Man darf es nicht übersehen, dass auch die christliche Kirche dem alteinheimischen Geisterglauben Vorschub geleistet, ohne es unmittelbar zu beabsichtigen. Belege dafür lassen sich schon aus der südslavischen Literatur der jüngsten drei Jahrhunderte beibringen. Sehr häufig sind uralte Vorstellungen mit neuen derart verwachsen, dass wir mit unsern geringen Mitteln ausser stande sind, Altes vom Neuen zu scheiden. Bezeichnend ist in solchen Geschichten gewöhnlich als Schuld der Rückkehr oder der ewigen Verdammnis auf Erden herumzuirren, die Schändung oder Entweihung einer zu kirchlichen Zwecken bestimmten Sache. Die Erlösung erfolgt meist durch Seelenmessen, während sonst Geister durch Verfluchungen und Verwünschungen in ihr Grab zurückgebannt werden können. Es gibt Leute im Volke, die sich berufmässig mit Geisterbannen beschäftigen. Dem hochbetagten Geisterbanner Imro Koprivčević in Pleternica genügte dieser Erwerb für seinen und seiner Familie Unterhalt. Sein Handwerk, die Opankenflickerei, hatte er schon vor vielen Jahren aufgegeben, weil sich ihm das Geisterbannen allein genug lohnte. Er erzählte mir gar oft von seinen Leistungen auf diesem Gebiete, und als mir seine Erzählungen nach Jahren von Wichtigkeit für die Volkkunde zu sein schienen, liess ich ihrer eine grosse Anzahl wörtlich nach seinem Vortrag niederschreiben, und zwar unter Aufsicht meiner seither verewigten Mutter, damit keine Irrtümer mit unterlaufen sollen.

Die Seelen der Grenzmarksteinverrücker müssen allnächtlich mit einer Kerze in der Hand an den verschobenen Grenzen irrwandeln, bis jemand die Grenzsteine richtig auf den alten Platz zurückstellt. Solche Geister nennt man Steinträger. So büssen auch gewisse Bienenzüchter. Es gibt nämlich Bienenzüchter, die am Allerheiligentage das heilige Brot, das sie beim heiligen Abendmahle empfangen, im Munde behalten und es zu Hause ins Bienenhaus legen, damit die Bienen nicht absterben oder auswandern, sondern vielmehr besser schwärmen mögen. Zur Strafe für diesen Frevel müssen solche Leute nach ihrem Ableben ohne Kopf, mit einer brennenden Kerze in der Hand nächtlicherweile umgehen. Diese Geister heisst man Kerzenträger.[2]

Die entweihte Hostie hat zu vielen Spukgeschichten Anlass gegeben, nur zu einer bei den Südslaven nicht, zur Judenverfolgung wie in Deutschland im Mittelalter schmachvollen Andenkens. Koprivčević erzählt: Im Dorfe Bilač (bei Ruševo) verstarb ein Mann, der einer Stute die heilige Hostie (svetu pričest) zu essen gegeben. Nach seinem Ableben kehrte er häufig nachts wieder und striegelte die Stute. Es war im Herbste. Die Hausleute rüppelten im Hofe Kukuruzkolben und liessen über Nacht den Kukuruz im Freien. Nachts trug der zurückgekehrte Tote alle abgerüppelten Kolben in die Stube hinein und gab der Hausvorsteherin einen solchen Hieb aufs Bein, dass ihr ganzer Fuss blau ward. Auch kletterte er auf den Boden hinauf und löste alle Rauchfangziegel los. Als wir uns in der Stube versammelt hatten, setzten wir uns alle obenan zum Tisch, vor uns aber standen vier Wiegen mit Kindern. Im Ofenwinkel lagen sechs Spindeln. Der Mond schien so schön hell in die Stube hinein. Als der Geist erschien, schleuderte er vorerst alle Sachen hinter die Türe, bewarf uns der Reihe nach mit Erde, gab einem einen Hieb auf den Kopf, dem andern auf die Füsse und warf die Spindeln auf die Wiegen. Wir dachten nicht anders, als er werde die Kinder töten. Als wir aber Licht machten, lagen die Spindeln zwischen den Wiegen, keine auf einer Wiege. Wer eine Mütze aufhatte, dem riss er sie vom Kopf herab und warf sie weg. Als ich ihn zu beschwören anfing (kad sam ga počeo zaklinjat), flog er hinaus und kehrte nimmer wieder. — Die ausschliesslich kirchlichen Sagen, die »Küsterlegenden« von der Rückkehr Verstorbener sind verhältnismässig selten und noch seltener an einen bestimmten Ort gebunden. Eine Erzählung aus dem Volkmunde mag hier als Beispiel folgen:

