Das Gesicht der Pest ist vom Krebs ganz zerfressen, drum sucht sie es auch immer mit einem weissen oder schwarzen Schleier zu verhüllen. Ihre Gestalt wird stets als übermenschlich gross und mager geschildert. Ihre Brüste sind ganz schwarz und so lang, dass sie sich beide über die Schultern wirft, um nicht im Gehen durch sie behindert zu werden.[4] Grosse lange Brüste gelten dem Serben als Inbegriff aller Hässlichkeit bei einem Weibe. In Bezug auf das Aussehen ihrer Füsse gehen die Überlieferungen auseinander. Die einen melden, sie habe einen Kuhfuss, die andern einen Pferdefuss, in anderen dagegen heisst es, dass beide Füsse Pferdefüsse seien, wieder andere Zeugen aber wollen ganz deutlich Bockbeine bei ihr gesehen haben. Die Bockfüsse, welche die christliche Kirche dem Teufel beigibt, sind wie bekannt, der altgriechischen Vorstellung von den Satyren entlehnt. Am Graben in Wien steht eine Pestsäule, auf der der Engel Gabriel mit flammendem Schwerte auf einem Teufel steht. Ich betrachtete oft die Gestalt des unterliegenden Satans und es schien mir nicht anders, als ob die Südslaven so ein Bild vor Augen gehabt hätten, als sie sich die Pest ausmalten. Und wirklich sah ich in vielen Dorfkirchen im Süden Darstellungen, die der gedachten Gruppe an der Pestsäule in Wien vollkommmen entsprechen.

Wenn die Pest ins Land kommt, so kann sie nicht ohne weiteres über die Menschen herfallen, sondern muss so lange umherirren, bis sie jemand trifft, der zwanzig Jahre lang eine Todsünde im Herzen verborgen mit sich herumträgt und es noch immer verschmäht hat, durch Beichte Absolution zu erlangen. Gelingt es ihr nun, auf einen solchen verstockten Sünder zu stossen, so reisst sie ihm das Herz heraus verwandelt es zu Staub, der sofort nach allen Richtungen in die Luft zerstiebt. Jedermann der von diesem Staube einatmet, wird auf der Stelle krank und stirbt elendiglich in kürzester Frist. Die Pest nährt sich von den Herzen ihrer Opfer. Hat sie einmal ihren Hunger gesättigt, so zieht sie den Rest des Staubes, der sich noch in der Luft befindet, in sich ein. Infolgedessen muss sie platzen. Aus ihrem Magen tritt ein Knabe heraus, ganz in Schwarz gehüllt. Dieser Knabe hält in der Rechten ein blutiges Schwert. Hierauf schliesst sich die Öffnung im Körper der Pest und sie wandert (aus Furcht vor dem Knaben mit dem Schwerte?) in eine ganz andere Gegend aus.[5]

Nach einer chrowotischen Sage macht die Pest jedes siebente Jahr eine Rundreise durch die Welt. Hier ist, sowie in einer später folgenden Sage das Auftreten der Zahl Sieben bemerkenswert, die ja nicht nur bei den Südslaven, sondern bei vielen Völkern eine grosse Rolle spielt.

Es gibt nicht bloss eine Pest, sondern mehrere, entweder sind es ihrer zwei oder drei, oder gar sieben Schwestern, wie mir ein Bauer vor Jahren erzählte. Dagegen nimmt man in Serbien an, ihre Zahl sei gar nicht zu bestimmen, denn sonst wären sie schon längst von den Hunden, ihren Erbfeinden, gänzlich vertilgt worden. Die Pest kommt nämlich alljährlich ins Land, nach Angabe eines meiner Freunde in Slavonien, doch, den Hunden sei es gedankt, muss sie sich schleunig wieder aus dem Staube machen oder sie wird von den Hunden zerrissen. Ja es gibt auch Menschen, die durch böse Beschwörungen die Pest herbeirufen können. Man kann sie aber auch gewissermassen sowohl für Menschen als für Tiere erzeugen. Das Rezept dazu lautet:

»Wer die Pest erzeugen will, muss sich die Milch von zweien Schwestern zu verschaffen suchen und sich damit in der Johannisnacht um die zwölfte Stunde auf den Friedhof begeben, die Milch in ein Grab schütten und dann zuhorchen; da wird ein Jammergeschrei von vielen Menschenstimmen an sein Ohr dringen. So erzeugt man die Pest für Menschen; wer aber eine Pest über Kühe, Pferde und andere Haustiere heraufbeschwören will, nehme Milch von zweien Kühen, die von einer Mutter stammen, oder von zweien Stuten von einer Mutter, mache es ebenso wie zuvor gesagt, und er wird ein furchtbares Rindergebrülle vernehmen.« — (Die Sage stammt aus der Gegend von Warasdin.)

Wie tief dieser Glaube im Volke wurzelt, beweist folgende Erzählung:

Es geht die Sage, dass in der Kapelle des heiligen Rochus in Warasdin ein Pfarrer namens Vojskec begraben sei, der bei Nacht umgeht und die Leute in Schrecken versetzt, die an der Kapelle vorbeigehen. Vojskec war bei Lebzeiten ein hartherziger Mann, der mit ganzer Seele am Mammon hing. Die Pest war zur Zeit nur schwach. Er betete aber fortwährend um die Pest, ohne zu bedenken, sie könnte ihn gleichfalls dahinraffen. Während er einmal wieder darüber nachsann, kam zu ihm ein Weib, das erst aus dem Wochenbett aufgestanden, und bat ihn um seinen Segen, damit sie wiederum die Kirche besuchen dürfe. Der Pfarrer, der sich in seinen Gedanken nur mit der Pest beschäftigte, ersuchte sie, sie möge ihm von ihrer Milch geben. Das Weib wollte es nicht tun, denn sie schämte sich und befürchtete, der Pfarrer könnte Gott weiss was für Ungebührlichkeit damit anfangen, sagte ihm aber zu, sobald sie nach Hause käme, ihm die Milch zu schicken. Sobald sie nach Hause kam, schickte sie ihm statt Milch aus ihren Brüsten, Kuhmilch. Vojskec war höchst vergnügt, dass er im Besitze der Milch war, und befahl seinem Knechte, der sich von der Art seines Herrn, für ein Gläschen Wein oder auch um einige Gröschlein jedem Dienste unterzog, er solle sich um Mitternacht auf den Gottesacker begeben, ein Kreuz von einem Grabe herausnehmen, in die kleine Öffnung die Milch hineingiessen, das Kreuz wieder an seinen Ort stecken und eine kleine Weile zuhorchen.[6] Der Knecht befolgte pünktlichst die Weisung des Pfarrers und horchte zu, doch statt Gewimmers und Klagen drang ein furchtbares Rindergebrüll an sein Ohr. Darüber ergriff ihn Entsetzen, und ganz ausser sich geraten stürzte er nach Hause und erzählte dem Pfarrer, was er gehört. Der Pfarrer wusste sogleich, das Weib habe ihn hinters Licht geführt und es werde ein grosses Unheil daraus entstehen. So traf es auch wirklich ein. In kurzer Zeit brach in der ganzen Stadt eine so verheerende Seuche aus, dass nicht ein einziges Stück Hornvieh übrig blieb. — Hingegen gibt es Leute, die da behaupten, auf der Trift draussen seien dennoch einige Stücke übriggeblieben; sie wollen nämlich ein schneeweisses Tier, in der Grösse eines kleines Kalbes, zur Nachtzeit herumlaufen gesehen haben, das war die Pest. Wer nun so vorsichtig war, auf eine Schaufel Salz zu geben und sie unter die Stallschwelle zu legen, dem verendete nicht ein einziges Stück Rind. Doch man erfuhr viel zu spät von diesem Gegenmittel. — Nicht lange darauf starb der Pfarrer und man bestattete ihn in der Rochus-Kapelle. Wanderer, die zur Nachtzeit dort vorübergingen, sahen den Pfarrer um die Kirche herumlaufen und mit einer Peitsche knallen. — Es traf sich, dass ein Mann aus Warasdin zur Nachtzeit in das nahe Dorf Biškupec ging. Vor der Kapelle des heiligen Rochus sah er eine Kutsche, vor der vier Pferde vorgespannt waren. Der Kutscher rief dem Manne zu, er möge einsteigen, er wolle ihn ein Stück Weges fahren. Der Mann nahm diesen schönen Antrag von Herzen gern an und stieg ein. Auf dem Wege sprachen sie kein Wort miteinander; auf dem Kreuzweg aber, wo der Weg nach Biškupec führt, hielt der Kutscher an, hiess den Mann aussteigen und fragte ihn, ob er die Pferde kenne. Der Mann entgegnete ihm, er kenne sie nicht und der Kutscher gab ihm die Namen der Pferde an und nannte unter ihnen auch den Pfarrer Vojskec. Darüber entsetzte sich der Mann, blickte dem forteilenden Wagen nach und sah Kutsche und Pferde im Feuer. Jetzt erst erkannte er, er sei auf einem Teufelgespann gefahren. Als er nach Hause kam, war er vor Schreck ganz gelähmt und mehr tot als lebendig.

So reich und gesegnet von Mutter Natur der slavische Süden auch ist, geschah es dennoch in früheren Zeiten, als der Anbau der Kartoffeln und des Maises noch nicht allgemein war, dass wütende Hungernot das Land von seinen Bewohnern lichtete. Die natürliche Folge davon war, dass sich die Pest einstellte. So einen Fall bezeugt folgende Sage:

In Warasdin wütete einst eine so grosse Hungernot, dass sich arme Leute gezwungen sahen, Grummet zu kochen und es zu essen. In folgedessen entstand eine furchtbar verheerende Pest in der ganzen Gegend und in Agram selbst und schon waren mehr als tausend Menschen gestorben. Der Gottesacker erwies sich zu klein für die Menge Leichen und man begrub die Toten um die Kirchen herum und unter anderen auch bei der Kapelle des heiligen Fabianus, wo man hundert Menschen bestattete. Lange Zeit nach dieser Pest zeigte sich den Leuten, wenn sie an der Kapelle des heiligen Fabianus vorübergingen, an Charfreitagen und Charsamstagen, sowie an allen grösseren Feiertagen, auf dem Turmfenster ein Kind, das hin und wieder ein Wort ausstiess, das aber für niemand verständlich war. In später Nachtzeit sahen es auch die alten Leute, die in der Nähe der Kapelle ihre Rinder weideten. — Kurze Zeit darauf brach eine schreckliche Rinderpest in Warasdin aus. Zur Zeit der Seuche schwirrte nächtlicher Weile ein Vogel durch die Lüfte und liess einen wunderbaren Gesang vernehmen. Diesen Gesang verstand ein alter Mann und teilte den Leuten mit, der Vogel verkünde, auf welche Art und Weise man sich von der Heimsuchung befreien könne. Man müsse nämlich als Gegenmittel jungen Zwiebel (poriluk) und Pigmentkraut (travu pigmant) in Anwendung bringen. Gewöhnlich sucht man die Pest durch brennende Wacholderzweige zu bannen.[7]

Die folgende Sage über die Abstammung der Pest trägt einen christlich legendenhaften Charakter an sich. Das Geburtland der Pestschwestern hat das Meer verschlungen und unstät irren die Schwestern gleich drei Furien von Erdteil zu Erdteil, bis sich ihr Schicksal erfüllt.[8]