An zweiter Stelle bringe ich eine Fassung, die darum beachtenswert ist, weil der Guslar einen einleuchtenden Beweggrund für den seltsamen Ausflug der beiden Helden ins unwirtliche Hochgebirge anführt. Lust und Freude an waghalsigen Streifungen auf trostlos öden Berghöhen hat ja der Südslave nicht. Der Guslar lässt seine Helden eine sehr dringliche, hochadelige Geschäftreise machen, nach unseren, im Sinne eines südslavischen Volksängers stark weibischen Rechtanschauungen wären jedoch jene Helden bloss Wegelagerer, die auf einen Raubzug ausgegangen. Die edlen Ritter betrieben aber Raub und Plünderung als ehrliches Gewerbe, und darum spricht Relja z. B. im V. 30 von einem »befreien« und »erlösen«, wo wir heutzutage in deutschen Landen »stehlen oder rauben« sagen würden.

So wie dieses heben sehr viele andere Lieder auch an. Der Guslar hat eben seine Erfindunggabe nicht viel angestrengt. Mit dieser Einleitung hat die ganze Geschichte eine tiefe Wandlung erfahren, so dass die Erlegung des Helden durch den Vilenpfeil nur mehr als eine zufällige Episode erscheint. Prinz Marko hat förmlich einen Rechtanspruch auf die Rosse als auf eine Sühne für das an seinem Wahlbruder begangene meuchlerische Verbrechen. Dafür übt er Gnade für Recht und lässt die Vilen leben.

Der Schauplatz der Handlung ist ins Volujakgebirge an der herzogländisch-montenegrischen Grenze verlegt. Vilen hausen auf allen Hochgebirgen, und den Guslaren ist es gleichgültig, wo sich eine Begebenheit abspielt. So heilig als das eine, ist ihm auch jedes andere Gebirge, es wäre denn wo auf einem Berge ein alter, christlicher Wallfahrtort in einer Höhle, wie es deren mehrere gibt.

