Die Mar.

Blutwallungen, denen sich Krämpfe zugesellen, Anschwellungen der Blutdrüsen mit Milch- oder Blutfluss, schmerzhaftes Herzklopfen mit Atembeklemmungen und dergleichen krankhafte Zustände, die die nächtliche Ruhe zur nächtlichen Pein umwandeln können, führt der Volkglaube, einen Grund für solche Wirkungen suchend, auf Bedrückungen nächtlicher Quälgeister, auf die Maren zurück. Heutigentags ist man über die Erscheinung und die Volkauffassung völlig im klaren. Viele gelehrte Erklärungversuche vertragen kaum mehr eine Erörterung, wie z. B. jene A. Hennes: »Die Nachtgespenster sind abergläubige Entstellungen der Gestirne, deren Strahlen überall hindringen und den stärksten Einfluss auf die Nachtruhe der Menschen üben, indem ihre Helligkeit dieselbe oft stört oder vereitelt. In den wandernden und irrenden Nachtmaren .... erkennt man ohnehin (?!) die in Tiergestalt gedachten, ruhelos hinziehenden Sterne.« Henne verkennt und überschätzt den Einfluss der Sternenwelt auf die Nachtruhe des Menschen. Der Mondsüchtige oder der Nachtwandler ist mit dem Margeplagten nicht zu verwechseln. Die Mar verhindert eben die Beweglichkeit, sie legt den Leib des Schlafenden lahm, die Sterne aber und der Mond beeinflussen in einer anderen, entgegengesetzten Weise den Schläfer.

In neuester Zeit wird wieder von einigen Gelehrten die uralte Ansicht eifrig verfochten, die Gestalt der Nachtmar verdanke dem Traumleben ihre Entstehung und ihr Dasein.[1] Diese Auffassung ist zum Teil richtig; der nächtliche Quälgeist ist aber auch bei den meisten Völkern mit den Waldgeistern oder vielleicht eigentlich mit den Windgeistern innig verwandt, doch erscheint nebenher, zumal bei den Slaven, die Mar auch als der Geist eines Verstorbenen, der eine neue Geburt durchgemacht hat d. h. aus der unbekannten Geisterwelt oder, wie die modernen Spiritisten behaupten, aus der vierten Dimension, in einen lebenden menschlichen Leib hineingefahren sei und den Besessenen zu unheimlichen Taten dränge. »Bezeichnend ist hierbei die Vorstellung«, sagt mit Bezug darauf F. Liebrecht, »dass die auf ungewöhnlichem Wege auf Erden Anlangenden (oder Zurückkehrenden) nicht nach ihrer Heimat gefragt sein wollen, als ob sie die Erinnerung daran mieden, indem durch eine derartige Frage eine unwiderstehliche Sehnsucht nach derselben erweckt und sie so zur Heimkehr veranlasst werden könnten«. Einen Beleg dafür lernen wir beim Vilenglauben kennen,[2] einen weiteren erhalten wir gleich bezüglich der Mora.

Wenn irgend ein Glaube allen Völkern der Erde zu allen Zeiten und unter allen Zonen gemeinsam war und ist, so ist es der Marglaube. Der südslavische weist unbedeutende Eigentümlichkeiten auf, es wäre denn eine, dass er besonders tief im Volkgemüte noch gegenwärtig eingewurzelt ist.

Die Mar (nach anderer Schreibung: Mahr) heisst bei den Serben in Serbien, Montenegro, Dalmatien, bei den Bulgaren und Slovenen allgemein mora, daneben unter den Chrowoten mura und in Slavonien und in Bosnien tmora. Falls das ‘t’ in tmora nicht als parasitisch, sondern als thematisch angenommen werden sollte, so würde uns gerade diese Form eine erwünschte Aufklärung des rätselhaften Wortes geben. Es würde von tema (tmica, tama = Dunkelheit) abzuleiten und mit ‘die im Dunkeln wandelnde’ zu übersetzen sein. In Südbulgarien nennt man die Mora auch lamia. Der Name ist dem Griechischen entlehnt. Die Montenegrer sagen lieber vještica (Hexe) als Mora. Ausnahmweise nennt das Volk die Mora auch Vila, doch ist diese Bezeichnung dann nur als Schimpfwort aufzufassen, nicht aber als ein eigentlicher Name. Das Wort Mora ist dem Bauer schrecklich auszusprechen, darum umschreibt er es gewöhnlich mit noćnica (Nachtfahre, Nachtfrau, domina nocturna). Wenn sich bei einem Manne die Brustwarzen verhärten und ihm dies Schmerzen bereitet, so glaubt man, Noćnice saugen an seinen Brüsten nächtlich (Serbien, Slavonien). Verschiedene Namen für ein Wesen bilden sich im Volkglauben mit der Zeit zu neuen, verschiedenen Wesen aus. So unterscheidet man im Savelande unter den Serben schon zwischen Mora und Noćnica. Die Mora sauge die kleinen Kinder aus, die Noćnica schlage sie, so dass der Oberleib eines geplagten Kindes gleichsam mit blauen Striemen bedeckt erscheine.

