3. Wirksam sei folgender Spruch, so man ihn nachts hersagt, wenn man sich zur Ruhe niederlegt: Ja legoh na devet i devet kreveta pa legoh na devet i devet jastuka, pa se pokrih sa devet i devet jorgana. Pa lego, drago, na devet i devet uši, pa lego, drago, na devet i devet mravi, pa lego, drago na devet i devet buha, pa lego, drago, na devet i devet stinica. Buhe kolju ga, meni ga gone; mravi kolju ga, meni ga gone; uši kolju ga, meni ga gone; stinice kolju ga, meni ga gone. On puko, on crko, dok meni ne došo, dok mene ne vidio tanku, visoku, bijelu i rumenitu! (Ich legte mich auf neun und neun Betten und legte mich auf neun und neun Pölster und deckte mich zu mit neun und neun Decken. Doch mein Liebster soll sich auf neun und neun Läuse legen, und soll sich mein Liebster auf neun und neun Ameisen legen, und soll sich mein Liebster auf neun und neun Flöhe legen, und soll sich mein Liebster auf neun und neun Wanzen legen! Die Flöhe beissen ihn, sie treiben ihn zu mir; die Ameisen beissen ihn, sie treiben ihn zu mir; die Läuse beissen ihn, sie treiben ihn zu mir; die Wanzen beissen ihn, sie treiben ihn zu mir. Er soll bersten, er soll verrecken, sofern er nicht zu mir kommt, sofern er mich nicht schaut, mich schlankes, hohes, weisses und rosiges Mägdelein!)
4. Man nehme die bul trava (papaver rhoeas), breche sie in der Mitte ab, bestreiche das eine Stück mit ungekochtem Honig, das andere mit nicht aufgelassener Butter, lege auf die rechte und linke Seite der Türschwelle je ein Stück hin, und sobald die betreffende geliebte Person dazwischen hindurch gegangen ist, lege man wieder beide Stücke zusammen, grabe sie unter der Dachtraufe ein und spreche dazu niti kapljica brez rupice niti drago bilo bez mene. (Sowenig als ein Regentröpflein ohne Löchlein, so wenig soll mein Liebster ohne mich denkbar sein).
5. Nimm zwei ausgereifte Sonnenblumen, eine mit weissen Samenkörnern, die als weiblich, und eine mit schwarzen Samenkörnern, die als männlich gelten, und entferne aus beiden Blumen die Körner; dann schneide den Blumenboden des weiblichen Teiles ringförmig aus und umwickle ihn mit Goldfäden, den männlichen aber schneide entsprechend flach aus. Den einen Teil bestreiche mit ungekochter Butter, den anderen mit nicht abgekochtem Honig (nevarenim medom); während dieser Verrichtung musst du fortwährend Gebete hersagen. Erblickt das Mädchen den geliebten Mann, so dass er ihr sein Gesicht zuwendet, schaue sie ihn durch den ringförmigen Ausschnitt an und spreche dazu dreimal die Beschwörung: ja tebe ne gledam ...[2] ti mene gledaš u moje srce i u srčene zile, u rumenine i bijeline. Ja sam tebi zlatna, zlatna i blagna; ti drugi ne vidiš, već ti mene gledaš, drugi nikad ne vidiš osim mene. Ti crko, ti puko, dok mene ne vidiš, tanku, visoku, glasovitu, bijelu i rumenitu! (Ich schaue dich nicht an ... du schaust mich an, schaust mir in mein Herz, in meine Herzfasern hinein, meine roten Wangen, meine weise Haut. Ich bin in deinen Augen goldig, goldig und mit Gütern gesegnet; du siehst andere nicht, sondern schaust nur mich, du siehst nie andere ausser mir. Du sollst verrecken, sollst zerplatzen, wofern du mich nicht erschaust, mich schlankes, hohes, klarstimmiges, weisses und rosiges Mädchen!) Darauf lege sie beide Stücke in ein Tüchlein und trage sie an einer Schnur am Halse; aber es nützt noch mehr, wenn sie die Sachen unter der Achselhöhle mit sich herumträgt.
6. Das Mädchen soll dem geliebten Manne von jenem Wasser geben, wovon ein aufgezäumtes Pferd getrunken hat.
7. Das Mädchen nehme schwarze Wickenkörner, die von selber aus der Blüte zu Boden gefallen (kukolj), Sonnenblumensamen und Rheinfarn (vratična trava, tanacetum crispum), vermenge sie mit Mehl, das am Mühlstein kleben geblieben, und rühre mit einer neuen, noch ungebrauchten Spindel ungekochten Honig und nicht aufgelassene Butter darunter, bis ein Teig daraus fertig wird. Aus dem Teig bilde sie einen Ring und lasse ihn an der Sonne trocknen; denn man darf ihn nicht ins Haus hineinbringen. Will sie nun jemandes Liebe erzwingen, so schaue sie ihn durch den Ring an, und sage dabei: ja tebe ne gledam, već ti mene gledaš u moje srce i srčene žile. Ti puko, ti crko, dok mene ne vidiš, dok meni ne dogješ, dok mene ne vidiš bijelu i rumenitu, tanku i visoku! (Ich schaue dich nicht an, du schaust mich an, schaust mir in mein Herz und in meine Herzfasern, sollst zerspringen, sollst verrecken, sofern du mich nicht siehst, sofern du nicht zu mir kommst, sofern du mich nicht siehst, mich weisses und rosiges, schlankes und hohes Mädchen!) Hierauf lege sie den Ring in ein Säckchen und trage es mit sich in der rechten Achselhöhle.
