Der Werwolf.

Selbst einer der neuesten slavischen Mythologen, der sich in Anmerkungen unterm Texte abschreckend gelehrt gebährdet, zählt den »Vlŭkodlakŭ« zum »Vampirismus«, oder genauer noch, er erklärt den »Vampir« für einen Vukodlak. Das ist durchaus unrichtig. Der Irrtum des Gelehrten entstand wohl dadurch, dass der Volkmund den Vampir fälschlich auch Vukodlak nennt, bloss nennt; denn in Wahrheit unterscheidet das Volk ganz unzweideutig zwischen Werwolf und Vampir. Der Werwolf (serb. vukodlak, chrowot. und sloven. volkodlak, bulg. vlkodlak = Wolfhaar, Wolfpelz) ist ein menschliches Wesen männlichen oder weiblichen Geschlechts, das sich zeitweilig in einen Wolf verwandelt, um nach Wolfart Herdenvieh anzufallen und aufzufressen. Nicht mit dem Vampir, viel eher mit der Mora ist der Vukodlak verwandt, woferne man den Vukodlak überhaupt »mythisch« aufzufassen berechtigt ist. Das eben erscheint mir als eine strittige Frage, die leider auch durch die nachfolgenden Mitteilungen ihrer Lösung kaum um vieles näher gebracht wird.

Die geistige Krankheit Lykanthropie vermag ich bei den Südslaven nicht nachzuweisen, obgleich sie, wie es den Anschein hat, einmal international gewesen ist und noch gegenwärtig, wie dies im J. 1888 die Budapester Revue de l’Orient besprochen hat, z. B. in Ägypten, häufig vorkommt. »Als eine Krankheit, eine Art Wahnsinn,« bemerkt R. Andree, »tritt die Lykanthropie bereits im ersten Jahrhundert auf und dauert bis ins späte Mittelalter fort. Sie zeigen sich besonders im Monat Februar; dann verliessen die Kranken nachts ihre Wohnungen und schweiften auf den Begräbnisplätzen umher, wobei sie sich einbildeten, sie seien Wölfe oder auch Hunde (Kynanthropie). Blässe und eingefallenes Gesicht, hohle, tränende Augen, trockene Zunge und brennender Durst, sowie Verminderung der Sehkraft deuteten auf ein tiefes körperliches Leiden. Die Unterschenkel dieser Kranken waren beständig mit Wunden und Geschwüren bedeckt, wegen des Strauchelns und der Anfälle der Hunde, deren sie sich nicht erwehren konnten. Die Wölfe und Hunde nachahmend, strichen sie bellend und brüllend umher.... Im Mittelalter erreichte dieser Wahnsinn seinen höchsten Grad und wurde vorzüglich dadurch furchtbar, dass die Kranken in ihrer Wut Kinder und Erwachsene töteten, wovon man im Altertum nichts wusste.« Andree hat es durch seine Zusammenstellungen dargetan, »dass derselbe Glaube an die Tierverwandlung, meist in identischen Formen, überall wiederkehrt, dass hier ein Gemeingut aller Völker vorliegt, kein abgeschlossenes Besitztum irgend einer Rasse oder einer Familie, dass somit eine Erklärung des Werwolfes aus den Anschauungen eines Volkes heraus unzulässig ist, sondern hiebei allgemeine Gesichtpunkte angenommen werden müssen«.

