Ein weiteres Beispiel mag ausreichen. Wer von einer Mora geplagt wird, pflegt vor dem Schlafengehen folgendes Gebet aufzusagen:

Mora bora, ne prelazi prek ovoga bjela dvora, e su na njem tvrdi ključi od našega Siodora 5Siodora i Todora i Marije i Matije i sestrice Levantije, koja nema pristupišta, prek ovoga bjela dvora, 10ni kamena kamenica, ni vjetrušna vjetruština, ni nametna nametnica ni udova udovica ni maćiona maćionica; 15dokle ne bi pribrojila na nebu zvijezde, na gori listove na moru pijesak na kućki dlake, 20na kozi runje na ovci vune na vuni dlake. A kad bi to prebrojila, vratilom se opasala, 25zaštikalom poštapila, ušla u jajsku ljusku, utopila se u morsku pućinu, trinka joj trakuli, vragu joj glava, 30sve joj koze vrag odnio, mleko joj se ne sirilo, nego rekla: jaoh! jaoh joj dala Lena plena i Marija Magdalena! Amin! Mora (bora) überschreit’ nicht dieses weissen Hofes Schwelle; denn an ihm sind feste Schlüssel von unserem Siodorus, Siodorus, Theodorus und Maria und Matthias und der Schwester Levantija, der allda kein Eintritt zusteht über dieses Hofes Schwelle; keiner Steinhex, sie versteiner’, keiner Windhex, sie verwehe, keiner Plaghex, sei geplagt sie, keiner Witwe, zweimal Witwe, keiner magischen Magierin, eh sie nicht zu End gezählt hätt: am Himmel alle Sterne, im Hochgebirg die Blätter, die Sandkörner im Meer, auf der Hindin das Haar, auf der Ziege die Zoten, auf dem Schaf die Wolle, auf der Wolle die Haare. Und sollt’ sie dies zu Ende zählen, gürt’ sie sich mit einem Webbaum, Webstuhlnagel sei ihr Stecken, sie fahre in eine Eierschale hinein, sie soll in der Meerflut ersaufen; ihr Eingeweide dem Bandwurm, ihr Kopf falle dem Teufel zu, der Teufel hol’ ihr alle Ziegen; ihre Milch soll sich nicht verkäsen; sie soll vielmehr schreien: o weh! o weh! bescher’ ihr Lena plena und Maria Magdalena! Amen! (Aus Grbalj in Dalmatien.)

Das Wort ‘bora’ im 1. Vers mag vielleicht den Wind Bora bezeichnen, doch ist es möglicherweise hier nur ein bedeutungloses Füllsel. Die Namen in Vers 4–7 beziehen sich wahrscheinlich auf die Heiligenbilder, die an den Wänden der Stube hängen. Lena plena in Vers 33 ist wohl von der lateinischen Unterschrift eines Bildes entnommen: Sa. Helena plena (amoris Christi). Katholische Bilder sind bei Altgläubigen in Dalmatien nichts Ungewöhnliches.

Der Glaube an die gute Wirkung solcher Bannsprüche und Gebete ist nicht gross, denn man nimmt noch zu mancherlei anderen Abwehrmitteln seine Zuflucht. Als bestes, doch schwer durchführbares Mittel gilt, die Mora gründlich durchzubläuen oder gar zu verbrennen. Manches als Mora verdächtigte Frauenzimmer wurde von erbitterten Leuten auf Kohlenglut gesetzt, so dass sie böse Brandwunden davontrug. Man glaubt nämlich, dass die einmal angebrannte Mora nie wiederkommen werde. Mitunter genügt es, dass man irgend ein Kleidungstück der Mora vom Leib reisst und als Pfand zurückbehält. Um es zurückzubekommen, muss sie sich zu jeder Bedingung bequemen. In Montenegro pflegen die Leute, die von einer Mora gedrückt und gewürgt werden, vor dem Schlafengehen einen gewebten Leibgürtel der Länge nach über die Decke auszubreiten. Wenn die Mora zur Heimsuchung erscheint, so zieht sie sich vor dem hegenden Band wieder zurück oder glaubt, eine andere Mora sei ihr zuvorgekommen und habe sich als Band über den Schläfer gemacht. Im »Bergkranz« spricht Serdar Janko zu Wolf Mićanović, der sich berühmt, ihn habe noch niemals eine Mora gedrückt (pritisla): »Mir aber ist sie zur Last geworden. Stets trage ich Kren bei mir und Dornenstacheln im Kleidersaume eingenäht; doch gibt es kein zuverlässigeres Gegenmittel gegen sie (die Mora) als das, wenn man sich zu Bette begibt, über die Kleider einen Gürtel der Länge nach zu legen« (pas pružit ozgo svrh haljina).

