Novak (novus, der Neue) war des Helden Vorname, sein Beiname (nach bulgarischer epischer Überlieferung) Herr von der Burg Klisura (irgendwo bei Vakarel Ichtiman); sein Spitzname Debeljak (Dickwanst). Sein Bruder hiess nach den serbischen Guslarenliedern Radivoj und der Sohn Grujo (Georg). Klisura, griechisch Litharisa ist ein im bulgarischen Gebiet häufig vorkommender Namen auf Felsen erbauter Burgen, für den Serben dagegen ist klisura nur eine studena stijena, der kalte Felsen. Wenn nun Novak in einem kalten Felsen haust, befindet sich wohl im Gestein eine Höhle. Also erniedrigte erst die serbische Sprache und Sage den alten, greisen Novak zum Höhlenbewohner. Eine Sage gebiert die andere. Was mag den fürtrefflichsten aller Kämpen zur Flucht in die Einöde bewogen haben? Die Sage macht dafür schlankweg »die verfluchte Königin Jerina« (prokleta Jerina) verantwortlich. Diese, im übrigen recht harmlose Dame, hauste in Zvornik oder auf der Veste von Srebrnica in Bosnien. Statt der Zugtiere liess sie Menschen vor den Pflug spannen und heischte vom Volke hohe Steuern. Das Steuerzahlen war aber bei den Serben nicht einmal in der epischen Epoche ein beliebter Sport. Bei den Chrowoten und Serben verspricht fast jeder Parlamentkandidat in seiner Programmrede den versammelten Wählern gänzliche Aufhebung aller Grundsteuern und Abgaben, oder zum Mindesten deren Abwälzung auf die Juden[3]. Das packt. Auch Novak entschloss sich, sein Volk zu befreien, und:
| odmetnu se Novak u hajduke | »ins Räuberleben schlug sich Novak fort«. |
Dort in der Felswand lässt ihn mit seinem Sohne und dem Gefolge das Volk hausen und von Zeit zu Zeit auf Abenteuer ausgehen. Wenn irgend etwas Grosses in der Welt vorfällt, laden die übrigen Helden gern den alten, achtzigjährigen Haudegen zur Teilnahme am Zuge ein. Im Guslarenlied ist der greise Novak immer volle achtzig Jahre alt. Was Wunder, wenn sich Novak auch einmal in der ehrwürdigen Rolle des Perseus zeigt, der Andromeda aus des Drachen Gewalt befreit. Davon handelt unser Lied.
Unsere Andromeda ist namenlos, ihr Vater ist nicht mehr König Kepheus sondern der Bulgarenfürst Michaël. Bulgarien ist für den bosnischen Guslaren ein weit entferntes Land, über dessen Lage und Bevölkerung er und seine Zuhörer fabelhafte Vorstellungen hegen. Das ist kein rechter Held ersten Ranges vor den Guslaren, der nicht schon den Drachen einmal getötet und die holde Maid erlöst hat. Prinz Marko und Relja, Mustapha von Kladuša und Orlović der Burggraf von Raab haben den Kampf glanzvoll bestanden, also auch Novak musste drankommen; denn:
| nema kiše brez mutna oblaka ni junaka brez starca Novaka! | »ohn trübe Wolke gibt es keinen Regen und ohn den alten Novak keinen Degen!« |
In einem anderen Guslarenliede besiegt Prinz Marko unter Mithilfe Reljas mit den Flügeln, einem Rufe der hartbedrängten Bevölkerung von Janina folgend, den Drachen vom See (Pambotis) und tötet bei der Gelegenheit den albanesischen Helden Musa kesedžija (Mustapha den Beutelschneider, Strauchritter) und dessen Gesellen Gjemo Brgjanin (Gjemo den Älpler). Der Drache (blôr, blavor) war eine 12 Ellen lange Schlange, die sich mit jungen Mädchen und Burschen zum Futter begnügte. In ihrem aufgesperrten Rachen konnte bequem ein fetter Mastochs Unterschlupf finden. Marko erwischt den fliehenden Musa just vor den Toren Litharisas und macht ihm und Gjemo den Garaus.
Das ist die Örtlichkeit unseres Guslarenliedes. Die Fabel klingt nur etwas anders, etwas modernisiert. Der Gebieter (Ban) der Burg von Janina (Janok) freit um die Prinzessin von Bulgarien. Der Fürst kann sie ihm nicht ohne weiteres überlassen; denn er weiss, was er seinem Drachen schuldig ist. Der Ban von Janok holt sich dann unter Beistand Novaks und anderer Helden die Braut ab, nachdem Novak das Ungeheuer glücklich getötet. Die Fabel erscheint hier ins Serbisch-ritterliche übersetzt und der märchenhaft grellen Szenerie einigermassen entkleidet. Der Drache hat menschliche Gestalt angenommen und sitzt als schwarzer Araber hoch auf einem brüllenden Beduinenrappen. Sonst erfreut sich der Schwarzaraber des Besitzes dreier Köpfe, wie z. B. der, mit dem mein Orlović einen Strauss ausgefochten[4]; von rechtswegen müsste er als Drache siebenköpfig sein. In unserem Liede ist der Araber bloss einköpfig, doch sieben Bräutigame und deren Gefolgschaften hatte er ums Leben gebracht. Ein bulgarisches Guslarenlied erzählt uns des näheren vom Aussehen des Arabers und es empfiehlt sich die kurze Schilderung hier zu wiederholen, um unser Lied damit erläuternd zu ergänzen, auf dass man begreife, was für wackerer Degen sein Besieger, Novak der Heldengreis, gewesen.
Ein Brautgeleite zog mit der Braut durchs Hochgebirge, da plötzlich:
| Ostreka i edna strašna beda, | ein furchtbar Ungetüm begegnet ihnen, |
| strašna beda hala-haletina, | ein furchtbar Ungetüm, ein grauser Drache, |
| haletina cŏrna Arapina! | der Drache war ein schwarzer Araber! |
| Dolna usta na gŏrde mu bie, | Die Unterkiefer schlägt ihm auf die Brust, |
| gorna usta v čelo go udara; | die Oberkiefer stösst ihm an die Stirne; |
| glava mu kolku dva tŏpana, | an Umfang gleich sein Haupt ist zweien Trommeln, |
| oči ima kolku dve panici; | gleich zweien Tellern gross sind ihm die Augen; |
| usta ima kolku mala vrata, | sein Mund so gross wie eine kleine Haustür, |
| zŏbi ima četiri dikani, | vier Pfähle dienen ihm im Mund als Zähne, |
| nodze ima Solunski direci. | als Füsse wohl aus Salonichi Balken. |
| Koga klapat taja pusta usta, | So oft er aufreisst diesen wüsten Rachen, |
| dur ot usta ogin isfŏrljuva, | speit Feuerflammen aus dem Rachen er, |
| dur na gora listovi obliva. | bedeckt mit Geifer er das Laub vom Hochwald. |