Die Slovenen in Steiermark kennen neben der Mora noch einen männlichen Quälgeist: vedomec, der, wie ich nach den einschlägigen Mitteilungen und Erhebungen schliessen muss, dem deutschen Volkglauben entlehnt ist und unserem Alp in allen Stücken entspricht. Nur der Name ist slavisch. Im übrigen sind die Moren bei den Südslaven nur wirkliche menschliche Wesen, und zwar ausschliesslich weiblichen Geschlechts. (Nach südslavischem Sprachgebrauche zählen Frauenzimmer freilich nicht zu den Menschen.)

Die Mora bei den Südslaven beschränkt sich nicht, wie die Mar bei den Deutschen, aufs Milchtrinken, sondern saugt regelmässig dem Menschen Blut aus.

Ohne eigenes Zutun wird das Menschenkind zur Mora. Der verderbliche Geist nimmt vom Menschen Besitz und zwingt zu seinen Diensten den besessenen Leib, der schliesslich oft für den fremden Geist zu büssen hat. In Bosnien und im Herzogtum sagt man: ‘Eine Mora kann nur ein Mädchen sein, und zwar eines, dessen Mutter schlimm gewesen, z. B. die den Teufel anrief (vragala), wenn sie im Hause ihre Kinder züchtigte, die sich falsch zu verschwören pflegte und schamlos war, zu Gott nicht betete und in der Kirche keine Beichte ablegte.’[3] In einer Dorfgeschichte des Dalmaters Vuletić, »Die Mädchenhöhle«, erzählt ein Mädchen: »Ich hatte eine Tante namens Ännchen, die war als Mora zur Welt gekommen, das heisst, in einem blutigroten Hemdchen. Zu ihrem Unglück hatte sich damals niemand gefunden, der von der Spitze des Daches in die Welt hinausgeschrien hätte: ‘Es ist eine kleine, rote Hindin in einem roten Hemdchen geboren worden’ (rodila se crvena košutica u crvenoj košuljici). Dies wäre ihre Erlösung gewesen. Während ihrer Mädchenzeit wurde sie im ganzen Dorfe verfolgt; die Dorfleute waren fahl und blass, als ob das Fieber alle plagte, und oft sah man morgens das Mädchen zerkratzt in die Häuser kommen mit der Bitte: ‘Gevatter, gib mir ein Körnchen Salz!’« — Allgemein gilt es, dass Kinder weiblichen Geschlechts, die mit einem sogen. Glückhäubchen, in der Lika sagt man »in einem Bettchen« (posteljica) oder einem blauen Hemdchen (modra košuljica) geboren werden, als Moren die Menschen quälen müssen. Solche Mädchen sähen bei Nacht ebenso gut wie Katzen.

Der Volkglaube setzt die Moren in engere Beziehung zu den Hexen, doch gehen die Meinungen in Einzelheiten stark auseinander. Die Beziehungen sind jüngeren Ursprungs. Manche glauben, die Mora sei eine Hexe (vještica), die ihr Tun bereut und das Gelübde getan habe, keinen Menschen mehr auszufressen, sondern die Leute bloss nächtlich im Schlaf zu bedrücken und ihnen den Atem zu benehmen. Andere wieder glauben, die Mora sei ein heiratfähiges Mädchen, das nach der Verheiratung eine Hexe werden soll. Im Herzögischen glaubt man ferner, Moren wären von Hexen geborene Mädchen, die diesen ihr ganzes Treiben ablernen, doch während ihrer Mädchenzeit das Zauberwerk nicht ausüben können und vor ihrer Verheiratung niemandem das Herz ausweiden dürfen. In dem Augenblicke aber, wo bei der Trauung der Mora der Kranz aufgesetzt wird, verwandle sich die Mora zu einer Hexe. Auf Curzola und den übrigen Inseln behauptet man dagegen, die Mora sei keine unverheiratete Hexe, vielmehr gebe es sowohl verheiratete als unverheiratete Moren, auch könne nie eine Mora zu einer Hexe werden. Im allgemeinen seien die Moren an dem zerkratzten Gesichte, die Hexen aber an den Hitzbläschen und Wimmerln im Gesichte erkennbar (Insel Brazza).