An einer kleinen katholischen Pfarrkirche bei Samobor wirkte viele Jahre hindurch ein alter Exekutor (crkovnjak), der jedesmal beim Nachfüllen der ewigen Lampe auch für seinen eigenen Gebrauch vom heiligen Öl zu nehmen pflegte, um es daheim zu brennen. Als er verstarb, begrub man ihn im nahen Kirchenfriedhof. Sein Amtnachfolger machte die Wahrnehmung, dass jedesmal bis zum Morgen das Öl aus der lux aeterna bis auf den letzten Tropfen verschwand. Da auch der Pfarrer keine Lösung dieses Rätsels wusste, beschloss der Kirchendiener, einmal dem Diebe aufzulauern. Er setzte sich aufs Chor, nahm das Glockenseil in die Hand und schaute bald auf das Lämpchen, bald durchs Fenster auf den Friedhof hinaus. Um 11½ Uhr nachts öffnete sich das Grab des alten Sünders, des Kirchendieners, und husch, ist er aus dem Grabe draussen. Der Alte hüllte sich in sein Leichentuch ein, zog die Socken aus und klomm durchs Kirchenfenster in die Kirche hinein, sprang auf die Lampe zu und fing an, daraus das Öl wegzutrinken. Da schlich sich leise der Kirchendiener von der Wacht vom Chor weg aufs Grab und stahl eine Socke. Kaum, dass er zurück auf seinen Platz gelangt war und das Seil wieder erfasst hatte, war der Verstorbene wieder zum Grabe zurück. Just schlug es Mitternacht. Schnell zog er die eine Socke an, fand aber die zweite nicht, und so zog er rasch die eine aus und zog sie auf den andern Fuss an, dann zog er sie wieder aus und auf den andern an. Der Lauscher auf dem Chor fand dieses Tun gar possierlich und schlug darüber eine gellende Lache auf. Im Nu war der Geist zurück, der Mann erschrak und fiel vom Chor herab. Da er sich am Seil festhielt, fing die Glocke an zu läuten, der Geist aber rumpelte nieder und sprach schwer aufächzend: »Hab Dank, dass du mich von der Pein und Qual erlöst.« In der Früh fand man den Kirchendiener auf dem Chor, zwar am Leben, doch waren ihm alle Kopfhaare ausgefallen. Seit jener Nacht blieb das Öl in der Lampe unangetastet. (Chrowotien).

Unschuldig ums Leben gebrachte Menschen rächen sich als Geister an ihren Mördern. Es ist nicht notwendig, dass ein wirklicher Totschlag erfolgt sei, auch ein Tod, den man durch Zaubermittel verursacht, schreit nach Rache. Koprivčević erzählte z. B. folgendes Erlebnis: Im Dorfe Orjevci (bei Pleternica) lebte ein Weib, das konnte ihren Mann nicht ausstehen und sie sann und sann, um ihn zu verderben. Während der heiligen Mitternachtmesse zu Weihnachten (o ponoćki) mass sie ihn mit einem Faden der Länge nach aus. Ein Ausgemessener lebt aber das Jahr nicht aus, gerade so wie einer, der sich abwägen lässt. Bis zu den nächsten Weihnachten war der Mann gestorben. Darauf kehrte er allnächtlich zu seinem Weibe zurück, setzte sich aufs Bett zu ihr und halste sie mit seinen kalten Händen ab. Sie jammerte (jaukala) und lief jedesmal aus dem Hause fort. Einmal kamen zwei fremde Wanderer zu ihr und baten sie um eine Nachtherberge. Im Hofe stand ein Wagen voll Heu. Sie sagte: »Dort habt ihr ein Geläger. Legt euch nieder!« Ihr verstorbener Mann kehrte aber wie sonst zurück und fuhr die Leute die ganze Nacht hindurch im Hofe auf und ab. Der Wagen raste mit solcher Schnelligkeit dahin, dass die beiden Männer garnicht herabspringen konnten. Der eine von ihnen ist vor Schrecken ganz ausser sich geraten, der andere verfiel aber in ein Fieber und starb drei Wochen nachher. Erst als ich späterhin den zurückkehrenden Toten beschworen (zaklinjo), ist er nimmer wieder heimgekommen.

Ein tatsächlich Ermordeter benimmt sich noch ungleich boshafter. Er straft den Mörder und das ganze Dorf.

