Manda Šuperina in Pleternica erzählte meiner Mutter: Im Dorfe Mihaljevci, nördlich von Požega, fiel ein Mann vom Wagen herab, sein Kopf geriet unter die Räder und wurde zerquetscht. So starb er. Acht Tage nach der Bestattung fing er an zurückzukehren und der Frau des Nachbars beizuschlafen. Und richtig wurde sie von ihm schwanger. Hierauf machte sie dem Pfarrer eine Anzeige und klagte den Weibern, was ihr zugestossen. Da riet ihr ein Weib, sie soll Hanf nehmen, einen grossen Knäuel Gespunst ausspinnen und, wenn der Tote wieder zu ihr kommt, ihm den Faden an seine grosse Zehe befestigen, so werde sie sehen, woher er komme. Auch soll sie einen grossen Weissdornkeil anfertigen lassen. Als am Tage der Pfarrer und die Dorfleute das Grab öffneten, fanden sie den Toten bäuchlings liegend. Sie schlugen ihm jenen Weissdornkeil in den Kopf ein, aus dem Kopfe fuhr ein Feuer heraus und der Schädel krachte laut wie eine Kanone. Der Pfarrer gab dem Toten zuletzt den Segen und der Tote kehrte nimmer wieder, das Weib aber genas eines Kindes. Das Kind starb bald hernach, doch die Frau lebt noch gegenwärtig. Die Erzählerin ist eine Katholikin, und seltsam genug berief sie sich auf den katholischen Pfarrer von Velika. Sonst spielen katholische Priester in den Vampirsagen der Slavonier keine Rolle. In Dalmatien, wo der Franziskanermönch sehr volktümlich und beliebt ist, hat das Volk mehr Zutrauen, in solchen Dingen an den Priester sich zu wenden und der Mönch ist leicht nachgiebiger gegen die Forderungen seiner Gemeinde, in welcher er Pfarrer ist. Stirbt ein Kozlak, so treffen die alten Weiber im Dorfe, aber auch die Familienmitglieder des Verstorbenen verschiedene Anstalten gegen die voraussichtlich bevorstehende Rückkehr des Kozlak. An manchen Orten ist es Brauch, das Sterbezimmer einige Tage hindurch nicht auszukehren. Das soll aber selten etwas nützen; den der Vukodlak oder Kozlak stellt sich zu bestimmter Nachtstunde trotz alledem ein, um die Hausruhe der Leute zu stören und die Schlafenden zu quälen. Besonders liebt es der Kozlak, mit den Tellern (tanjuri, piatti) zu scheppern, auch macht es ihm ein Vergnügen, den Wagen, falls einer vorhanden ist, im Gehöfte herumzuziehen. In solcher Not wendet sich der Bauer an seine Priester, namentlich an die Franziskaner, die mit geschriebenen Amuletten (zapisi) handeln. Der Priester muss Gebete verrichten und sich ausserdem persönlich auf den Gottesacker (grobište) gerade zu dem Grabe begeben, in welchem der Kozlak ruht, ihn hervorrufen, sein Erscheinen abwarten und ihn mit einem Dorn (drača, spina) durchstechen, der im Hochgebirge an einer Stelle gewachsen, von wo aus der Dornstrauch das Meer nicht hat sehen können. Nur in diesem Falle, so glaubt man, wirkt das Verfahren, und der Kozlak lässt die Leute in Frieden.

Es ist kein Zufall, dass der Dorn bei der Durchpfählung gebraucht wird. Der Dorn ist eine natürliche, man kann sagen die ursprünglichste Stichwaffe des Menschen, und es begreift sich bald, dass man seine uralte Verwendung zu Kultuszwecken — als eine solche ist in einem beschränkten Umfange auch die Vampirtötung aufzufassen — bis in die Gegenwart beibehalten hat. In Kulthandlungen vieler Völker kommt der Dorn vor, doch scheint mir Liebrecht vom richtigen Wege sehr abzuirren, wenn er sich gelegentlich des Nachweises, dass sich die alten Deutschen des Dornes zum Leichenbrande bedienten, die weitere Schlussfolgerung erlaubt: »Das erklärt endlich auch, beiläufig bemerkt, warum in den serbischen Sagen den Vampiren ein Pfahl aus Hagedorn oder Dornholz durch den Leib gestossen wurde; es war eine symbolische Verbrennung derselben.« Zum Beweis zitiert er den böhmischen »Lügenchronisten« Hajek (vom Jahre 1337). Ein Vampir habe nicht aufgehört, die Leute zu würgen, »selbst als man ihm einen Pfahl durch den Leib gerannt; erst als er verbrannt wurde, gab er Ruhe.« Für uns unterliegt es keinem Zweifel, dass die Čechen damals das Verbrennen als eine schärfere Vertilgungart in Anwendung gebracht haben, um völlig sicher zu sein. Wo steckt hier auch nur der Schatten einer Symbolik? wo ein Grund für eine symbolische Auslegung der Brauches?

Zum Schluss muss noch eines Glauben gedacht werden, der den Brauch der Blutrache mächtig entwickelt hat. Die Seele eines Ermordeten, glaubt das Volk, könne eher keine Ruhe finden, als bis man an dem Mörder Rache genommen. Darum lag den nächsten Blutanverwandten eines Getöteten die Blutrache als heiligste Pflicht ob. Darauf bezieht sich das alte Glaubens- und Rechtsprichwort: Ko se ne osveti, taj se ne posveti (wer nicht gerächt wird, der kehrt nicht in die ewige Ruhe ein).[6] Dass aber die Blutrache auch auf vermögenrechtlicher Grundlage beruht, soll hierbei durchaus nicht verkannt werden.


[1] Auch Stefan Hock ist in seiner literarhistorisch sehr schätzbaren Untersuchung (Die Vampirsagen und ihre Verwertung in der deutschen Literatur. Berlin 1900) der Ansicht Andrees. Man vrgl. meine Widerlegung unter Anführung der slavischen Literatur über den Vampir, Die Volkkunde in den Jahren 1897–1902. Erlangen 1903. S. 116 f. — Dass der Vampirglaube in der scharf ausgeprägten Form, wie er noch gegenwärtig bei den Südslaven auftritt, wenn nicht türkischen Ursprungs, so doch sehr stark vom türkischen Volkglauben beeinflusst sei, lehren uns Tihomir R. Gjorgjevićs Ermittlungen. Godišnjica Nikole Čupića, XXI. (1901). S. 231 u. 287.

[2] Tierorakel und Orakeltiere in alter und neuer Zeit. Eine ethnologisch-zoologische Studie. Stuttgart 1888. S. 53 ff.

[3] Vrgl. Anthropophyteia II. (1905). S. 390 f.

[4] Selbst Mohammed hatte sich in ein Schwein verwandelt. Die serbische Sage in T. R. Gjorgjević’s Monatschrift Karadžić, Aleksinac 1901 (III). Nr. 5.

[5] Mitgeteilt von Thomas Dragičević, der als Gendarm die Gegend genau kennen gelernt.

[6] Vrgl. Krauss, Bojagić Aliles Glück und Grab. Zwei moslimische Guslarenlieder. Leiden 1896. S. 7–10. Das zweite Lied handelt von der Sühnung einer Grabschändung.