12. Wenn ein Bursche ein Mädchen, oder ein Mädchen einen Burschen lieb gewinnt, ohne Gegenliebe zu finden, so nimmt der oder die Verliebte Haken und Öse (bei uns in Österreich sagt man »a Mandl und a Waibl«), steckt sie in den Mund zwischen die Zähne und sucht bei Gelegenheit, etwa beim Polstertanz, einer Art Pfänderspiel, den Gegenstand der Liebe zu küssen. Hierauf nimmt er Haken und Öse heraus, hakt sie ineinander ein, schlägt sie so fest zusammen, dass sie unlöslich erscheinen, und spricht den Bann: Kat se ove dve kopče rastale, onda se i nas dvoje rastalo! (Wenn sich diese zwei Hafteln voneinander trennen, dann sollen auch wir zwei uns trennen!) und wirft zuletzt die Hafteln in fliessendes Wasser.

13. Man suche (und finde) zu Pfingsten ein vierblättriges Kleeblatt (na četiri pera), flechte es in einen Kranz ein, lasse darüber den Zug der Pfingstprozession hinwegschreiten, lege den Kranz hierauf auf oder unter den Tisch, auf den der Priester das Kreuz beim Segen hinstellt, und schaue zum Schluss den Geliebten durch den Kranz an. Er muss dann zur Zauberin in Liebe entbrennen oder er wird verrückt.

14. Will ein Mädchen erfahren, wie ihr Liebster oder derjenige unter ihren Bewerbern heisst, dem sie als Gattin zufallen wird, so erhebt sie sich am Georgtage vor Sonnenaufgang vom Lager, begibt sich zu irgend einem Zaun, hängt sich mit beiden Händen an ihn an und spricht dabei: ja drmam ovim plotom, plot morem, more mojim sugjenim; neka dogje i ime mi kaže! (Ich rüttle diesen Zaun, der Zaun das Meer, das Meer meinen Liebsten; er komme herbei und sage mir seinen Namen an.) Darauf vernimmt sie wohl die Stimme eines Unsichtbaren, z. B. »Ja sam tvoj sugjeni N.« (Ich bin dein dir vom Schicksal bestimmter N.!)

15. Oder sie nimmt für einen Denar Pfefferminze, Feldahornblüten und Gaisklee (dinar para, praklječa i trave zanovjeti), bindet dies alles in ein Tüchlein ein, legt das Tüchlein vor dem Schlafengehen unters Kopfpolster, spricht dreimal: zanovjeti veti, koga ćeš mi reti? (Gaisklee, wen wirst du mir nennen?) und erträumt dadurch ihren Zukünftigen. Die Münzen im Tüchlein sind das Wahrzeichen des Kaufgeldes, und der Feldahorn das der Fahne im Hochzeitzug.

16. Will ein Bursche in sich ein Mädchen verliebt machen, so nimmt er etwas Salz und Brot, geht damit um das Mädchen herum und spricht dazu: Kako ja mogo biti bez soli i hljeba, nako i ova djevojka mogla biti bez mene! (Sowenig als ich ohne Salz und Brot, ebensowenig soll dieses Mädchen ohne mich sein können!)

17. Oder der verliebte Jüngling löst, um bei einem Mädchen Gegenliebe zu erwecken, von zwei Stangenwagen die Stangen und die Äpfel[4] los, legt die eine Stange auf die eine, die andere auf die andere Seite des Weges, wo das Mädchen vorbei muss, und spricht, sobald sie über jene Stelle hinweggeschritten: Kako ovi kantarovi bez ovi jajca mogli vagati, nako i ta djevojka mogla biti bez mene! (So wenig wie diese Wagstangen ohne diese Äpfel wägen, ebensowenig soll auch dieses Mädchen ohne mich sein können!) Die Gewichtstücke halte er stets bei sich.

18. Sehr gebräuchlich sind Liebetränklein und Liebespeisen. Es ist etwas alltägliches, dass man von verliebten Mädchen mancherlei sonst wenig einladende Sachen mit zu essen und zu trinken bekommt, z. B. Menstruationblut und dergleichen. Wer einen gesunden Magen hat, dem schaden auch spanische Fliegen und Schwaben nicht, doch hinterher, wenn man just erfährt, was man zu sich genommen, pflegen sich Gefühle einzustellen, die eben nicht von der Liebe eingegeben sind. Ein unschuldiges und ziemlich gebräuchliches Mittelchen, wenn ein Mädchen einen Jungen in Liebe entbrennen, eigentlich vor Liebe toll machen (obengjijati = Schlaftrunk eingeben) will, ist, dass sie ihm einen schwarzen Kaffee braut, durch einen Fingerring ihn in die Trinkschale eingiesst und durch den Ring etwas gepulverte Nelken und vom Herzchen eines Taubers und einer Taube dazugibt. Dadurch bezaubert sie ihn dermassen, dass er wie von Sinnen ist, wenn er ihre Gegenwart entbehren muss. Tako se vole, moj sokole, do vijeka! (So lieben sie einander, o mein Falke, bis an ihr Lebensende!) — Damit schloss die Bäuerin ihren Bericht.


Wenn alle Leute im Volke so hübsch zu erzählen verstünden, wie die vorigen Erzählerinnen, dann hätten wir Sammler ein gar leichtes Spiel und das Übersetzen wäre auch keine nennenswerte Kunst. Die wenigsten Leute im Volke können aber gut erzählen; nicht einmal ein gegliedertes, logisches Denken oder ein logisches Anordnen der Gedanken ist gewöhnlich bei dem ungebildeten Volke anzutreffen. Bei Sagen und Märchen und verwandten Überlieferungen, die man mehr oder minder genau samt der überlieferten Form festhält, geht das Aufzeichnen noch leicht an, doch soll der Bauer aus seinem eigenen Leben etwas erzählen, ja, da happert’s in der Regel, wie man in Österreich sagt. Genau genommen spricht der südslavische Bauer zwei Sprachen zugleich, eine Wort- und eine Geberdensprache, wobei nicht selten die erstere nur als Hilfmittel der letzteren erscheint. Wir Schriftsteller als Volktumerforscher müssen aber beide Sprachen genau auffassen und sie durch die eine Schrift wiedergeben. Unsere Kunst besteht in diesem Falle darin, nicht mehr und nicht weniger zu sagen, als man uns mitteilt.

Ich will hier noch einmal eine Bäuerin zu Wort kommen lassen. Die Aufzeichnung ist so genau, dass sie gar nicht mehr übertroffen werden kann. Das Weib hat nämlich selber die Niederschrift besorgt und meiner verewigten Mutter für mich übergeben. Die Geschichte ist einfach und herzergreifend. Keine Idylle, wie sie unsere stubenluftschluckenden Dorfgeschichtenverfertiger als Lesefutter für Salondämchen erzeugen, sondern die wahre Geschichte eines verpfuschten Lebens, ein dankbarer Stoff für Meistererzähler von der Art weiland Auerbachs, oder eines Eduard Kulke.