»Es war einmal ein Graf, der besass eine Mühle, in der sich niemand zu übernachten getraute; denn allnächtlich suchte ein Wolf die Mühle heim und frass jeden auf, den er dort antraf. Es kam so weit, dass der Graf bekannt machen liess, wer einmal in der Mühle übernachte, dessen Eigentum solle sie werden. Nun fand sich ein Jüngling, der den Plan fasste, in dieser Mühle zu übernachten. Er begab sich zum Grafen und erklärte sich bereit, das Wagnis zu unternehmen. Hierauf ging er in die Mühle, nahm einige Bretter und legte sie auf das Durchzuggebälke. Sodann fachte er ein Feuer an und wärmte sich. Als er das Herannahen des Wolfes merkte, rückte er rasch die Hobelbank an das Feuer und stieg so rasch als nur möglich auf die Bretter hinauf. Im Augenblick war auch der Wolf schon da, durchsuchte die ganze Mühle, ohne irgend jemand zu finden. Zuletzt trat er ans Feuer, legte seinen Pelz ab, und siehe da! der Wolf verwandelte sich in ein reizend schönes Mädchen. Allmählich wurde sie schläfrig und schlummerte ein. Der Jüngling war unbemerkt geblieben und verliess leise seinen Standplatz, schlich sich heran, nahm das Fell und nagelte es mit drei Nägeln unter der Mühle an. Mit Vergnügen nahm er wahr, dass er es mit keinem Wolfe, sondern mit einem hübschen Mädchen zu tun habe, fürchtete sich nicht im mindesten vor ihr und weckte sie auf. Sobald sie munter ward, wollte sie nach ihrem Pelz greifen; da sie ihn aber nicht sah, ergriff sie den Jüngling bei der Hand und machte Miene, ihn zu schlagen. Als er ihre Absicht erkannte, rief er aus: ‘So ein Weibsbild hat Gott noch nie erschaffen, von dem ich mich hauen liesse!’ Hierauf verlegte sie sich aufs Bitten, er möge ihr den Pelz zurückgeben, doch alle ihre Reden prallten an ihm fruchtlos ab. Sie drohte, es werde ihm schlimm ergehen, sollte sie wieder einmal den Pelz auffinden. Von da ab verliess sie die Mühle nicht mehr. Beide blieben also da und verheirateten sich schliesslich miteinander. Sie lebten lange Zeit in glücklichster Ehe, der ein Kind entspross. Einmal aber fand sie in Abwesenheit ihres Mannes ihren Pelz unter der Mühle und zog ihn an. Sie verwandelte sich nun wieder in eine Wölfin und suchte das Weite.

»Der Mann kehrte bald nach Hause zurück, fand das Kind weinend vor und fragte es, warum es weine. Da antwortete das Kind, die Mutter habe das Haus verlassen. Der Mann ging sogleich unter die Mühle nachschauen, sah den Pelz nicht mehr und wusste, wieviel es geschlagen hatte. Da nahm er sein Gewehr zur Hand und zog aus auf die Suche nach der Wölfin. Tief betrübt kam er auf einen Kreuzweg und begegnete dort einem fremden Manne, der ihn teilnahmvoll um den Grund seiner Niedergeschlagenheit befragte, weshalb er komme und was er hier suche. Der Müller teilte ihm sein Leid mit, und der Fremde versetzte: ‘Ich bin der Wolfhirte, ich will dir helfen; ich entbiete alle Wölfe hieher, und wenn du deine Frau nicht aus der Menge herausfindest, so ist es um dich geschehen!’ — ‘Das soll meine Sorge sein!’ Da bliess jener in sein Horn, und es erschienen alle Wölfe. ‘Nun, welcher ist deine Frau? Ist sie mit darunter?’ — ‘Freilich, der letzte Wolf dort ist meine Frau.’ Hierauf nahm der Wolfhirte der Wölfin den Pelz ab, und der Mann führte seine Frau nach Haus, und sie lebten von da ab noch viele Jahre in Glück und Frieden.«