Wen die Mora drückt, der braucht nur vor dem Schlafengehen hinter die Türe einen Birkenrutenbesen mit dem Stil nach unten zu stellen, und er wird vor der Mora Ruhe haben. Es lebte im Jahre 1866 zu Požega in Slavonien ein Kürschnergeselle, ein starker Fresser, dem aber das Vielessen schlecht bekam, denn ihn plagte die Mora. Sobald er nachts das Licht ausgelöscht hatte und sich niederlegte, kam die Mora durch die nicht verschliessbare Türe ins Zimmer hinein und sprang auf den Gesellen hinauf. Vor Entsetzen getraute er sich nicht sich zu rühren. Deutlich hörte er die Mora atmen und sich räuspern, doch sonst tat sie ihm nichts zu Leide an. Alle Zaubermittel halfen nichts gegen das Übel. Da riet ihm jemand, er solle ein Freitagkind, das vor Moren gefeit sei, bitten, dass es mit ihm in einem Bette übernachte und die Mora mit einer Schere durchschneide. Die Wahl fiel auf mich. Wir waren in der Florianigasse benachbart. Ich war völlig furchtlos, weil man mir frühzeitig eingeredet hatte, ich könnte weder je Geister sehen, noch vermöchten Unholde mir auch nur das Geringste anzuhaben. So sass ich denn mit der schweren Kürschnerschere in beiden Händen auf dem Bette an der Wand, während der Geselle ausgestreckt im Bette neben mir lag. Auf einmal hörten wir den Besen umfallen und die Tür aufgehen. Ein Satz, und die Mora lag auf dem Gesellen. Er fing zu ächzen an und bat mich himmelhoch in die Mora hineinzuschneiden. Die Schere war aber für meine Knabenhände zu schwer, und so gab ich der Mora nur einen Stich in den Leib. Sie sprang im Nu mit einem fürchterlichen Geheul auf und verkroch sich unterm Bette. Nun kamen die Leute herbeigerannt, machten Licht und fanden einen grossen Hund aus der Nachbarschaft vor. Der Geselle schlug ihn halbtot. Am nächsten Tag gab es einen furchtbaren Auftritt zwischen dem Eigentümer des Hundes und dem Gesellen, worauf letzterer sein Ränzlein schnürte und nach Miholjac wanderte.

In Dalmatien sagt man, es sei angezeigt, falls einen nachts eine Mora drücke, mit dem Fingernagel in die Wand oder ins Bettgestelle zu kratzen; denn danach werde man am nächsten Morgen die Mora an ihrem zerkratzten Gesichte (ogrančana) erkennen. Ein moslimisches Mädchen in einem Dorfe bei Derventa in Bosnien, das eine Hexe war, liebte einen jungen Mann, ohne Gegenliebe zu finden. Um sich an ihm zu rächen, kam sie in der Nacht als Mora zu ihm. Er jedoch schlief nicht und erfasste sie bei ihren roten Haaren. Alle ihre Bitten, er möge darüber schweigen, nützten ihr nichts, denn er verriet es dem ganzen Orte. Das Mädchen konnte sich an ihm nicht rächen, da er ihr Haar in Händen gehabt und ihr gedroht hatte, ihr das Haar bei nächster Gelegenheit abzuschneiden. Sie heiratete später einen anderen, blieb kinderlos und soll noch jetzt leben. — Wenn es dem Geplagten glückt, der auf ihm lastenden Mora das Hemd vom Leibe herunterzureissen, so werfe er es hinter die Türe mit den Worten: »Komm morgen, ich werde dir Brot und Salz geben!« Die Mora muss sich am nächsten Tag in ihrer wahren Menschengestalt einstellen und um Brot und Salz bitten. Es hat sich dadurch schon öfters ereignet, dass Weiber, die arglos in der Nachbarschaft Brot und Salz ausborgen wollten, tüchtige Schläge davontrugen, weil man sie für Moren oder Hexen gehalten hat. Der Herzogländler glaubt, gegen die Mora sei das beste Mittel, man binde sich vor dem Schlafengehen einen Faden um die grosse Zehe; denn da erwache man, sobald sich die Mora auf einen wälzt. Man sage ihr: »Komm morgen und verlang ein Salz von mir!« Am nächsten Morgen haue man die Mora windelweich durch, und man wird zeitlebens vor ihr Ruhe haben.