Sedam vila u Volujak gori.Von den sieben Vilen im Volujak-Gebirge.
Vino pila do dva pobratima, Zwei Wahlgebrüder sich am Wein ergetzten
u Kosovu u pjanoj mehani. zu Leitengeben in dem trunknen Kruge.
Jedno mi je kraljeviću Marko, Prinz Marko ist der eine von den Beiden,
a drugo je krilati Reljica. der andre ist der Flügelträger Relja.
5 — Kat se ladna napojili vina, Nachdem sie sich erlabt am kühlen Weine,
progovara kraljeviću Marko: hub an das Prinzchen Marko so zu reden:
— Pobratime, krilati Reljica! — O Bundesbruder, Flügelträger Relja,
ne znaš gjegod ćara ja šićara, hast du von Raub und Beute welche Zeitung?
su čim ćemo prezimiti zimu Wie werden wir den Winter überwintern
10 od Mitrovog dana jesenjega vom heiligen Demeter an im Herbste
do proljeća dana Gjurgjevoga? bis zum Georgtag, wann der Frühling anhebt?
Progovara krilati Reljica: Herr Relja mit den Flügeln, gibt zur Antwort:
— Pobratime kraljeviću Marko, — Prinz Marko, du mein teurer Bundesbruder,
jesam čuo a kažu mi ljudi, wie ich’s vernahm und wie die Leute sagen,
15 tamo ima polje Gacko ravno, liegt dort ein wegsames Gefilde, Gacko,
a viš njega Čemerna planina, und höherwärts — das Čemer-Hochgebirge
a na više Volujak planina, und höher zu das Volujak-Gebirge;
a u planini zeleno jezero, dort sei ein grüner See im Hochgebirge
u jezeru sedam vila, und in dem See dort hausen sieben Vilen,
20 sedam vila sedam drugarica ja, sieben Vilen, sieben Bundesschwestern
kod jezera na rosnoj livadi. am See auf einer taubenetzten Wiese.
Na livadi dva konja viteza, Da grasen auf der Au zwei Ritterrosse;
zlatne su im grive i repovi, aus Gold sind deren Mähnen und die Schweife,
na čelu im danica zvijezda, auf ihrer Stirn der Morgenstern Aurora,
25 na prsima mjesečina śjajna, auf ihrer Brust ergleisst der helle Mondschein,
na sapima itra vidra igra. auf ihren Rücken spielt die flinke Otter.
Da spremimo našega šarina, Wohlan, so rüsten wir denn unsren Schecken,
a i meni pretila gavrana, doch auch für mich noch meinen feisten Raben
da idemo Volujak planini, und ziehn wir aus ins Volujak-Gebirge;
30 ne bismo li konje izbavili; wenn’s glückt, befreien wir uns jene Rosse,
mi bi mogli prezimiti zimu, dann könnten wir den Winter überwintern
od Mitrova dana jesenjega, vom heiligen Demeter an im Herbste
do proljetnog Gjurgjevoga dana. bis zum Georgtag, wann der Frühling anhebt.
A kad začu kraljeviću Marko, Sobald das Prinzchen Marko dies vernommen,
35 itar Marko na noge skočio, so flink er war, so war er aufgesprungen,
pa opremi dva konja viteza, und rüstete die beiden Ritterrosse,
sebi šarca a Relji gavrana. den Schecken sich, den Raben dann für Relja.
Povedoše dva sokola siva, Sie führten noch mit sich zwei graue Falken,
povedoše dva rta bijela, auch führten sie noch mit zwei weisse Rüden,
40 pośjedoše konje vitezove. und schwangen sich auf ihre Ritterrosse.
Eto ti ih Čemernu planinu, Schon sind sie angelangt im Čemer-Hochland
vatiše se Volujak planine, und kehren ein ins Volujak-Gebirge,
pa zavika kraljeviću Marko: da ruft mit ganzer Stimme Prinzchen Marko:
— Pobratime krilati Reljica, — O Bundesbruder, Flügelträger Relja,
45 nu zapjevaj te me razgovaraj, geh, sing einmal, zerstreue meinen Unmut,
nešto sam ti šemno neveselo, ich bin so trüb und fühl mich so beklommen,
jal je sanak jal je danak sugjen. leicht ist’s ein Traum, leicht schlägt mein letztes Stündlein!
Beśjedi mu krilati Reljica: Drauf spricht zu ihm der Flügelträger Relja:
— Pobratime kraljeviću Marko, — Prinz Marko, o mein teurer Bundesbruder!
50 ja ne smijem jutros popjevati, heut wag ich’s nicht ein Liedchen anzustimmen,
jer se bojim sedam nagorkinja, ich fürcht mich vor den sieben Alpenvilen;
oće mene ustrijelit vile. mit ihrem Pfeil erlegen mich die Vilen.
Progovara kraljeviću Marko: Ermunternd spricht zu ihm das Prinzchen Marko:
— Nu zapjevaj te me razgovaraj, — Traun! sing ein Lied, zerstreue meinen Unmut
55 a ne boj se nikoga do Boga, und fürchte niemand ausser Gott den einen,
dok je tebi na šarinu Marko, solang dir Marko sitzt auf seinem Schecken,
i dok su mu dva sokola siva, solang er noch besitzt zwei graue Falken,
i dok su mu dva rta bijela. solang er noch besitzt zwei weisse Rüden.
A kad začu krilati Reljica, Als Relja Flügelträger dies vernommen
60 on zapjeva tanko glasovito, so stimmt er an ein Lied gar hoch und hallend,
sve sa gore polijeće lišće, dass von dem Waldgebirg die Blätter flogen
a sa zemlje djetelina trava. und von der Erde weg das grüne Kleegras.
Začu njega sedam nagorkinjâ, Es hörten ihn wohl sieben Alpenvilen,
nagorkinjâ sedam drugarica, wohl sieben Bundesschwestern Alpenvilen,
65 bir ga čuše birden ga poznaše: kaum hörten sie ihn, schon erkannten sie ihn.
— Čuj kopila krilatog Reljicu! — Da hör’ den Bastard Relja Flügelträger!