Vučji pastir, der Wolfhirte, wird in den Erzählungen der Jäger und Viehzüchter sehr oft genannt. Man glaubt, Wölfe, Hasen und Füchse haben ihren Hirten, der sie befehligt und ihnen Beute zuweist. Wenn ihr Hirte mit ihnen auszieht, so sind die Tiere unsichtbar, und der Jäger mag hart an dem Wolf vorübergehen, er sieht ihn nicht, es mögen ihn selbst hundert Hunde begleiten. Einmal im Jahre zur Winterzeit, nach einer Sage zu Weihnachten, um die Mitternachtmette, versammelt der Wolfhirte irgendwo auf öder Heide oder im wilden Walde alle seine Getreuen und bestimmt jedem Beute und Schicksal für das kommende Jahr. Einst ging ein Weidmann just am Weihnachtabend in den Wald, um Wild zu jagen. Er stieg auf einen Baum und wartete auf dem Anstand. Gegen Mitternacht erschien gerade unter jenem Baume der Wolfhirte in Menschengestalt, knallte mit seiner Peitsche und stiess ins Horn. Alsbald versammelten sich um ihn herum die Wölfe des Waldes, und jeder empfing sein Los zugeteilt und lief dann seines Weges fort. Zuletzt blieb nur noch ein hinkender Wolf zurück. Der fragte den Hirten: »Was für Beute bestimmst du aber mir?« — »Den da oben, der auf dem Baume hockt.« Der Wolfhirte verschwand, und der Wolf blieb allein unter dem Baume. Dem Jäger wurde es grausig zu Mute. Er getraute sich nicht zu mucksen, bis endlich in der Frühe Leute des Weges kamen und ihn heimtrugen. Er lag darauf lange Zeit krank darnieder.

Dem Südslaven erscheint der Wolf, gleich dem Fuchs und Hasen, zumal wenn Wölfe in grossen Rudeln auftreten und in die Dörfer einbrechen, als ein geisterhaftes, unheimliches Wesen, auf dem durch einen Fluch ein böser Zauber lastet.

Die Wölfe werden wieder gelenkt und getrieben von einem zauberkundigen Wesen, einem Menschen, den man sich unzweifelhaft als einen Werwolf vorzustellen hat, wenngleich dies in den gegenwärtig im Umlauf befindlichen Sagen nicht ausdrücklich bemerkt wird. Der Schluss ist aber nicht nur statthaft mit Hinsicht auf den angedeuteten Werwolfglauben anderer Völker aus älteren Zeiten. Die Wolfhirtenschaft ist wie eine Todsünde eine missliche Gabe, die dem Inhaber geringen Segen schafft und die letzten Stunden des Lebens bitter erschwert. Der Wolfhirte muss vor seinem Hinscheiden sein Amt und die Abzeichen rechtzeitig an einen Nachfolger abtreten.

Eine Sage aus Chrowotien erzählt: Es war einmal ein Wolfhirte, der schon alterschwach und krank war, und die Wölfe hatten nichts zu essen und weilten stets an seinem Hofe. (Die Sache verhält sich nämlich so: geht ihr Hirte nicht mit ihnen, so kann sie jeder Mensch sehen und ohne weiteres töten). Ein Bursche stellte damals ein Fangeisen auf und bestieg einen Baum in der Nähe, damit niemand das Eisen stehle. Da kam eine Wölfin und geriet in die Falle. Der Bursche stieg vom Baume herab, warf eine Kotze über die Wölfin und trug sie nach Hause. Er trat in die Stube ein, wo sein Schwiegervater krank im Bette darniederlag, und sprach zu ihm: »Sehen Sie, ich habe doch eine Wölfin eingefangen; Sie aber haben immer gesagt, so lange als Sie leben, werde es mir nie glücken, eines Wolfes habhaft zu werden.« Hierauf entgegnete ihm der Schwiegervater: »Geh’ setz’ mal die Wölfin nieder und gib mir die Peitsche her, die zu meinen Füssen liegt.« Der Bursche reichte dem Alten die Peitsche hin, dieser liess sie einmal durch die Luft sausen, und die Wölfin war spurlos verschwunden. Verwundert fragte der Bursche den alten Mann, wohin denn die Wölfin plötzlich gekommen sei. Doch der Alte verweigerte beharrlich jede Auskunft, litt schwere Todpein und konnte keine Erlösung von seinen Qualen finden. Endlich sagte er zu seinem Schwiegersohne: »Nimm die Peitsche, geh in den Hof hinaus und lass sie einmal knallen, du wirst einen herrlichen Anblick geniessen.« Der tat so, wie er es ihn geheissen hatte. Auf einmal kam er in die grosse Stube hereingerannt mit dem Ausruf: »Kommt heraus, Leute, die Menge Wölfe anzuschauen!« Die Leute liefen hinaus, doch keiner ausser ihm allein sah die Wölfe. Nun ging er zu seinem Schwiegervater und erzählte ihm, niemand sähe die Wölfe ausser er allein. Hierauf antwortete ihm der Kranke: »Wenn dir einer auf den rechten Fuss tritt, so wird er ebenfalls die Wölfe sehen können.« Seit diesem Augenblicke war dieser Bursche Wolfhirte. Einmal kam er zu meinem Schwager auf Feldarbeit und sagte im Vertrauen zum Ispan (herrschaftlichen Aufseher), er wolle ihm etwas Besonderes zeigen, wenn er nicht schrecksamer Natur sei. Darauf sprach er zu ihm: »Treten sie mir auf den rechten Fuss.« Er trat ihm auf den Fuss und sah sich ringsum von unzähligen Wölfen umgeben. Derselbe Hirte erzählte mir und beteuerte es bei Gott und Seligkeit, er habe zwei Steierer gesehen, die dort im Walde meines Schwiegervaters so viele Hasen und Füchse vor sich hertrieben, dass sich die Tiere drängten und stiessen; mir aber sagte er, ich solle ihn im Gebirge besuchen, er werde mir alle Wölfe zeigen, ich müsste ihm bloss auf den rechten Fuss treten. Jener alte Wolfhirte ist vor zwei Jahren gestorben, bemerkte der Bauer, von welchem der Bericht stammt. (Aufgezeichnet um das Jahr 1862.)

