[18] Damit soll keineswegs eine Kritik an dem Urteil geübt werden, das gewiss allen gesetzlichen Formen entsprach, nur die Belastungzeugen, durchwegs die untersten Organe, die in Chrowotismus machen, um vorwärts zu kommen, verdienten eine möglichst strenge Prüfung auf ihre Glaubwürdigkeit hin. Von der Chrowotiasis ergriffene Menschen können nicht gut als Zeugen gelten. Das wissen österreichische Richter und Staatsanwälte und gehen darnach vor. Ein Beleg für viele:
»[Telegr. der »N. Fr. Pr.« Wien, Freitag 25. Juni 1897]. Triest, 24. Juni. (Die Ausschreitungen in Barcola.) Von den 23 wegen schwerer Wahlexzesse angeklagten Kroaten wurde einer freigesprochen, die übrigen zu Arreststrafen von fünfzehn bis zwei Monaten verurteilt. Der Staatsanwalt behielt sich vor, gegen eine Reihe von Zeugen wegen falscher Zeugenaussage vorzugehen. In seinem Plaidoyer betonte der Staatsanwalt, dass schon seit langem in der slavischen Landbevölkerung Hass gegen die Stadt genährt werde. Es sei ihm noch nie vorgekommen, dass eine ganze Reihe von Zeugen, Männer, Frauen und unmündige Kinder, wie Ein Mann falsche Aussagen ablege. Die Einwohner von Barcola, meint der Staatsanwalt, würden, um einen ihrer Angehörigen, welcher unter Anklage stünde, zu retten, sogar ihren Glauben verleugnen.«
Um wie viel eher täten sie es, um ihren Hass an »Feinden« zu befriedigen! Der Chrowotismus entsittlicht und verwildert das Volk, so dass es sogar dem Christentum entfremdet wird. Der Chrowotismus erscheint wie eine Kette krankhafter Wahnvorstellungen.
[19] Eine chrowotische Korrespondenz berichtet noch folgendes Detail: ‘Als Djaković auf der Strasse im Blut und Staube in den letzten Zügen lag, sprang aus dem Wirtshaus eine Bäuerin auf ihn zu und verrichtete ihre Notdurft über sein Gesicht. Er fragte sie stöhnend: ‘Was habe ich dir getan?’ und sie antwortete: ‘Na ti, pravi Hrvat!’ (Da hast du, du echter Chrowot!) Marta Lončar heisst dies Weibsen. Sie sass bald in Agram. Falls ihre Natur die vertraulichen Unterhaltungen im Kerker siegreich übertaucht, wird sie auch die Strafe von rechtswegen nach dem Urteil überdauern und eine alte Chrowotin werden. Ein Bauer wollte drei Pfund Fleisch aus dem toten Cvijanović herausschneiden, braten und aufessen. Es galt eine Wette. Alle Reisebeschreiber und Ethnographen schildern den chrowotischen Landmann für treuherzig, gutmütig und gastfreundschaftlich bis zur Verschwendung (vrgl. mein Buch: Sitte und Brauch der Südslaven, Wien 1885, Kap. XXX, S. 644–658), als unterwürfig und ergeben. Allah rachman! Welche ungeheuerliche Verbrechen hat man an dem liederfrohen Mann begangen, dass er alle Bande gesitteter Scheu zerriss und hasserfüllt und rachegierig zum Kannibalen ward! Die Bauern kamen vor das Gericht, die Maffioten, die Urheber all des Unheils, lachten sich aber ins Fäustchen. Wer riss die Bauerngehöfte an sich? Der chrowotische Bauer wandert nun gleich dem russischen Juden aus, denn für ihn gibt es in der väterererbten Heimat kaum eine Rettung mehr. Bis Ende 1907 ist statistischen Ausweisen zufolge der vierte Teil der chrowotischen Landbevölkerung ausgewandert.
Liebezauber.
In meinem Buche »Sitte und Brauch der Südslaven« widmete ich dem Liebezauber einen eigenen Abschnitt. Seitdem habe ich selber auf Reisen viel neues Material aufgebracht und noch mehr von Mitarbeitern erhalten. Stoff liegt für ein Buch vor.[1] Solche Zaubereien sind nicht allein für die Erforschung der Volkseele wichtig, es wohnt ihnen auch jener Reiz inne, den Liebe überhaupt ausstrahlt.
Nachfolgende Mitteilungen verdanke ich einer weissfarbigen Zigeunerin in Derventa. Über die serbische Sprache der s. g. weissen Zigeuner veröffentlichte ich einen kleinen Aufsatz im »Ausland« 1886. Es unterliegt für mich keinem Zweifel, dass die Sprache der dort ansässig gewordenen Zigeuner nur als eine verdorbene serbische Sprache, nicht aber als eine besondere Mundart aufzufassen sei. Für den Lautphysiologen mag es nicht ohne Wert sein, an derartigen Fällen die Einbusse zu betrachten, die das serbische Wort im Munde des die eigene (indische) Sprache vergessenden Zigeuners erfährt, für uns Volkforscher ist dies hier ohne Belang. Ich halte mich nicht für verpflichtet, die Sprachfehler der Zigeunerin, obgleich ich jene möglichst getreu aufgezeichnet, auch im Druck zu wiederholen, zumal man die gleichen Formeln von Nichtzigeunern sprachlich ganz tadellos zu hören bekommen kann. Was mir die Zigeunerin vorsagte, ist weder sprachlich noch inhaltlich ihr und ihres Volkes besonderes Eigentum. Sprachlich vermittelte sie mir schlecht, inhaltlich vorzüglich die überlieferten Zauberformeln, die sie zu ihrem Lebensunterhalte als Erwerbmittel benötigt, und darum möglichst treu in übernommener Fassung festhält. Das Weib war, als ich ihre Bekanntschaft machte, vielleicht dreissig, vielleicht fünfundfünfzig Jahre alt, herabgekommen und elend sah sie genug aus. Bekleidet war sie mit einem dunklen Kopftüchlein, einem bis zum Knie herabreichenden schmierigen Hemde und einem wollenen Fürtuch. Während sie sich von Verliebten ihre Unterweisungen bezahlen lässt, weigerte sie sich, von mir ein Geschenk für ihre Angaben anzunehmen, weil sie sich etwas zu gute tat, dass ein Herr mit ihr freundlich sprach und ihre Reden, für die sie sonst Hohn und Spott eingeheimst, gar niederschrieb. Ihre Mittel sind diese:
1. Um Gegenliebe zu erwecken: Der (oder die) Verliebte nehme zwei Stecknadeln, stelle sie in der Abenddämmerung gegen die Zimmerwand und spreche: mrak mrači, nebo zveči, zemlja ječi, streha streči. Nit mrak mrači, nit nebo zveči, nit zemlja ječi, nit streha streči već moj dragi (moja draga) za potokom kreči. On crko, on puko, dok mene ne vidio, bijelu, rumenitu, tanku i visoku. (Die Dunkelheit dunkelt, der Himmel tönt, die Erde ächzt, der Dachstuhl knarrt. Weder dunkelt die Dunkelheit, noch tönt der Himmel, noch ächzt die Erde, noch knarrt der Dachstuhl, sondern mein Liebster (-e -e) krächzt hinterm Bache. Er verrecke, er berste, sofern er mich nicht gesehen, mich weisse, rosige, schlanke und hochgebaute Maid). Hierauf stecke man die Stecknadeln nebeneinander in den Dachvorsprung (streha), wasche sich die Hände und wische sie am Ofen ab.
2. Das Mädchen rufe abends den Namen des zu bezaubernden Mannes dreimal in den Rauchfang hinauf.