Govori im starješnica vila: Die Vila-Älteste, die sprach zu ihnen:
— Čujete me sedam drugarica, — Ihr sieben Waldgenossinnen, vernehmt mich,
koja ć ići Relju ustrjeliti? he, welche will erlegen gehen Relja?
70 daću njojzi moje starješinstvo Der schenk ich meine Oberalterstelle
brez promjene za sedam godina! ohn’ Unterlass für volle sieben Jahre!
Drugarice nikom poniknule Die Freundinnen verstummten mäuschenstille
i u crnu zemlju pogledale und senkten feig den Blick zur schwarzen Erde
kako raste na odgojke trava und schauten wie die Gräser schwellend wachsen,
75 kano dojke u mlade djevojke; als wie die Brüste eines jungen Mägdleins;
al ne gleda najpotanja vila, nur eine schaut nicht so, die schlankste Vila,
najpotanja i najmladja vila, die schlankste und die allerjüngste Vila,
starješnici megju oči crne: sie schaut der Alten in die dunklen Augen:
— Daj ti meni luke i tetive, — So gib du mir die Bögen und die Sehnen,
80 ja ću Relju ići ustrjeliti! ich gehe hin, um Relja zu erlegen.
Dade njojzi luke i tetive. Sie gab ihr hin die Bögen und die Sehnen.
Eto vila na noge skočila Ei, war die Vila hurtig aufgesprungen
pa zaśjede za jelu zelenu. und sass schon lauernd hinter grüner Tanne.
Tud nalazi kraljeviću Marko, Da naht des Weges reitend Prinzchen Marko
85 na šarinu konju od mejdana, auf seinem Schecken, auf dem Schlachtenrösslein,
a za njime krilati Reljica. und hinterdrein Herr Relja Flügelträger.
Zape luke, osahle joj ruke, Sie spannt den Bogen, (ihre Hand verdorre!)
a potegne ubojitu strjelu, und zieht hervor den Pfeil, der Tod verursacht,
ustrijeli krilatog Reljicu! und schiesst den Flügelträger Relja nieder.
90 Pade Reljo u travu na glavu. Da sank aufs Haupt ins Gras Herr Relja nieder.
Obazre se kraljeviću Marko, Prinz Marko wandte seine Blicke rückwärts
gje mu Relja u travi ostade. und sah im Grase seinen Relja liegen.
Pa on pušta dva rta bijela Da liess er frei die beiden Rüdenhunde,
a u nebo dva sokola siva, und himmelwärts die beiden Falken fliegen,
95 ufatiše nagorkinju vilu! die fingen ein vom Hochgebirge die Vila
dovedoše kraljeviću Marku. und brachten sie vor ihren Prinzen Marko.
A da vidiš kraljevića Marka! Nun solltest du den Prinzen Marko sehen!
gje poteže pletenu kandžiju, wie er die wohlgeflochtne Peitsche hernimmt
pa on tuče nagorkinju vilu: und auf die Vila vom Gebirge losschlägt.
100 — Uljo jedna nagorkinjo vila, — Du Taugenichtsin, Vila vom Gebirge,
ko nalazi, nek prolazi s mirom, wer hier daherkommt, soll in Frieden ziehen!
kamo meni krilati Reljica? Wo blieb zurück mein Relja Flügelträger?
Progovara nagorkinja vila: Zur Antwort gibt die Vila vom Gebirge:
— Bogom brate kraljeviću Marko! — Sei mir durch Gott ein Bruder, Prinzchen Marko!
105 pokloni mi život na mejdanu, o schenk mir jetzt das Leben auf der Wahlstatt,
podić ću ti krilatog Reljicu! ich will den Flügel-Relja neu beleben.
Pokloni joj život na mejdanu. Er schenkte ihr das Leben auf der Wahlstatt,
Pa da vidiš nagorkinje vile, Nun solltest du die Alpenvila sehen,
gje dozivlje sedam drugarica: wie sie die sieben Freundinnen herbeiruft:
110 — Doneste mi rose sa jezera, — O bringt mir Tau herbei vom See und Anger,
da poživim krilatog Reljicu! — damit ich Relja wieder neu belebe!
Donese joj sedam drugarica, Die sieben Freundinnen, sie brachten schleunig,
don’ješe rose sa jezera. sie brachten ihr den Tau vom See und Anger.
Ona kúplje krilatog Reljicu. Drein badet sie den Flügelträger Relja.
115 Eto Relja na noge skočio. Ei, ist nun Relja hurtig aufgesprungen!
Progovora kraljeviću Marko: Prinz Marko sprach darauf ein Wort gemessen:
— Čujete me sedam drugarica, — Ihr sieben Freundinnen vernehmt mich allda!
doved’te mi dva konja viteza, Jetzt schafft mir her die beiden Ritterrosse
zlaćenijeh grivâ i repovâ, von goldnen Mähnen und von goldnen Schweifen,
120 na čelu im danica zvijezda, auf deren Stirn der Morgenstern Aurora,
na prsima mjesečina śjajna, auf deren Brust ergleisst der helle Mondschein,
na sapima itra vidra igra. auf deren Rücken spielt die flinke Otter!
Dovedoše dva konja viteza, Sie brachten ihm die beiden Ritterrosse
zlaćenijeh griva i repovâ, von goldnen Mähnen und von goldnen Schweifen,
125 na čelu im danica zvijezda auf deren Stirn der Morgenstern Aurora,
na prsima mjesečina śjajna, auf deren Brust ergleisst der helle Mondschein,
na sapima itra vidra igra; auf deren Rücken spielt die flinke Otter.
pokloniše kraljeviću Marku, Sie schenkten sie dem Königsohne Marko,
Marko njima život na mejdanu; und Marko ihnen’s Leben auf der Wahlstatt.
130 i odoše zdravo i veselo. So zogen sie denn heim gesund und fröhlich.
Vesela mu na odžaku majka, Dem Herrn, der heute hier Papier bekritzelt,
njemu majka a meni družina, dem sei die Mutter froh am heimischen Herde,
koji danas po artiji šara. die Mutter ihm, und mir die Hausgenossen.