Die Mora-Sagen erzählen ferner immer mit unwesentlichen Abweichungen dieselbe Geschichte von der wunderbaren Errettung eines Geplagten, der sich nicht einmal durch Flucht zu helfen vermochte, wenn ihm nicht ein Zufall Erlösung brachte. Als typisch darf aber nachfolgende Fassung angesehen werden:

Es war einmal ein Mann, den plagte derart die Mora (morila mora), dass er schliesslich gar nicht mehr einschlafen konnte. Das Leben daheim ward ihm zu Leid, und er bestieg sein weisses Ross und ritt davon in die Welt hinaus ganz ohne Plan und ohne Ziel. Seine Flucht blieb aber vergeblich, denn wo immer er sich auf der Reise zur Ruhe begab, fiel auch schon gleich die Mora über ihn her. So immer weiter durch die Welt wandernd, kehrte er einmal zu Nacht bei einem Schneider ein. Als nach dem Nachtessen der Schneider seine Arbeit wieder vornahm und zu nähen anfing, klagte ihm der Gast sein Leid, wie ihn die Mora heimsuche und plage. »Weisst du was«, sagte er, »während du hier nähst, will ich mich mal auf ein Weilchen niederlegen und zu schlafen versuchen«, deckte sich mit seinem Lodenrock zu und streckte sich aus. Kaum hatte er zum Schlafe die Augen geschlossen, fing ihn die Mora zu drücken an, und er hub zu schreien und sich zu wehren an. Als der Schneider dies hörte, hob er die Kerze, um zu sehen, wie sich sein Gast abplage; als er jedoch hinschaute, erblickte er, wie sich ein weisses Haar mit der Schnelligkeit einer Schlange über den Lodenrock hinbewegte, mit welchem sich der Schläfer zugedeckt hatte. Zufällig hielt der Schneider seine schwere Tuchschere in der Hand, fuhr damit auf den Rock zu und schnitt jenes Haar durch. Sobald sich das Haar zu bewegen aufgehört, beruhigte sich der Schläfer und schlief ruhig bis zum nächsten Tag, als die Sonne schon hoch aufgestiegen war. Als er erwachte, dankte er Gott für den gesunden Schlaf und die gegönnte Erholung und lief gleich in den Stall zum Ross, um es abzuwarten. Da hatte man es! Liegt nicht das Ross im Stall tot ausgestreckt? Als ihm nun der Schneider erzählte, wie er das Haar auf dem Lodenrock durchgeschnitten habe, ersahen beide, dass die Mora, die den Wanderer so gequält hatte, niemand andres als das Ross gewesen sei.

Man würde irren, wollte man annehmen, das sei nur eine Schauersage, ersonnen zur Unterhaltung. Das Volk glaubt unverbrüchlich fest an die Wahrheit der Erscheinung und an den Wert der Gegenmittel. Noch in der unmittelbarsten Gegenwart betrachtet der südslavische Bauer die Mora als seinen bitteren Feind, den er bekämpfen müsse; an die Säuberung seiner ungesunden Wohnstätte, an die Beschaffung zuträglicher Nahrung, an Mässigkeit und zweckdienliche Bekleidung denkt er weitaus weniger. Zwei gutbezeugte Fälle aus der jüngsten Vergangenheit sollen zur Beleuchtung des Volkglaubens an die Mora dienen. Die Belege liessen sich leicht vermehren.

Manda Lučić in Ramanovci erzählte meiner Mutter (im J. 1887): »Vor vier Jahren erkrankte mein Kind. Ich beklagte mich bei den Weibern, dass es fortwährend kränkle, grosse Brüste bekomme, und wie ihm Milch aus den Brüsten fliesse. Die Weiber sagten mir: ‘Dein Kind wird von einer Tmora ausgesaugt. Nimm du einen Wälger (eine längliche Walze aus Holz zum Auswalgen von Mehlspeisteig, oklagija) und pass nachts auf; sobald das Kind zu ächzen anfängt, spring du zur Wiege hin und drück das Wälgerholz darüber. So wirst du die Mora auf dem Kinde erwischen.’ Mein Lukas setzt sich abends in den Ofenwinkel und wartet ab. Auf einmal gegen Mitternacht bemerkt er, wie sich etwas durchs geschlossene Fenster ins Zimmer einschleicht und zur Wiege hinzieht. Als er merkte, dass es schon auf der Wiege liege, sprang er aus dem Ofenwinkel hervor und drückte mit dem Wälger auf die Wiege nieder und fing just jenes Weib ein, das er in Verdacht hatte. Nun schlug er sie mit dem Wälgerholz braun und blau, bis sie ihn zu bitten anfing: ‘Liebster Gevatter, schlag mich nicht tot, ich werde das nimmermehr tun!’ (Kume dragi nemoj me ubiti, ne ću to više nikada raditi!) Dann schlug er sie nicht weiter, und unser Kind wurde frisch und gesund. Jetzt ist es fünf Jahre alt, im sechsten.«