Nicht viel will besagen die Mitteilung eines bulgarischen Folkloristen: »Man erzählt, dass in alter Zeit alte und arbeitunfähige Leute abgeschlachtet wurden.«[4] Hier ist nur von einer sagenhaften, sonst nirgendwie bei den Südslaven nachweislichen Altentötung die Rede, ohne Bezug auf die Verspeisung Getöteter. Dagegen kann man ruhig behaupten, dass sowohl bei den Südslaven als bei den Neugriechen das Menschenfleischessen aus religiösen Motiven fast noch in unseren Tagen vorgekommen sein muss.

Der Kopf getöteter Feinde diente zuweilen zur Zauberverspeisung, durch die man die Erwerbung der Eigenschaften des Verstorbenen für sich und durch weitere Vererbung für seine Nachkommen erhoffte. Das häufige Vorkommen dieser Erscheinung in Nord- und Südamerika bestätigen die fleissig erbrachten Belege bei Steinmetz. Ich stimme mit ihm darin überein, dass die Zauberverspeisung ein späteres Entwicklungstadium darstellt, das eine vorangehende, allgemein übliche Anaesthesie gegen Menschenfleisch zur bestimmten Voraussetzung hat. Der Mensch auf einer Urstufe verzehrte ebenso gern die Leichen seiner Genossen, wie die seiner Feinde.

Mekić Arslanaga von Kolašin erschoss aus seiner Langflinte den montenegrischen Fähnrich Vučelić Colo, einen berühmten Kämpen aus Rovče, pa mu rusu glavu posijeka und hieb ihm ab sein dunkelharig Haupt. Vezier Mahmut liess es am Burgwall von Nikšić, das jetzt zu Montenegro gehört aufspiessen. Die Geschichte trug sich um das Jahr 1820 zu.

Pak Nikšićke bule i kadune Die Weiber und die Edelfrauen von Nikšić
dovijaju s junake ragjati, um’s Leben gern gebären möchten Helden,
ukradoše i Colevu glavu und darum stahlen sie des Colo Haupt
prvo veče z bedena od grada; herab vom Wall der Burg am ersten Abend,
5 zaludu je pred vezirom stâla, (vergeblich tat sie vor dem Vezier prangen)
skuhaše je kano i govegju, sie sotten ab sie, wie ein Rindviehhaupt,
sve se od nje juhe nasrkaše sie schlürften satt sich an mit dessen Brühe,
ne bi l Cola kojagogj začela leicht könnt’ empfahen eine einen Colo
a u turskom dinu i narodu; im Türkenglauben wohl und Türkenvolke;
10 ma im ne do koji nebom sjaje doch gäb’s nicht ihnen, der am Himmel leuchtet,
i kojino Rovčane ostale derselbe, so die übrigen Rovčanen
otle spase i u Rovca snese.[5] herausgerettet und gebracht nach Rovac.

Der Guslar gibt zutreffend den animistischen Beweggrund für den Kannibalismus hier an, doch beutet er ihn aus, um Mosliminnen verächtlich zu machen. Nun sind es aber keine Türkinnen, sondern echte Serbinnen, gleich den christlichen Montenegrinnen. Haben es die Frauen wirklich getan, fragt es sich, wie so hat der Guslar zu Rovci davon Kunde erhalten? Die Sache klärt sich einfach auf; der Guslar übertrug auf die Gegnerinnen den ihm aus seiner engeren Heimat vertrauten Kannibalismus, an dessen Wirksamkeit er bestimmt glaubt, sonst würde er nicht Gott um Erfolglosigkeit für die verhassten Mosliminnen anflehen.

Menschenfleisch, wenn es von einem Helden stammt, namentlich von dessen Kopfe, macht überaus stark und kräftig; das lehrt auch der griechische Volkglaube. In einem Klephtenliede[6] erzählt der Olymp einem anderen Berge:

Auf meinem höchsten Gipfel, da ist ein Aar gesessen,

und in den Klauen hält er fest das Haupt von einem Helden.

— O Haupt, was hast du doch getan, was hast du doch gesündigt?

— Iss, Vogel, meine Jugend auf, iss auf meine tapfere Stärke,