Zu V. 19. Der Vers ist schlecht, es fehlen zwei Silben und zudem ist der Inhalt unrichtig, denn im Wasser hausen keine Vilen. Der Guslar merkte selber, er habe sich verschnappt und besserte sich aus in V. 21: Die Vilen weilen bei dem See auf einer tauigen Wiese, und zwar weil sie dort ihre zwei Rosse zu weiden haben.

Zu V. 22–26. Man hat an Rosse in hellschimmernder Panzerrüstung zu denken. In andern Liedern werden genug oft wirkliche Panzerrüstungen der Rosse beschrieben. Bei Vilenpferden setzt der Guslar voraus, sei dieser Glanz und die Herrlichkeit mitangeboren.

Zu V. 46. šemno neveselo = freudig trübgestimmt. Ein Oxymoron, wie man bei uns in Wien sagt: fürchterlich schön, oder »sich entsetzlich freuen.« In Guslarenliedern nicht selten. Ein hübsches Oxymoron und zugleich ein witziges Wortspiel erzählt man sich vom Walzerkönig Strauss. Als vor Jahren in Wien die Lehrer einen Kongress abhielten, gab man ihnen zu Ehren eine Galavorstellung in der Hofoper. Strauss war Dirigent. Damals machte er die Bemerkung: »ich hab’ die Oper schon voller, ich hab’ sie schon leerer gesehen, doch voller leerer (Lehrer) noch nie«.

Zu V. 61–62. Das ist eine nicht aussergewöhnliche Übertreibung, eine dichterische Figur, die leicht Anlass zu einer Sage geben könnte. Relja habe so schön gesungen, dass er selbst die Pflanzen in Bewegung setzte. Vielleicht ist die Mythe vom Spiel Orpheus’ auf solchem Wege gestanden.

Zu V. 66. Relja wird »Bastard« nur gescholten, doch ist er keiner.