Die drei Lieder zeichnete ich von einem bettelnden Guslaren zu Mačkovac auf nebst mehreren ausführlichen Legenden und Stücken, die von der Befreiung Serbiens unter Kara Gjorje handeln. Längere Lieder trägt er bei grösseren Volkansammlungen, kurze nur auf Dörfern vor Einzelgehöften schnorrend vor, wenn er nicht gewillt ist, seinen Aufenthalt auszudehnen. Das erste, die Schauermär, dient ihm gewissermassen zur Einleitung und die andern als Draufgabe, falls ihn das erzielte Geschenk launig stimmt. Die eigentlichen, herzerweichenden Jammer- und Bettellieder sind nicht sein Fach. Der Mann ist unverkrüppelt, gesund und wäre arbeitkräftig bei seinen fünfzig oder sechzig Jahren; er ist bloss heimlos, unstätt, arbeitscheu und dem Suff ergeben.
Seiner Konfession nach nennt er sich einen altgläubigen Christen. Da er viel im Lande herumkam, lernte er auch viele schöne Lieder auswendig. Ihm ist poetisches Nachempfinden zu eigen. Seine ständige Melodie ist ungeziert, gemessen, sein Vortrag ohne Übertreibungen. Unser erstes Lied übernahm er von einem Moslim. Vermutlich war aber der ursprüngliche Guslar-Dichter ein Christ. Die Namen Jovo (Johannes) und Joso (Josef) hätte kein Moslim eingesetzt. Der moslimische Sänger vermoslimte das Lied einfach und einfältig durch Erhebung der Brüder zu Begen, der Frau zu einer Begin und Einschaltung der türkischen Zeitbestimmung. Die anderen zwei Lieder sind gewiss auch alt und von Christen gedichtet.
Den Namen des Guslaren will ich verschweigen. Er ist ein Schmutzfink sondergleichen, habsüchtig und frech. Vielleicht leidet er an moral insanity. Er verbreitete um sich einen die Nerven aufreizenden Dunst und Geruch, dass mich davon Üblichkeiten befielen, obgleich ich — es war am Tag der hl. Drei Könige 1885 — die Niederschrift unter freiem Himmel vornahm und mir den Gesellen zwei Schritt vom Leib hielt. Ich hatte ihn reichlich bewirten lassen und ihm für seinen Zeitverlust einen Papiergulden geschenkt. Mit dieser Gabe war er höchlich unzufrieden und er schmählte lästerlich. Ich ging in die Küche, er folgte schimpfend hinterdrein nach. Die Schaffnerin, eine stattliche, noch jugendliche Bäuerin, wies ihn zurecht. Er schleuderte ihr einen ehrenrührigen Anwurf zu, sie ihm flugs an den Kopf den Glutschürer. Im Nu war das gesamte Hausgesinde zur Stelle, und sie jagten ihn nicht bloss zum Gehöfte hinaus, sondern auch unter Scheltworten und Stockhieben über die Grenze des Grundbesitzes.
Des Sängers Fluch rührte mich nicht; denn hundert Kreuzer, wie hier in zwei Stunden, ficht er sonst nicht in einer ganzen Woche zusammen. Meine Auslagen für mich, meinen Milovan und unsere bejahrten Klepper waren genug gross, um mich von verschwendischer Unterstützung des fuselgierigen Lasters abzuhalten. Späterhin liess ich mich mit keinem Bettelmann mehr ein. Das sind in jeder Beziehung die allerletzten unter den Bewahrern der Überlieferung im Bosnalande.
Die Wortformen tiko, praka, snaka f. tiho, praha, snaha sind keine Druckfehler in den Texten.
Variante zu I. bei Bogoljub Petranović, Srpske nar. pj. iz Bosne. knj. I. Sarajevo 1867. Nr. 19. — Zu II. ebenda, Nr. 16 und zu III. Nr. 18. Es liegt die Vermutung nahe, dass auch ihm ein Sänger alle drei Stücke bei einer und derselben Gelegenheit vorgetragen. Die Übereinstimmung meiner Niederschriften mit den seinigen bei belanglosen Abweichungen beweist, dass er dazumal noch nicht die Unterstellung eigener Erzeugnisse für Volklieder und die Überarbeitung von Liedern gewerbmässig betrieben hat. Von einer bescheidenen Anzahl der dargebotenen Texte schon dieser Sammlung ist er gewiss der alleinige Urheber. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Petranović die Lieder von demselben Wanderbettler, wie ich empfangen. Er gibt seine Sänger bei den Liedertexten nicht an; die Neugierde bewog mich aber, während ich diese Zeilen schrieb, sein Vorwort wieder nachzulesen, und siehe da, auf S. V. u. VI. steht der volle Name unseres gemeinsamen Bekannten als eines seiner Gewährmänner gedruckt zu lesen! Er nennt ihn einen Sänger von seltener Begabung und Gedächtniskraft! pjevač rijetkog dara i pamtenja. Zum ekelhaften Trunkenbold und Ohnerast ist der gute Freund wahrscheinlich gerade durch seine Begabung geworden, die ihm freien Zutritt in jede lustige Gesellschaft eröffnete, wo man ihn zuviel mit geistigen Getränken begabte. Die längeren, rein epischen Lieder des Fiedlers, die ich noch vorgemerkt, fehlen bei Petranović.
P.’s Sammlung, von der mein Handexemplar das einzige in deutschen Landen sein dürfte, war nicht im Buchhandel erschienen, sondern auf dem im Süden üblichen Schnorrwege, d. h. bei mitleidigen Subskribenten, angebracht worden. Sie gehört seit Jahren zu den grössten bibliographischen Seltenheiten. Irgend eine Spur in der Wissenschaft der Volkkunde hat sie nicht hinterlassen. P. hatte und wusste nichts zu den aufgefundenen Liedern zu sagen. Ihm waren sie bloss ein nationaler Unterhaltungstoff. Meine Erklärungen und Übersetzungen müssen der Wiedergabe meiner Niederschrift der Texte zur Entschuldigung dienen, wofern es einer solchen bedarf.
I. V. 6. Frauenblatt, balsamica vulgaris, ein fruchtbares Unkraut, das den Garten gern überwuchert. Man liebt es deswegen nicht, trotz seines starken und nicht unangenehmen Geruches. Der Vergleich mit dem Frauenlos stimmt nicht gut.
V. 29. Wie ein Vogel sein Junges unter dem Flügel schirmt.
V. 30. na sadžadu. türk. serdž, Pferdesattel, Pferdedecke, sarradž, Sattler. Als Lehnwort im serbischen in der Bedeutung »Teppich« auch in der Wortform sedžada, serdžada, segjija (?) Im Liede: