| Nisam kumo, života mi moga, | Ich tat’s nicht, Gödin, nein, bei meinem Leben, | |
| nijesam ti čedo promjenio; | ich habe dir das Kind nicht ausgewechselt; | |
| ako mi se tome ne vjeruješ —, | wenn du mir also auch nicht glauben willst — | |
| ja ne imam ot srca evlada | mir ist kein Spross vom Herzen mehr beschieden, | |
| 5 | već Božura u bešici sina, | als in der Wiege Božur bloss der Sohn: — |
| ja pečena izio Božura | auffressen soll ich Božur gar gebraten | |
| treći danak na vaskrsenije, | am dritten Tag des Auferstehungfestes, | |
| ako sam ti čedo promjenio! | wofern dein Kind ich ausgewechselt habe! |
II. »Ein starker Grad von Menschenfrass ist, wenn einer das Blut eines abgeschlachteten oder getöteten Menschen trinkt, ein geringerer, wenn er das Blut eines anderen, lebenden Menschen, aus was immer für Grunde geniesst, der schwächste aber, falls einer sein eigenes Blut schlürft, nachdem ihm vor fremdem eckelt, oder es ihm vom Gesetz verboten wird.«
»Für die erste Art gibt es auch bei uns Beispiele. Tötet im Masurer Bezirke ein Wegelagerer jemand, kostet er ein wenig von dessen Blute, im Glauben, es werde ihn darnach das Blut des Gemorden nicht ereilen (ne će stići krv). Die Montenegrer übten einen ähnlichen Brauch. Wenn sie beim Ansturm einem Türken oder Arnauten das Haupt absäbeln, lecken sie das Blut vom Jatagan ab, in der Meinung, das Blut werde ihnen sodann nicht in die Füsse herabsteigen (ne će krv sići u noge), d. h. sie werden die Geistesgegenwart nicht verlieren. Es graut ihnen nicht im mindesten vor moslimischem Blute; denn sie sagen, das Blut Ungetaufter sei so viel, wie das von Böcken; auch haben sie den Brauch, neben den umgekommenen Moslim, ein Stückchen Brot oder ein bischen Salz und ein Messer hinzulegen, »des Friedens wegen« (radi mira)[13]. Von diesen menschenfresserischen Gebräuchen stammen wohl in der serbischen Sprache die Ausdrücke her: krvolok, krvoločnik (Blutschlürfer), krvopija und krvopilac (Bluttrinker).«
»Im selben Masurer Bezirke ist ein hochinteressanter Brauch des Trinkens fremdes Blutes in Übung, doch möchte ich ihn nicht unmittelbar als eine Spur von Anthropophagie bezeichnen, sondern bloss als Fingerzeig, dass sie noch nicht vor dem Genuss fremden Blutes zurückscheuen, also, dass sie es eo ipso einstmal aus anderen Gründen, nicht nur der Wahlbruderschaftschliessung halber gesucht haben, wie dies der Mörderbrauch dieses Bezirkes bezeugt. Wollen sich zwei Leute in diesem Bezirke verbrüdern, lassen sie einander am Finger Blut und saugen es sich gegenseitig aus. Das tun sie, um blutverwandt zu werden (da se krvno srode), denn von der Zeit an, betrachten sie einander als leibliche Brüder.[14] Das hat auch der Surduler Lehrer, Herr Mladen Nikolić getan. So schilderte er mir die Handlung: »Ein bruderloses Frauenzimmer gab den Wunsch kund, mit mir eine Wahlverschwisterung einzugehen. Mein Vater und meine Mutter willigten darauf ein, und eines Abends bereitete sie ein Nachtmahl und jene fand sich mit einem Verwandten ein. Vor dem Mahl vollzogen wir die Zeremonie der Wahlverwandtschaftschliessung, assen darauf und ergetzten uns bis Mitternacht«. Für die dritte Art gibt es noch heutigentags im Dorfe Odžaci bei Trstenik Beispiele. Gegen Keuchhusten, den man dort Eselhusten (magareći kašalj, magaretnjak) oder Kikiriki (Kukurekavac) nennt, trinkt der Leidende sein eigenes Blut. Man schneidet ihm mit einem Rasiermesser die Hand am Finger auf, damit Blut fliesse und der Kranke leckt es auf. Das ist seine Medizin«[15].
III. Etwa 200 Werst von der Universitätstadt Kasan, d. h. nicht ganz dreissig deutsche Meilen entfernt, liegt das Dorf Stary-Multan, dessen Bewohner sich zur orthodoxen Kirche bekennen, eine Kirche und einen Priester besitzen. Im Jahre 1892 hatte dieses Dorf wie so viele andere Orte derselben Gegend eine schlimme Zeit. Die Missernte hatte eine furchtbare Hungernot geschaffen, in den Hütten der Bauern war der Typhus zu Gast, und dazu drohte noch das Schreckgespenst der Cholera. In dieser allgemeinen Not verwirrten sich die Sinne der Leute; der Gott, zu dem sie beteten, schien taub geworden gegen ihr Flehen, und es wuchs in ihnen der Zweifel empor, ob das überirdische Wesen, das sie mit ihren Priestern bekennen, auch die wahre Gottheit sei. Dunkle Vorstellungen von den alten Göttern, die in den weiten Kasanischen Steppen noch ein reelleres Leben führen, wurden wieder wach, und die orthodoxen Christen von Stary-Multan begannen den Heidengöttern Opfer zu bringen, zuerst Tieropfer. Als aber auch dies nicht half, da erhielt ein Weiser des Dorfes eine Offenbarung: der Gott verlange ein »zweibeiniges« Opfer (kurban) — ein Menschenopfer also. Dem Verlangen des Gottes musste natürlich willfahrt werden. In dem Dorfe lebte ein armer Bauer, der aus einem benachbarten Kreise stammte, im Orte also weder Freunde noch Anverwandte besass. Dieser Arme schien gewissermassen im Vorhinein bestimmt, zum Wohle des Dorfes geopfert zu werden. Der Unglückliche wurde — es geschah dies am 4. Mai 1892 — in das Gemeindehaus geschleppt, dort entkleidet, mit den Füssen an der Decke aufgehängt, und nun begannen fünfzehn Personen mit Messern auf den nackten Körper einzustechen; das den Wunden entströmende Blut wurde sorgfältig aufgefangen, gekocht und dann von den Opfernden zu Ehren des Gottes ausgetrunken. Lungen und Herz des Opfers hat man, nachdem es seinen Qualen erlegen war, ausgeschnitten und ebenfalls verzehrt; dann hackte man der Leiche den Kopf ab und warf den Rumpf auf die Strasse. An der Opferung beteiligten sich der Schulze des Dorfes, der bäuerliche Polizeidiener und der Kirchenälteste. Die Leute waren so sehr von der Rechtmässigkeit ihrer Handlung überzeugt, dass sie sich nicht im Geringsten bemühten, den Mord zu verheimlichen. Er gelangte somit bald zur Kenntnis der Behörden, und die Schuldigen kamen in das Untersuchunggefängnis. Nach dritthalb Jahren gelangte dieser Tage der Prozess endlich zum Abschluss, und die Teilnehmer am Ritualmorde wurden zu langjähriger Zwangarbeit verurteilt.
IV. Von der Opferung der eigenen Kinder, um einem Freunde das Leben wiederzugeben berichtet die mittelalterliche Sage von den treuen Freunden, dem Amicus und Amelius und das Märchen »Der treue Johannes« in der Sammlung der Brüder Grimm Nr. 6. Über andere Fassungen berichtet W. Grimm in den Anmerkungen. S. 16 ff.[16]
V. Mooneys Buch über den indianischen Geistertanz[17] ist für die Erforschung der Entwicklung und des Verlaufes geistiger Epidemien ausserordentlich wertvoll, aber bei allen Anerkennungen seiner Leistung haben wir es nicht notwendig, ihn um sein Material zu beneiden; denn, wenn wir unseren anerzogenen Rassen- und Bildungdünkel ablegen wollen und unbefangen unsere europäische Umgebung, wie Mooney die Indianer, beobachten, können wir mitten in unserem Kulturleben den indianischen gleichwertige Erscheinungen feststellen. Ein Blick auf den Chrowotismus, der jetzt mit Schrecken und Entsetzen zu verkrachen beginnt, beweist es uns. Der Chrowotismus ist ursprünglich eine politisch organisierte und zur Herrschaft gelangte Maffia, durch die nun das chrowotische Bauernvolk, wie die Rothäute durch die weissen Einwanderer, zur äussersten Verzweiflung getrieben wird. Durch die bäuerliche Bevölkerung geht ein Schrei: ‘Los vom Chrowotismus!’ Vor allem trachten sich die Arbeiter durch Vereingründungen zu helfen. Das missfiel, und man veranstaltete ein Kesseltreiben der Verdächtigen. Im August 1897 fand zu Essegg eine langwierige Gerichtverhandlung gegen eine grosse Anzahl Bauern wegen »sozialistischer Umtriebe« statt, gegen Leute, die das ominöse Wort nicht einmal verstanden. Die meisten erhielten ungeheuerliche Kerkerstrafen zuerkannt. Die einzige, nachweisbare Schuld bestand, nach der Meinung der Kenner chrowotischer Verhältnisse, darin, dass sich die Angeklagten wider den Chrowotismus aufgelehnt hatten[18]. Anfangs Septembers 1897 sammelten sich zu Agram weitere 1200 »Sozialisten« an, die unter Ausstossung des Rufes: ‘Pereat Hrvacka!’ die Strassen durchzogen, jedoch mit Waffengewalt besänftigt worden sind. Am 20. September scharten sich zu Sjeničak in Chrowotien bei 4000 Bauern zusammen, um gegen den Chrowotismus zu demonstrieren. Zur Beschwichtigung der Bauern wurden drei Beamte ausgesandt: Der Bezirkvorsteher Brozović (ich kannte ihn vom Gymnasium her) und die Adjunkten Djaković und Cvijanović. »Die Bauern fielen mit Mistgabeln über sie her und stachen sie zu Tod. Die Leichen fand man verstümmelt vor; einzelne Körperteile waren ihnen mit den Zähnen abgebissen worden.« Die mir vorliegenden Berichte sind leider nicht ausführlicher gehalten, so dass ich nicht angeben kann, was denn den Leichen abgebissen wurde. Vor allem darf man annehmen, dass sich die Mörder in ihrer viehischen Wut an dem Blute der drei Unglücklichen gütlich taten, wie dies nach dem Zeugnis von Guslarenliedern und ganz junger Ereignisse bei solchen Gelegenheiten zu geschehen pflegt. Die grässliche Leichenverstümmlung findet ihren Erklärunggrund in dem allgemeinen Volkglauben an die Zauberkraft der Körperteile von Verbrechern. Nach der, selbstverständlich vollkommen unbegründeten, Auffassung der Bauern, ist jeder Beamte ein privilegierter Verbrecher. Darum also die Begier, sich in den Besitz von Teilen durch das »Volkurteil« (narodni sud) hingerichteter »Verbrecher« zu setzen[19].