Moren vermögen gleich dem Teufel und den Hexen jede mögliche Gestalt anzunehmen, nur nicht die eines Schafes oder einer Biene. Dank ihrer Verwandlungfähigkeit kann die Mora durch die allerkleinsten Ritzen hindurchschlüpfen. Die Mora steht nicht leicht ab von ihrem auserkorenen Opfer. Sie pflegt es z. B. in der Gestalt eines Pferdes oder eines Hundes zu begleiten. Es ist vielleicht kein Zufall, dass der Volkglaube sie ein Pferd von weisser Farbe sein lässt. Auch die Pest in Pferdegestalt ist von weisser Farbe.

Nächtlich bedrückt eine Mora den Schläfer meist in Menschengestalt, oder als Henne, oder als ein Hund, oder als eine Schlange, oder als eine Schlinge, oder als ein Zwirnfaden, den man nicht erfassen kann. Die Mora wirft über den Menschen vorerst einen tiefen Schlaf, doch raubt sie ihm das Bewusstsein nicht. Hat einmal eine Mora bei einem Menschen süsses Blut entdeckt, so verliebt sie sich in ihn und weicht nicht mehr von ihm. Mag er im Schlafe noch so ächzen und stöhnen, die Mora wehrt ihm das Erwachen.

In Chrowotien glaubt man, die Mora habe Füsse von dieser Form

. Um sich vor den Heimsuchungen der Mora zu schützen, zeichnet man sich auf die Brustwarzen (sise) ihre »Pratzen« (šape) auf, dann lässt sie einen in Ruhe. Ich vermag diesen Zug bei den übrigen Südslaven nicht nachzuweisen und wage die Vermutung, er sei dem Volkglauben der eingewanderten Schwaben entlehnt (Drudenfuss). Die Mora wälzt sich einem auf die Brust und benimmt einem den Atem. Es sei erwähnt, dass der südslavische Bauer mit Vorliebe auf dem Rücken liegend schläft und die Hände unters Haupt, gleichsam als ein Kissen, legt. Auch bei den deutschen Bauern beobachtete ich vorwiegend diese Lage, während der bürgerliche Deutsche die Seitenlage bevorzugt und wohl daher auch seltener über Alpdrücken zu klagen hat.

Hauptsächlich wird die Mora als Quälerin der Wiegenkinder gefürchtet. Dass ein Kind von einer Mora ausgesaugt wird, erkennt man an den angeschwollenen Brüsten, die Feuchtigkeit absondern. Die Ausscheidungen wäscht man weg und reibt die Geschwulst mit Knoblauch ein; denn die Moren vertragen gleich den Hexen keinen Knoblauch. In Bosnien legt die Mutter ihr säugendes Kind nicht eher in die Wiege, als bis sie es mit einer Schere dreimal bekreuzigt hat. Die Schere verbirgt sie unters Kopfpölsterchen, sonst schadet dem Kinde eine Hexe, oder es wird von einer Mora erwürgt (da ga ne bi umorila tmora). Um Kinder vor der Mora und sonst vor Krankheitgeistern zu bewahren, räuchert man abends die Bettchen mit einem alten Stück Schuhleder aus, das man auf glühende Kohlen legt; denn man glaubt, dass Unholde solchen Gestank scheuen. Gewiss ist es, dass Motten und Gelsen ferne bleiben (Serbien, Bulgarien).

Die Flüche und Beschwörungen, die man gegen Krankheitgeister sonst ausstösst, wendet man in kürzeren Fassungen auch gegen die Moren an.[4] Im Vergleich zu den vielen Bannformeln in meinem Buche über Volkglauben lehren uns die speziellen Moraverfluchungen kaum etwas Neues, bis auf einige wenige belanglose Wendungen.

Als besonders wirksame Abwehr gegen die Mora gilt in Bosnien und dem Herzogtum folgender Zaubersegen (basna) den man vor dem Schlafengehen dreimal singend aufzusagen hat (iskantati):

Mora, lezi doma! Mora, leg dich daheim nieder!
doma su ti puti, daheim sind dir die Wege
zemlja ti je uzda, die Erde ist dir ein Zaum,
Bog te prokleo! Gott möge dich verfluchen!
5 Sveti Jovan sapeo, der hl. Johannes in Fesseln schlagen,
sveti Videlare, der hl. Videlar,
koji po moru hogjaše so da auf dem Meer einherschritt
i brodove vozaše: und die Schiffe geleitete:
sveži mori moći, Bind der Mar die Gewalten,
10 sveži tatu ruke, bind dem Dieb die Hände,
sveži vuku zube, bind dem Wolf die Zähne,
da vuk ne ujede, auf dass der Wolf nicht beisse,
da tat ne ukrade! auf dass der Dieb nicht bestehle!
Okani se mora i vještica, Lass ab von Maren und Hexen,
15 pogani gjavolica! von den unreinen Teufelinnen!
Ne ću ih se okaniti, Nicht eher lasse ich von ihnen ab,
dok ih ne doćeram als bis ich sie dahin gejagt
na dubove grane, auf der Eiche Äste,
na granama reske, auf den Ästen die Blütenbüschel,
20 na reskama kaplje, auf den Büscheln die Tautropfen,
na volu dlake, auf dem Ochsen das Haar,
na pijevcu repušina! auf dem Hahn ein grosser Schweif!
Amin! Amen!

Man bannt so die Mar in einen Baum der Wildnis, denn als eine böse Baumseele gehört sie dahin, woher sie gekommen.