Wenn man den Ansichten eines Mannhardt, C. Meyer u. a. beipflichten mag, so ist wohl der Werwolfglaube bei den Südslaven das Überbleibsel eines uralten, in die vorchristliche Zeit hineingehörigen Kultgebrauches. Ihr Erklärungversuch spricht durchaus an, zumal auch der südslavische Volkglaube zur weiteren Bekräftigung der folgenden Annahme angeführt werden darf. »Gerade da, wo unsere Quellen verhältnismässig am reinsten fliessen, erscheint die Verwandlung als eine periodisch wiederkehrende,« hebt C. Meyer hervor, »z. B. bei den Neurern (Herodot IV, 105) und ebenso auch in Preussen, Livonien und Litauen, wo es nach Olaus Magnus die Weihnachtzeit ist, in der unzählige Menschen als Wölfe herumlaufen. Hieraus ergibt sich, dass wir es mit einer uralten, verschiedenen Völkern gemeinsamen Kultushandlung zu tun haben, nach welcher entweder das gesamte Volk oder nur einzelne, dem Sündenbock der Hebräer vergleichbar, vielleicht um irgend eine verderbliche Gottheit zu sühnen, in Wolfpelzen umherirren mussten. Darum heisst wohl auch bei den Germanen der Geächtete und von der Gemeinschaft der übrigen Ausgeschlossene warch, d. h. Wolf. Nun erklärt es sich auch, warum das Ganze nach Einführung des Christentums einen so düsteren Anstrich erhielt; es teilte in dieser Beziehung einfach das Schicksal der meisten aus dem Heidentum stammenden Gebräuche und Anschauungen. Wo es etwa noch eine Zeitlang fortdauerte, mussten sich die Beteiligten in dunklen Stunden und abgelegenen Gegenden treffen, weil ihr Beginnen das Brandmal des Teuflischen trug. Und endlich aus ihren historischen Bedingungen herausgerissen, hielt sich die Lykanthropie auch nicht mehr ausschliesslich an ihre ursprüngliche, durch den Kultus bedingte Jahrzeit, sondern sie trat nur vereinzelt und zu jeder Zeit des Jahres auf.«

Nach einem besonderen Volkglauben, den ich nur für die Chrowoten nachzuweisen imstande bin, vermag der heilige Georg (sveti Juraj), der Schutzherr der Waldtiere, namentlich der Wölfe, zuweilen einen Menschen in einen Werwolf zu verwandeln, indem er über den Betreffenden eine Wolfhaut wirft. Ein Bauer aus dem oberen chrowotischen Saveland behauptete steif und fest, er sei neun Jahre lang Werwolf gewesen, bis er endlich dadurch Erlösung gefunden habe, dass er zu Ostern sein Weib, als sie mit den Weihsachen aus der Kirche nach Hause ging, überfallen und ihr die geweihten Kerzen aus dem Korbe weggegessen habe. Da sei ihm die Wolfhaut vom Leibe abgefallen, und er wieder zu den Seinigen als Mensch heimgekehrt.

Im bosnischen Gebirglande lässt man niemand im Hause von dem Wasser trinken, das spät abends von der Quelle gebracht wird, wenn man nicht vorher wenigstens einen Tropfen von selbem Wasser auf das Herdfeuer spritzte oder schüttete; denn sonst könnte leicht der Trinker zu einem Vukodlak werden. Man glaubt nämlich, dass nächtlicherweile allerlei Unholde, Vilen, Hexen, Moren und Werwölfe in freien Quellen und Brunnen baden. Neigt sich jemand über eine Quelle, um bäuchlings liegend unmittelbar mit dem Munde aus der Quelle zu trinken, so fürchtet man, es könnte den Trinker plötzlich ein tückischer Geist hinabzerren. Darum rät man, man solle das Wasser lieber mit den hohlen Händen oder mit der Mütze einschöpfen und, bevor man trinkt, zur Entsühnung vom bösen Zauber einige Tropfen auf ein Feuer oder auf die Erde giessen.

