Manche meiner Fachgenossen in Folklore erachten es für geboten, sich auf Reisen bei Erhebungen zu »verstellen« und allerlei Künste zu gebrauchen, um den »Kundigen« ihre Weistümer abzuhorchen und herauszulocken. Auf derlei verstehe ich mich nicht, und es geht mir auch wider den Strich. Es ergab sich regelmässig als zweckentsprechend, dass ich den Leuten in ihrer Ausdruckweise klar und bündig — viel reden ist nicht meine Art — darlegte, um was es sich mir handelt. Im Notfall gewann ich die Menschen durch meine heitere Laune und Freigebigkeit. So geschah es, dass ich 14 Monate lang herumreiste, ohne auch nur ein einzigesmal irgendwelch erzählenswertes Abenteuer zu bestehen.

In dunkler Nacht kam Milovan dahergeritten und kehrte gleichfalls in die Mühle ein. Ich tat, als sähe und hörte ich ihn nicht, obwohl ich ihm nicht mehr gram war. Er kauerte sich zu mir hin und begann: »Herr, ich wollte dir bloss sagen, was für ein Mensch der Mönch ist. Die Nichte meines Gevatters sollte kirchlich getraut werden, er aber forderte zunächst von der Hausgemeinschaft die Bezahlung alter Kirchengebühren von 130 Gulden. Da sie kein Geld besassen, mussten sie es zugeben, dass das Mädchen ohne Hochzeitzug und Segen zum Bräutigam ins Heim lief, gleich einer, die sich selber dem Manne aufdrängt. So leben sie auf Borg (i. e. in wilder Ehe). Nun, ihr Kind musste er doch taufen, ohne Bezahlung, weil es ihm die Herren (die Behörde) gebieten. Vor dir warnte er mich, als ich dir aus Liebe folgte. Ich erfuhr mit der Zeit, dass du mir gütiger als ein Vater und eine Mutter bist, wie das Lied von Ljubović und seinem Milchbruder Majković erzählt. Der war ein Türke und der ein Christ und sie waren doch Brüder, als ob eine Mutter sie geboren hätte. Das wollte ich dir auf der Berghöhe sagen, weil wir allein waren und meine Seele deiner Wohltaten gedachte. Deinen Glauben hatte ich nicht die Absicht anzutasten.«

»Milovan, du wähltest zumindest Zeit und Ort für deine Erklärung sehr schlecht. Merk dir’s wie es im Liede heisst:

pusta gora nije nikat sama jal brez vuka, jali brez hajduka! Der wüste Wald weilt niemals so verwaist, dass frei von Wolf er wär’ und Wegelagrer!

In Hochwald hat man die Zunge hinter den Zähnen zu zügeln! Man se vraga ne goni mu traga! Vom Teufel fleuch, verfolg nicht seine Fährte! Erwähn mir auch nie wieder deinen und meinen Glauben. Du bist Christ für dich und ich ein Gläubiger für mich. Scher dich um das Wohlbefinden unserer Gäule, nicht aber um unsere Seelenheile. Jetzt iss dich an und sing das Lied, auf das du anspieltest.«

»Kann ich singen, wenn du mir nicht sagst, dass du mir wieder gut bist?«

»Bring mich nicht neuerdings in Harnisch! Dass dich das Taschenveitel...! Sing! Nimm aus dem Rucksack die Guslen heraus und erheitre die Gesellschaft, sonst binde ich dich den Rossen an die Schweife an, dass sie dich zerreissen und ein anderer Guslar von dir zu singen haben soll!«

Erwähnen will ich, dass sich kein einziger von den Anwesenden (lauter Moslimen) in das Gespräch einmengte. Bei den bäuerlichen Moslimen gilt es nämlich für höchst unanständig, sowohl über die Gattin als über seine Konfession vor Fremden zu reden, indem diese Pluderhösler noch so roh und kulturfremd sind, zu glauben, dass Herzensangelegenheiten einer öffentlichen Besprechung nicht unterzogen werden dürfen.

Das Lied nahmen alle Zuhörer beifällig auf; dann liess ich es mir in die Feder sagen. Bis zum letzten Buchstaben harrten alle mit aus und schauten mäuschenstill zu, und als ich gar das Lied Wort für Wort wieder verlas, waren sie von mir förmlich entzückt und beschenkten mich. Der Müller nahm für die Bewirtung keine Bezahlung an. Die Ehre, dass ich bei ihm geweilt, stand ihm höher als Geld.

Das Stück erlernte Milovan um das Jahr 1850 als Sauhirtlein von einem älteren Guslaren katholischer Konfession, der in Gradačac zu taglöhnern pflegte. Der Mann hatte sich aus dem Herzogtum in das Saveland verlaufen. Weiter ist mir über sein Schicksal nichts bekannt.