Zu V. 1. Von den Ljubović erzählt so manches Guslarenlied, was sie für grosse, verwegene, sultantreue Helden gewesen. Ein riesig langes Lied meiner Sammlung handelt von einem Ljubović, wie er dem Sultan Bagdad erobert. Welcher es aus der langen Reihe der Helden dieser Sippe gewesen, ob gar der unseres Liedes, lässt sich nicht bestimmen. Die Ljubović waren in allen grossen Kämpfen mit. Mustafaga Dickwanst schreibt ein Aufgebot aus und sagt im Brief an den Paša von Mostar:
| »O turčine Šarić Mahmudaga! | Vernimm mal, Türke Šarić Mahmudaga! |
| Eto tebi knjige našarane: | Empfange hier ein buntbeschrieben Schreiben: |
| Pokupi mi od Mostare turke, | biet auf die Türkenmannen mir von Mostar, |
| ne ostavi bega Ljubovića | doch lass daheim nicht Ljubović den Beg |
| sa široka polja Nevesinja; | vom breiten Blachgefild von Nevesinje; |
| jer brež njega vojevanja nejma! | denn ohne ihn kein Feldzug kann gelingen! |
Als Zrinyi Essegg belagerte, meldete sich ein Beg Ljubović als freiwilliger Kundschafter bei Sil Osmanbeg dem Befehlhaber von Essegg, um durch das Belagerungheer durchzudringen und dem Paša von Ofen Meldung zu bringen von der Bedrängnis der Festung.
Ein Ljubović bewährt sich als Kundschafter auch bei der Einnahme von Ofen. Vergl. ‘Wie Mohammed Köprülü Vezier geworden’.
V. 3. Nach Syrmien kam er wohl nicht. Das müsste sich auch Milovan sagen als Grenznachbar der Syrmier, wenn er über die Worte seiner Lieder nachdächte; er plappert aber hier gedankenlos die erlernten Verse seines Vorläufers nach, der auch nicht geistreicher als Milovan war. Wahrscheinlich sang der erste Guslar (der Dichter): po Lijevnu, okolo Lijevna. (In Delminium und um Delminium herum), denn auf diesem Hochplateau war die Rinderzucht, mehr als sonstwo im Lande, besonders gedeihlich entwickelt.
V. 10. Es ist ein Unding, die Leute von Nevesinje erst an der Narentamündung den Beg von der Reise abmahnen zu lassen. Das konnten sie doch daheim schon tun; aber die Verstechnik und Poetik erfordert hier eine Wiederholung des Subjektes des Nachdrucks wegen und dann einen Reim zur ersten Zeilenhälfte. Ob er den dichterischen Zweck hingäbe, lieber widerspricht der Dichter der Wahrheit.
V. 12 und 35 a. Kavgu načinili. Kavga, türkisch Lärm, Streit. Man sagt nicht k. n., sondern k. učiniti einen Lärm machen oder k. zametnuti einen Streit anzetteln (gewöhnlicher), doch das passt hier ganz und gar nicht. In einer Novelle bei Bret Harte hat ein Goldgräber den Spitznamen Eisenpirat, weil er dies Wort für Eisenpyrit gebrauchte, das ihm weniger geläufig war. So verwechselt auch unser Guslar das ihm sonst nicht vertraute türkische kavl, Wort, Abmachung, mit kavga, das er täglich hört und übt. Ich hielt es für unzulässig, den Fehler im Texte zu berichtigen, doch in der Verdeutschung vermied ich ihn, weil es keinen Sinn gehabt hätte, ihn beizubehalten.
V. 12 und 35 b. Car und ćesar sind nur verschiedene slavische Wortformen von Caesar, doch bedeutet car den Sultan, ćesar den »Kaiser von Wien«. »Die türkischen Staatsinteressen brachten es mit sich, dass selbst durch Tributzahlungen kein dauernd friedliches Verhältnis zu sichern war zwischen dem Sultan und dem ‘König von Wien’, wie der türkische Sultan in seinen Diplomen die Kaiser nannte, indem er sie offiziell weder als Könige von Ungarn noch als Kaiser von gleichem Range anerkennen mochte.« Salomon, Ungarn im Zeitalter der Türkenherrschaft, deutsch von G. Jurány. Leipzig 1887. S. 90. »Im Jahre 1606 hörte Ungarn auf, dem Türken den jährlichen Tribut zu zahlen, statt dessen ‘einmal und nicht wieder’ 200 000 Gulden in Bargeld, Gold und Silbersachen nach Konstantinopel geschickt wurden. Als internationale Errungenschaft kann auch das erscheinen, dass der Sultan den deutschen Kaiser nicht mehr ‘König von Wien’, sondern ‘römischer Kaiser’ nennt.« Salomon l. c.
V. 21. Ich übersetzte nach der üblichen Bedeutung: deutsche Kaufleute, aber hier waren die Käufer keine Deutschen, sondern gewiss Italiener, vlasi (siehe V. 29 vlaški Zadar). Njemački wird nun hier im ursprünglichen Wortsinne angewandt zur Bezeichnung von Leuten, die der slavischen Sprache unkundig, also gewissermassen stumm, sprachlos sind. Vielleicht wäre darum die Übersetzung »fremdsprachig« auch in meiner Verdeutschung anzubringen.