8. Das Mädchen nehme ein Stück Zuckers oder sonst etwas süsses in den Mund und sage dazu: ćufur ćuti, lehom leti; ni ćufur ćuti, ni lehom leti, već moj dragi za mnom leti. On puko, on crko, dok meni ne leti, dok mene ne vidi, bijelu, rumenitu, tanku, visoku! (Die Lachtaube schweigt, sie fliegt durch den Wald; weder schweigt die Lachtaube, noch fliegt sie durch den Wald, sondern mein Geliebter fliegt mir nach. Er zerplatzte, er verrecke, sofern er nicht zu mir fliegt, sofern er mich nicht sieht, mich weisses, rosiges, schlankes und hohes Mädchen!)
9. Das Mädchen schaue durch ein mit ungekochtem Honig und unaufgelassener Butter bestrichenes und mit Fäden behangenes Weberschiffchen (kolocep)[3] und sage den Spruch wie unter Nr. 7 angegeben her.
10. Das Mädchen stelle sich mit dem linken Fusse auf eine Fusstapfe oder Spur des geliebten Mannes, drehe sich auf der Ferse um und spreche dazu: ja se ne okrećem na tvojoj stopi, već okrećem tvoju pamet za svojom pameti. Ti puko, ti crko, dok mene ne vidiš! (Ich drehe mich nicht auf deiner Fusspur, sondern ich drehe deinen Sinn nach meinem Sinne zu. Du sollst zerplatzen, sollst verrecken, sofern du mich nicht siehst!) Hierauf nehme sie von der Erde, wo sie sich gedreht hat, vermenge sie mit ungekochtem Honig und unaufgelassener Butter, rühre dies mit einer neuen Spindel zu einem Teig an, mache daraus einen runden Kuchen und lasse ihn an der Sonne trocknen.
11. Will ein Mann ein Mädchen bezaubern, so fülle er einen Gewehrlauf mit Pulver an, löse den Kolben vom Gewehre los, lege den Kolben auf die eine und den Lauf auf die andere Seite und lasse das geliebte Frauenzimmer, ohne dass sie vom Zauber eine Ahnung bekommt, zwischen durchgehen. Sonach stelle er das Gewehr wieder zusammen, schiesse das Pulver ab und spreche dazu die Beschwörung: Kako god ova puška pukne, neka ona za mnom pukne! Srce joj puklo i srčene žile, dok meni nije došla! (So wie dieses Gewehr springt [laut losgeht], so soll sie nach mir springen! Ihr Herz und ihre Herzadern sollen zerspringen, sofern sie nicht zu mir kommt!)
Ein skeptischer Volkforscher könnte auf die Vermutung geraten, die von der Zigeunerin herrührenden Zaubersprüche wären ursprünglich echt zigeunerische Formeln, die nur in slavische Worte umgesetzt seien. Eine Unterstützung fände diese Annahme in der Ähnlichkeit zigeunerischer mit serbischen Zaubereien. Nun aber erstreckt sich eine solche Ähnlichkeit überhaupt auf derartiges Gut gar vieler, wo nicht der meisten Völker dieser Erde. Im übrigen erweist sich eine solche Vermutung ganz unbegründet mit Hinblick auf den Liebezauber, der unter katholischen und altgläubigen Serben in Bosnien üblich ist, deren Slaventum man füglich nach den gewöhnlichen Voraussetzungen kaum in Zweifel ziehen dürfte. Zum Vergleiche will ich einige Liebezaubereien anführen, die ich durch meinen Freund Herrn Dragičević von der altgläubigen Bäuerin Jela Ristina aus dem Dorfe Puškovac am Fusse des Majevicagebirges, eine gute Tagereise von Derventa entfernt, erlangt habe. In diesem Dörfchen wohnen nur Altgläubige. Zwei Stunden davon entfernt liegt das Dörfchen Mačkovac mit einem Kirchlein, das einem Guslarenliede meiner Sammlung zufolge im 13. Jahrhundert von einem serbischen Fürsten aus dem Hause Nemanjći gestiftet worden sein soll. So viel ist gewiss, dass man dort meilenweit im Umkreise auf keinen Katholiken stösst. Hier sind die Altgläubigen ganz unter sich. Nun die Zauberformeln: