Manda Šuperina in Suljkovci erzählte meiner Mutter: »In unserem Dorfe lebten ein Mann und ein Weib, die hatten ein einziges Kind, zu dem allnächtlich eine Mora (tmora) kam, die das Kind aussaugte. Er klagte sein Herzeleid einem Weibe, das Kind könnte ihm sterben, da es von der Mora ausgesaugt werde. Riet ihm das Weib: ‘Nimm einen Sack, wend ihn auf die Kehrseite um, leg dich nachts deinem Weib zu Füssen, deck dich mit dem umgewendeten Sack zu und hüt dich einzuschlafen. Wenn du nachts das Kind wirst ächzen hören, springst du hurtig auf und packst fest den Gegenstand an, selbst wenn es ein lebendes Geschöpf sein sollte, und lässt es um keinen Preis aus.’ Der Mann tat so und fing eine Glucke auf dem Kinde ein. Er hub an, sein Weib zu wecken, sie hin und her zu drehen, aber er konnte sie durchaus nicht erwecken, weil die Vila einen Schlaf auf sie geworfen hatte. Nun nahm er ein Zündhölzchen und wollte die Kerze anzünden, doch die Henne blies das Hölzchen aus. So ging er denn zu seinem Bruder ins Schlafkämmerchen (kiljer) hinaus, weckte ihn auf und hiess ihn ein Licht anstecken, damit sie sähen, was er für eine Henne gefangen. Da sahen sie richtig eine Henne, versengten ihr alle Federn auf dem Kopfe und schleuderten sie mit aller Wucht in den Türwinkel. Die Henne präuchte wie ein leeres Fass. Als sie merkten, sie habe genug bekommen, packten sie sie und warfen sie auf einen Steinhaufen vors Haus. In der Frühe hörten sie, Baba Marga (die alte Margarete) in der Nachbarschaft liege im Sterben, gestern sei sie noch frisch und gesund gewesen. Der Mann ging zu ihr, sah, dass ihr Kopf wie gebraten und ihr Leib zerschlagen sei, und sprach zu ihr: ‘Gelt, du wirst nimmer mein Kind aussaugen kommen!’ (jel de da ne ćeš moje dite više sisati!) Das Weib starb noch am selben Tage, das Kind des Mannes genas aber vollkommen.«


[1] Man vergleiche die endlos gelehrte Studie W. H. Roschers, Ephialtes. Eine pathologisch-mythologische Abhandlung über die Alpträume und Alpdämonen des klassischen Altertums. Leipzig 1900 und Dr. M. Höflers Studie über Krankheitdämonen, Arch. f. Religionwissenschaft, hrsg. von Th. Achelis. II. (1899). S. 86–164. Beide Abhandlungen erschliessen naturwissenschaftlich den Völkerglauben. Vrgl. mein Referat: Die Volkkunde in den Jahren 1897–1902. S. 113–115.

[2] Volkglaube und religiöser Brauch der Südslaven. Münster in Westfalen 1890.

[3] Am Urquell I. (1890). S. 103 f.

[4] In Bulgarien, wie es scheint, durchwegs. Man vergleiche den Bannspruch z. B. im Sbornik za narodni umotvorenija, nauka i knižnina VIII. (Sofia 1892) II. S. 155 f. und sonst öfters.

Menschenfleischessen.

I. In den letzten zehn Jahren sind mehrere wichtige Sonderarbeiten über den unter den Völkern der Erde vorkommenden Genuss von Menschenfleisch erschienen.[1] Jede in ihrer Art ist trefflich, und sie ergänzen einander in erwünschter Weise. Gemeinsam aber ist allen ein Mangel an Angaben bezüglich des europäischen Völkergebietes. So gelangt Europa zu einer Ausnahmestellung, die sich jedoch bei einer halbwegs emsigen Durchsicht der europäischen Folklore als scheinbar erweisen dürfte.

Das Menschenfleischessen bei den westlichen Slaven der s. g. alten Zeit wird uns gut bezeugt: Über den wendischen Gebrauch in Wagrien hat Zeiler, Epist. 529 folgende nähere Stelle: »Es ist ein ehrlicher Brauch im Wagerlande gleichwie in anderen Wendlanden gewesen, dass die Kinder ihre altbetagten Eltern, Blutfreunde und andere Verwandten, auch die so nicht mehr zum Kriege oder Arbeit dienstlich, ertöteten, darnach gekocht und gegessen.... Dieser Brauch ist lange Zeit bei etlichen Wenden geblieben, in Sonderheit im Lüneburger Lande.« — Ein weitaus älteres Zeugnis gibt Notker, Cap. 105: »Aber Weletabi, die in Germania sizzent, tie wir Wilze heizen, die ne scament sih nicht ze chedenne, daz sie iro parentes mit mêren rehte ezen sulîn, danne die wurme.«[3]