Seltsam genug wird dem Wolfhirten auch eine Art Obsorge für Hirten im allgemeinen nachgerühmt. Offenbar denkt man, er sei für die Hirten darum bedacht, weil sie gleichsam für seine Wölfe Herden hüten. Der Wolfhirte verstehe es auch, diejenigen Bauern empfindlich zu bestrafen, die sich gegen seine Beschlüsse auflehnen, so er da durch Wölfe ausführen lässt. Darum dürfe man nie einen Hirten prügeln, wenn irgend etwas im Hause zu Grunde geht, am allerwenigsten aber, wenn ein Stück der ihm anvertrauten Herde umkommt, weil sich der Schaden nur vergrössern würde. Es traf sich einmal, dass ein Wolf einem Hirten ein kleines Ferkel raubte. Als der Hirte heimkam, wurde er weidlich durchgeprügelt; er aber entgegnete nichts auf die Vorwürfe, sondern weinte bitterlich. Während er weinte, trat der Wolfhirte an ihn heran und tröstete ihn: »Hab’ keine Furcht deshalb und sei unbesorgt; lass du dich nur morgen um nichts in der Welt bewegen, die Herde auszutreiben. Der soll gehen, der dich durchgeprügelt hat.« Der Junge tat so, wie ihm geraten worden, und so ging der Herr selber mit den Schweinen auf das Feld hinaus. Dort zündete er ein Feuer an. Inzwischen schlichen sich zwei Wölfe heran und trugen ihm jeder je ein Schwein fort. Als der Herr abends nach Hause kam, schwiegen alle still, keiner getraute sich über den Vorfall zu sprechen. Nun beschloss der Herr, alle seine fetten Schweine, eines nach dem anderen, abzustechen. Als er nach einigen Tagen wieder ein Schwein abgestochen hatte, stellte sich der Wolfhirte ein und bat den Herrn um ein Stück Fleisch; doch der Herr fuhr ihn barsch an: »Mir haben heuer die Wölfe genug Fleisch aufgefressen; soll ich noch den Rest an die Leute verteilen? Das fehlt mir noch zum Ganzen!« Ohne darauf ein Wort zu erwidern, wandte ihm der Wolfhirte den Rücken zu, ging in den Hof hinaus, blies in sein Horn, und im Nu waren so viele Wölfe da, als es Blätter im Walde und Halme in der Aue gibt. Die frassen alle Schweine auf und überdies auch das schon zerlegte Fleisch, das der Herr im Hause hatte. Hierauf gab der Wolfhirte jenem Hirten eine Peitsche mit der dieser nur zu knallen brauchte, um so viel Wölfe vor sich zu haben, als es Blätter und Gräser auf der Welt gibt. Mit der Peitsche in der Hand zog der Hirte fort in die Welt hinaus.

Falls der Wolfhirte dieser Sagen wirklich noch aus dem vorchristlichen Volkglauben der Südslaven herstammt, so ist St. Georg als Wolfhirte nur eine moderne Einkleidung des alten Glaubens.[1]


[1] Eine wertvolle Studie über den Werwolf im polnischen und russischen Volkglauben verdankt man L. Krzywicki, Wisła XII (1898) 100–130. Ludožerstwo i wilkołactwo.