Zu V. 70. Dieser Handel ist neu; denn nach dem Rechtbrauch wird der Vorstand einer Gemeinschaft durch Stimmenmehrheit der Mitglieder gewählt oder abgesetzt. Man hat sich wohl die älteste Vila hier als die Mutter der übrigen vorzustellen, denn sonst hat ihr Anerbieten keinen Wert.

Zu V. 74. Die Vilen schauen so starr zu Boden, als wollten sie das Gras wachsen sehen. Stereotype Formeln.

Zu V. 87. Ein gewöhnlicher Fluch. Vergl. Krauss: Orlović S. 103–108.

Zu V. 103–104. Nach V. 103 sang der Guslar, durch die lauten Gespräche der Anwesenden verwirrt gemacht, unpassend die Verse, die ich aus dem Texte nachträglich strich:

»Progovara kraljeviću Marku: ‘Kamo meni Bogom pobratima, pobratima Relju krilatoga!’ A govori nagorkinja vila.«

Zu V. 110. Gegen Sonnenstich empfiehlt man Waschungen mit frischem Morgentau.

Zu V. 131–133. Ein Nachgesang, mir, dem Schreiber und den Zuhörern zu Ehren. Ich hatte mich nach Volkbrauch dem Guslaren nicht vorgestellt, woher ich sei und wie ich heisse, sondern ihm bloss den Zweck meiner Reise mitgeteilt und ihn mit Speise und Trank bewirtet, um ihn zum Singen zu bewegen. Darum ist der Nachgesang so kurz ausgefallen. Zum Schluss sang er noch eine gepfefferte »Würze« (začinka), ein 36 Zeilen langes Liedchen und endete mit den Worten: na zdravlje radnja taman! (zur Gesundheit sei die Arbeit fürwahr!)

Das Lied ist vom Guslaren Mićo oder Mišo Kosović.


Gleich dem vorigen hat auch ein anderer Guslar die Notwendigkeit empfunden, den Zug der Helden ins gemiedene Hochgebirge zu begründen. Er kam auf den Gedanken, die edlen Ritter in einem Hochzeitzuge auftreten zu lassen. Was haben aber Hochzeiter im wilden Gebirge zu tun? Da half sich recht schlau der Guslar. Er verlegte den Wohnsitz der Vilen auf eine steile, unzugängliche Burg und machte aus den Vilen förmliche Raubritter, die kühnen Wanderern für immer den Weg verleiden. Zum Überfluss muss, nach der Deutung des Guslaren, der Weg gerade durch die Burg führen, etwa so wie dies bei der alten Burg von Vranduk an der Bosna im Engpasse der Fall gewesen, ehe auf dem entgegengesetzten Bosnaufer die Bahn gebaut worden war. Um einen Namen für die Vilenburg war der Guslar nicht verlegen. Der Name des Prinzen Marko lenkte ihn auf dessen Stammburg Prilip. Nun musste der Sänger den Prinzen seine eigene Burg erobern lassen. So schuf er sehr frei eine neue Sage, die mit der älteren Überlieferung im schroffen Widerspruch steht. Ein Guslar macht sich aber aus solchen Widersprüchen keine grossen Bedenken. Ganz gemütlich berichtigt er zum Schluss (V. 86) seinen Irrtum, um bei seinen Zuhörern nicht anzustossen. Wie leicht greift ein anderer Guslar just diese neue Sage auf und verwertet sie als Hauptmotiv zu einem neuen Liede »Wie Prinz Marko in den Besitz einer Burg gekommen?« Auf diesem Wege durch Umdichtungen, Nachdichtungen, Missverständnisse und willkürliche Entstellungen erleidet jede Überlieferung Veränderungen, die besonders bei sehr beliebten Stoffen schwerwiegendster Natur zu sein pflegen, so dass der ursprüngliche Bericht über einen Fall oder ein Ereignis völlig unkenntlich werden kann. So ein Ereignis war die Niederlage der Serben unter Fürst Lazar zu Leitengeben (Kosovo). Ein Agramer Akademiker veröffentlichte ein Werkchen über die auf jene Schlacht bezüglichen serbischen Epen, um zu zeigen, wie sie zu einer grossen Epopöe verarbeitet werden müssten. Den Wert jener Untersuchung mag man nationalchrowotisch noch so hoch veranschlagen, für die Folklore-Wissenschaft ist er nichtig, weil der Verfasser trotz dem Aufgebot seiner patriotischen Gefühle die Entwicklunggeschichte der Kosovo-Epen gar nicht geahnt zu haben scheint.