Rückkehrende Seelen.

Den Teufel (vrag, sotona, gjavo), seine Grossmutter (vražja baba) und seine höllische Sippschaft (vražji, paklenski duhovi) als Poltergeister oder als Quälgeister der Menschen muss ich in dieser Darstellung übergehen, weil sie ein fremdes, verhältnismässig sehr junges, den Südslaven von auswärts mit dem Christentum beigebrachtes Glaubengut sind. Meine Aufgabe ist es, über den Volkglauben an die Geister verstorbener Menschen zu sprechen, die in unsichtbarer oder sichtbarer Gestalt unter lebenden Menschen zuweilen erscheinen. Letztere Vorstellungen mag man auch bei den Südslaven als ursprünglich ansehen; denn sie reichen im allgemeinen in die urältesten Zeiten der geschichtlichen und unzweifelhaft auch der vorgeschichtlichen Menschheit zurück und sind als solche keineswegs ausschliessliches Eigentum eines Volkes. Die vielfach vorgetragene und sehr verbreitete Ansicht, dass die katholische Kirche mit ihren Dogmen den Geisterglauben erst geschaffen habe, hält vor einer unbefangenen wissenschaftlichen Forschung nicht im geringsten stand.[1]

Das Volk unterscheidet zwischen sichtbaren, jedoch unschädlichen, harmlosen Geistererscheinungen, Schreckgespenstern, die es Einbildungwesen (utvora, sablast) nennt, und wirklichen Geistern, den wiederkehrenden Verstorbenen. Diese erscheinen z. B. als bösartige Poltergeister, um eine vermeintliche Sühne von den Lebenden zu heischen, oder um sich an Übeltätern zu rächen, oder um selber bei Lebzeiten begangene Schuld abzubüssen, oder aus Liebe zu den lebenden Angehörigen, oder als äusserst schlimme Plagegeister, um sich mit frischem Menschenblut zu nähren, oder um anderweitig noch ärgeres Unheil zu stiften.

»Träume und Visionen mögen den Glauben an ein derartiges Wiederkehren der Toten zuerst veranlasst haben; Seuchen, durch welche die Angehörigen eines unlängst verstorbenen diesem rasch nachfolgen, mochten ihn steigern, und als er zuletzt herrschend geworden war, blendete er die Sinne der Menschen in solchem Grade, dass sie Dinge wahrzunehmen glaubten, die in Wirklichkeit gar nicht vorhanden waren«, bemerkt C. Meyer. Seine Erklärung trifft vollkommen auch auf den einschlägigen südslavischen Volkglauben zu. Im Traumleben wurzeln hauptsächlich alle Vorstellungen von der Rückkehr der Verstorbenen. Unter den Serben in der Gegend von Kikinda genügt es z. B., dass einer aussagt, er habe diesen oder jenen Toten als einen Vampir im Traume gesehen, und schon beeilt man sich, dem Verstorbenen einen Weissdornpfahl in den Bauch zu rammen. Eine der erschütterndsten serbischen Dorfgeschichten Milutin Trbićs behandelt das schreckliche Ende der »Baba Toda«, die aus Entsetzen vor der Traumerscheinung, einem Vampir, qualvoll stirbt. Die Furcht vor Traumerscheinungen dieser Art ist sehr gross im Volke. Bei den slavischen Moslimen pflegen die Leute, die den Leichnam gewaschen, sich und die Verwandten des Toten mit dem übriggebliebenen Leichenwasser zu waschen, damit ihnen der Tote im Traum nicht erscheinen soll (Bosnien).

Allgemein ist der Glaube, dass die Seele eines Verstorbenen die erste Zeit nach erfolgtem Begräbnis aus Anhänglichkeit an die alte Wohnstätte heimkomme. Daher der Brauch, für die heimkehrenden Toten besondere Trank- und Speiseopfer gewöhnlich auf die Fenster nächtlich hinzustellen.

Die Moslimen glauben, dass ein jeder Tote am Abend seines Begräbnistages in sein altes Haus auf Besuch heimkehre. Zu seiner Bewirtung giesst man in ein Glas frisches Wasser, deckt es mit einem reinen Handtüchlein zu und stellt es auf denselben Platz hin, auf dem der Verstorbene ausgeatmet hatte. Dazu gibt man noch ein Näpfchen mit Mehl und steckt mehrere Unschlittkerzen ins Zimmergebälke. Ist der Tote durstig, so trinkt er von dem Wasser. Oft soll es sich ereignet haben, dass in der Frühe in dem Glase viel weniger Wasser gewesen, als man hineingegossen. Das sei als ein Beweis für die erfolgte Rückkehr des Toten und seinen Durst anzusehen. Am nächsten Tage wird das Wasser aus dem Glase aufs freie Feld geschüttet, das Näpfchen mit Mehl schenkt man irgend einem Armen, die Kerzen aber zündet man an, damit das Haus die ganze Nacht beleuchtet sei.