Zu Bjeleševci bei Pleternica hat es sich vor einigen Jahren zugetragen, dass Savo und Andrija miteinander in Streit gerieten und Andrija den Savo totschlug (na mrtvo ubije). Als man Andrija in den Arrest abführte, bestattete man eben Savo. Nach Ablauf von acht Tagen sah man Savo nächtlicherweile umgehen (po noći di oda) und hörte ihn wehklagen (jauče a joj! a joj!). Als Andrija in der gerichtlichen Untersuchung war, pflegte ihn Savo allnächtlich zu würgen. Andrija hatte einen Schwager, einen Müller. Zu diesem kam Savo gerade am Charfreitag nachts in die Mühle und walkte den Schwager so arg durch (izgnjeo), dass ihn die Leute, die in der Frühe die Mühle betraten, kaum noch lebend antrafen. Nach und nach erholte sich der Müller wieder und erzählte, was sich nachts zugetragen. In der Nacht auf den Tag, wo man Andrija in den Kerker forttrieb, erschien der Geist wieder beim Müller und knetete ihn fürchterlich durch und marterte ihn halb tot. Sodann stellte er sich regelmässig jede Nacht unters Fenster und wehklagte, worauf in kurzer Zeit das ganze Dorf bis auf zwei Häuser ausstarb. Eines Nachts kehrte er in den Stall eines Nachbars ein, und begann sich mit dem Vieh herumzustechen (začeo se s njegovom marvom bosti). Als nach zweijähriger Kerkerhaft Andrija heimkam, musste er Haus und Grundstücke an einen Čechen (pemca) verkaufen, weil er vor dem Geist keine Ruhe fand. Und auch der Käufer hatte im Hause keinen Frieden. Aus Verzweiflung gingen die Leute auf den Boden hinauf schlafen, doch der Geist suchte sie auch auf dem Boden heim. Darauf ging der Čeche zwei, drei Nächte hindurch auf den Friedhof, um das Grab des Ermordeten zu beobachten. Siehe da, es kroch aus jenem Grabe ein Wesen gleich einem Tiger[3] heraus (ko tigar nešto izlazi). Am nächsten Morgen ging man nachsehen und fand ein grosses Loch, das jener als Ausgang benützte. Hierauf hat sich jener Kerkersträfling in Koprivnica Haus und Grund gekauft, und seitdem hat der Spuk im Dorfe aufgehört (onda se je smirilo u selu). »Das alles hat mir wörtlich so sein Weib erzählt«, bemerkte meine Mutter am Schlusse dieser Aufzeichnung (Slavonien).

Geistern im Freien zu begegnen, ist nicht ratsam, denn man kann sich ihnen unversehens vermessen. Es genügt ihnen, dass einer zufällig ihre Wege kreuzt, und schon hat er ihren Zorn auf sich geladen. Mitunter ist ein Geist nicht fassbar, und der angegriffene Mensch ist schutzlos Misshandlungen preisgegeben; zuweilen ist aber der Geist so körperlich, dass man mit ihm ringen und ihn auch durchbläuen kann. Dann kehrt der Geist gewitzigt ins Grab zurück. Eine ausführliche Geschichte dieser Art, die sich vor 30 Jahren in Pleternica zugetragen haben soll, erzählt Koprivčević. Der angefallene Bauer rang den zurückgekehrten Toten im Graben nieder, strich ihm drei saftige Hiebe mit dem Pfeifenröhrl über den Kopf, worauf der Tote ein Wutgeheul ausstiess, sich vom Bauer losmachte und wieder ins Grab zurückkehrte. Der Bauer aber lag die längste Zeit krank darnieder und kam nie wieder recht zu sich. »Es ist keine Lüge, sondern lautere Wahrheit« (laž nije, već prava istina), bemerkte K. zum Schlusse seines Berichtes.

In der Regel sterben von Geistern angefallene Leute sehr bald nach und kommen selber spuken.

Im Dorfe Malin bei Pleternica lebte ein alter Mann, der ging einmal nachts ins Dorf Orjovac. Da trat vor ihn ein Knabe und fragte ihn, wohin er gehe? Der Bauer mochte keine Antwort geben, worauf ihn der Knabe zu zerren anfing (stane ga grabusat). Der Bauer schrie und schrie und fluchte, der Knabe trieb es aber um so schlimmer. Nun verlegte sich der Bauer aufs Bitten und der Knabe fragte wiederum: »Wohin des Weges?« Der Bauer wollte es nicht sagen, und der Knabe setzte ihm wieder arg zu. Endlich wurde es dem Bauer lästig und er sagte, wohin er gehe. Kaum hatte er es gesagt, so erwiderte der Knabe: »Das also hast du mir nicht gleich sagen können? Hättest du es, ich hätte dich in Frieden gelassen.« Darauf verschwand er. Als der Bauer heim kam, lag er zwei Tage krank darnieder, am dritten aber starb er. Fünf Nächte hindurch kehrte er wieder aus dem Grabe heim, fragte sein Weib: »Wie ist es dir auf dem Herzen?« und ass alles auf, was sein Weib zu Nacht übrig gelassen, und so wie er die fünfte Nacht fort ging, kehrte er nimmer wieder zurück.