinnen wollte, dass er jenen Beschlüssen beigestimmt.

In leichtsinnigem Ehrgeiz hatte nämlich der Fürst 1653 die Moldau, im folgenden Jahr die Walachei mit Krieg überzogen. Noch übermütiger durch das Glück seiner Waffen, verband er sich mit dem König von Schweden gegen Polen, dessen Krone sein lockendes Ziel war. Wider den Willen der Pforte begann er im Januar 1657 den Krieg; nach sechs Monaten lag fast die Hälfte seiner Truppen auf den Schlachtfeldern und mehr als 20 000 waren in die Gefangenschaft geraten. Sechshundert adelige Frauen, in Trauergewänder gekleidet, traten im August vor den Landtag und forderten ihre Gatten, Väter, Brüder. Auch der Tatarenchan war da mit einem langen Verzeichnis der Gefangenen. Die Stände mussten eine Steuer aufschlagen, wollten sie jene nicht im Elend lassen, zwanzig Gulden auf die Pforte, auf jeden ungarischen und walachischen Pfarrer zwei Taler, auf die sächsische Geistlichkeit einen Jahrzins. Es ist daher erklärlich, wie den Fürsten bei seiner Rückkehr der Unwille des Landes empfing.

Noch mehr wurde Rákóczys Stellung durch den Zorn des Sultans[7] gefährdet. Wenige Wochen später schickte er Gesandte nach Siebenbürgen mit einem Schreiben nicht an den Fürsten, sondern an die drei Völker des Landes lautend. Böses ahnend rief sie Rákóczy auf den 25. Oktober 1657 nach Weissenburg zusammen. Da las denn der Landtag den Befehl des Sultans, dass Rákóczy, den er, der Sultan, in Siebenbürgen, dem ihm durch Waffengewalt eigenen Lande, zum Fürsten eingesetzt, dieser Würde verlustig sei, weil er treulos und verräterisch geworden und wider der Pforte Willen ihre Erblande und Polen mit Krieg heimgesucht. Darum solle das Land sofort und ohne Aufschub einen neuen Fürsten wählen, dieweil der Pascha von Ofen bereits im Felde sei, um jeden Abfall und Ungehorsam zu strafen. Die türkischen Abgeordneten, »feine Leute«, setzten hinzu, falls die Wahl nicht sogleich vorgenommen würde, werde der Sultan »das Land zu Asche und Staub machen und den Winden heimbefehlen.«

Am 2. November wurde Franz Rhedei zum Fürsten gewählt.

Das Menschenalter, das nach Rákóczys II. erzwungener Abdankung blutig vorüberrauschte, gehört zu den jammervollsten der vaterländischen Geschichte, bemerkt mit Recht Teutsch, der ausgezeichnete Geschichtschreiber Siebenbürgens, dessen Werke wir auch nachstehende treffliche Angaben verdanken; nicht nur, dass es »überreich an Unfällen, voll verderblicher Schlachten, voll Zwiespalt und Aufruhr, selbst im Frieden entsetzlich« — auch zu anderen Zeiten hat den Boden Siebenbürgens das Blut seiner Söhne getränkt und das Recht unter dem Fusstritt der Gewalt geseufzt: das ist das Erdrückende in jenen Jahrzehnten, dass sie nicht einen wahrhaft grossen Mann besitzen, nicht ein wahrhaft grosser Gedanke in ihnen lebt, dass nur Mittelmässigkeit und Willenlosigkeit darin das Leben erfüllt, und selbst die Keime späterer, besserer Gestaltung der Landzustände ihren Ursprung nicht der schöpferischen Geistkraft jener, die an der Spitze standen, verdanken, sondern der zwingenden Gewalt der Notwendigkeit.