Überdies glauben die Moslimen, dass die Toten jeden siebenten Tag, einmal vor dem Ramazân und zweimal während des Ramazâns zur Nachtzeit, wenn auf den Minareten die Lichter angezündet werden, und an jeden Freitagabend in ihr Haus heimkommen, um zu sehen, ob ihre Verwandten in Frieden und im Wohlstande leben. Am selben Abend müssen die Häuser ganz ausnehmend rein sein. Man zündet entweder im Hause drei Kerzen an oder schickt welche in die Moschee. Zur Feier des Empfanges bewirtet man einander mit süssen Kuchen: baklava, gurabija, pita mit Sahne, muhalebija, sutlija, halva, in Fett geschmorter pita, mit Honig und Zwetschken-Leckware; sind die Leute aber sehr arm, so lösen sie in Genügsamkeit ein Stückchen weissen Zuckers in Wasser auf und erquicken sich an Zuckerwasser. Das Hausgesinde muss aussergewöhnlichen Frohsinn zur Schau tragen; das Haus ist die ganze Nacht hindurch hell beleuchtet und von Weile zu Weile wird es mit Weihrauch ausgeräuchert. Kommen nun die Toten heim, und finden Freude und Zufriedenheit im Hause vor, so kehren sie singend und jubelnd ins Grab zurück, sind aber die Hausleute niedergeschlagen und traurig, so verlassen auch die Toten traurig und weinend das Haus. Am selben Abend wird weder der Mann sein Weib, noch das Weib den Mann, noch der Hausvorstand irgend ein Mitglied des Hauses schief ansehen und anrempeln (nabreknuti), damit die heimgekehrten Toten nicht unwillig werden. An den betreffenden Tagen teilt man milde Gaben »auf das Seelenheil der Toten« (mrtvim na dušu) an Arme aus und schenkt Kerzen für die Moschee.

In solchem Totenkultus zeigt sich am deutlichsten die enge Zusammengehörigkeit der slavischen Moslimen mit ihren offiziell andersgläubigen südslavischen Volkgenossen. Es ist nur ein scheinbarer Widerspruch, wenn im Kriege die moslimischen Helden die Bestattung ihrer Gefallenen völlig vernachlässigen. Doch abgesehn von den Ausnahmzuständen während eines Feldzuges, kommen auch sonst bei den Südslaven einzelne eigentümliche Abweichungen von der Regel vor. Darauf einzugehen, wäre verfrüht wegen des Mangels an vielseitigen, gründlichen Erhebungen in allen Gegenden des Südens.

Gegen unerwünschte Rückkehr der Toten wendet man mancherlei Massnahmen an. Der Grundgedanke der meisten besteht darin, dass man dem Toten die Rückkehr verleide, indem man z. B. gewisse, dem Lebenden einst werte Gegenstände beseitigt oder umstellt, oder ihm durch sympathetische Mittel den Anlass zur Rückkehr benimmt. Wo ein Toter liegt, müssen die Spiegel verhüllt werden; denn wenn jemand den Toten im Spiegel erblickte, würde der Tote an allen Neumonden (na mlade dane) heimkommen, um zu poltern, und dies so lange treiben, bis man nicht sieben Messen für ihn abhielte (slovenisch, chrowotisch). Lässt man den Toten mit den Stiefeln oder Schuhen, die er als lebender Mensch, in den letzten Zügen liegend, anhatte, so wird er dreimal aus dem Grabe heimkehren (Chrowotien). Im chrowotischen Gebirglande stürzt man den Tisch, auf dem die Leiche aufgebahrt gewesen, gleich um, sobald der Tote hinausgeschafft ist; denn sonst kommt, glaubt man, die Seele des Verstorbenen alle Nacht wieder heim, um zu rumoren und den Leuten den Schlaf zu stören. Einer meiner Freunde erzählte mir: »Ich vertrat im Dorfe Boka unweit Sissek den Messner beim Leichenbegängnisse eines alten Weibes. Eben setzten wir uns in Bewegung, um das Gehöft zu verlassen, als die Leute plötzlich hurtig auf die Seite sprangen. Einer von den Hausleuten stand auf der Türschwelle und schleuderte uns einen grossen Stein nach, der im Krautfass als Beschwerer gelegen. Der Mann glaubte nämlich, die Verstorbene, die er für eine Zauberin hielt, werde nun nicht mehr zurückkehren und niemandem im Hause einen Schaden zufügen können.« Im chrowotischen Gebirglande, doch auch sonst im Süden glaubt man, dass ein Toter häufig zu Besuch heimkommen werde, wenn einer seiner Verwandten, der als Letzter im Leichenzuge mitgeht, heftig weint und so weinend öfters nach rückwärts schaut. Allgemein ist der Glaube, dass die Seele eines vielbeweinten Toten keinen Einlass ins Paradies findet, sondern die längste Zeit in nassem Totenkleide umherirren muss. In Chrowotien und Slavonien ist unter den Katholiken der Glaube allgemein, dass Tote allnächtlich zu ihren Verwandten heimkehren und sich durch Rumoren im Hause oder eigenartiges Tischklopfen bemerkbar machen, häufig aber könne man sich von solchen Heimsuchungen durch den Haushund befreien, wenn man ihn nachts im Zimmer behält. Hunde und Katzen sind nämlich gleich gewissen, besonders veranlagten Menschen geistersichtig (vidovit) und hören bald das Herannahen des Toten. Der Hund stürzt aufs oder zum Fenster und bellt so sehr, dass der Tote verschüchtert abziehen muss. Nachts dürfe man, glauben die Slovenen und die Chrowoten im Zagorje, auf niemand einen Hund hetzen, denn es erscheine ein Toter vor dem Hetzer in Gestalt eines guten Genossen, rufe ihn zu sich und sage ihm: »Trage mich ins Grab!« (nosi me u grob!), und der Aufgeforderte müsse den Toten tragen. Desgleichen ist es verpönt, nächtlicherweile zu pfeifen, als ob man einen Hund lockte, denn sonst kommt ein Toter und trägt einen fort. Gegen Grabschänder, die sich Totenfetische besorgen, um Böses zu stiften, sind die Toten unerbittlich rachsüchtig. Nimmt z. B. einer auf dem Friedhofe einen Sargnagel an sich, so sucht allnächtlich den Räuber jene Seele heim, von deren Sarg er den Nagel entwendet hat, und raubt ihm so lange den Schlaf, bis der Nagel zurückgestellt wird.