Bezeichnend ist, dass bei den Südslaven, anders als bei anderen Völkern, vorzugweise Frauen Wolfgestalt annehmen können. Durch welche Mittel sich Frauen die Verwandlunggabe verschaffen, brachte ich nicht in Erfahrung. Die augenblickliche jeweilige Verzauberung und Entzauberung soll durch je drei Purzelbäume (Böcke) geschehen. Von der Verwandlung einer Frau in einen Wolf erzählte der Bauer Toma Milinković in Pleternica im Herbste 1888 meiner Mutter folgende Geschichte, für deren Wahrheit er sich verbürgt, zumal er die handelnden Personen Aug’ in Aug’ gut zu kennen vorgab: »Zu Trapari, unweit Pleternica, lebt ein sehr reicher Mann, der eine grosse Herde Schafe besitzt, über die zwei Hirten und sechs Hunde wachen. Jeden Tag erschien urplötzlich ein Wolf, frass einige Stück Schafe bei Butz und Stengel auf und verschwand wieder, ohne dass ihn je einer hätte sehen können. Der Hausvorstand wetterte immer, weil die Schafe abgingen; denn schon waren drei Vierteile von der Herde dahin. Endlich wurde der Hausvorstand ganz zornig. Jemand aber sagte ihm, das wäre kein wirklicher Wolf (da to nije pravi kurjak). Der Hausvorstand solle mal zeitig morgens aufstehen und die ganze Bekleidung, von den Opanken bis zur Mütze, verkehrt (umgewendet) anziehen, dann die Schafe zum Bach hinabtreiben, damit sie weiden, selber aber auf einen Baum hinaufsteigen und abwarten; also werde er in Erfahrung bringen, wer denn eigentlich dieser Wolf sei. Der Hausvorstand befolgte den Rat. Als es um die Mittagstunde war, kam dir da ein altes Weib aus der Nachbarschaft mit einem Kübel auf dem Kopfe hergestiegen und schöpfte Wasser ein. Darauf legte sie sich auf den Rasen hin, schlug kopfüber drei Purzelbäume, verwandelte sich in einen Wolf, packte den feisten Leithammel, der schon vier Jahre alt war, und frass ihn samt der Wolle, den Gedärmen und den Klauen auf. Der Mann wollte vom Baume herab die Alte zusammenschiessen, besann sich jedoch eines besseren; denn als er das Weib erkannte, fand er es für rätlicher, sie in ihrem Hause durchzubläuen. Nachdem der Wolf den Hammel aufgefressen hatte, schlug er wieder drei Purzelbäume und verwandelte sich in das alte Weib zurück. Sie nahm den Kübel auf den Kopf und kehrte heim. Nun stieg der Mann vom Baume herab, ging dem Weibe nach und begann sie furchtbar zu beschimpfen und wollte sie gar in ihrem eigenen Hause mit dem Gewehr erschiessen. Als die Söhne des alten Weibes erfuhren, was ihre Mutter treibe, prügelten sie sie schrecklich durch, dass sie sich kaum mehr rühren konnte; und von der Zeit ab liess es sich die Alte nimmer beifallen, sich in einen Wolf zu verwandeln und fremde Schafe aufzufressen.«

Wie so oft tritt uns auch hier eine ältere Überlieferung in Verjüngung an einen bestimmten Ort gebunden wieder entgegen. In solchen Fällen ist sich der Erzähler seiner Lüge gar nicht mehr bewusst, denn er erzählt in bestem Glauben und in unbedingter Vertrauenseligkeit auf die Zuverlässigkeit seiner Gewährmänner oder Gewährweiber.

Der Werwolfglaube ist bei den Südslaven entschieden schon vor hundert oder zweihundert Jahren stark verblasst gewesen, sonst wäre die Vermengung oder Gleichstellung der Namen Vukodlak und Vampir kaum erklärlich. Der alte Glaube hat sich im Grunde genommen doch nur in Sagen erhalten, und selbst die Sagen haben ihnen ursprünglich fremdartige Bestandteile in sich aufgenommen. So ist z. B. das Motiv von der Schwanenjungfrau, das wir sowohl beim Vilen- als beim Morenglauben wiederfinden, auch mit einer Wolfsage verschmolzen. Die Einleitung ist zudem einem anderen Motiv entlehnt, und das Ganze hat eine neuzeitige Fassung erhalten: