D. a. Moor. So sah er, als er in's sechszehente Jahr gieng. Itzt ist er anders — Oh es wüthet in meinem Innern — diese Milde ist Unwillen, dieses Lächeln Verzweiflung — Nicht wahr, Amalia? Es war an seinem Geburtstage in der Jasminlaube, als du ihn maltest? — Oh meine Tochter! Eure Liebe machte mich so glücklich.
Amalia (immer das Aug auf das Bild geheftet.) Nein, nein! er ist's nicht. Bey Gott! das ist Karl nicht — Hier, hier (auf Herz und Stirne zeigend.) So ganz, so anders. Die träge Farbe reicht nicht, den himmlischen Geist nachzuspiegeln, der in seinem feurigen Auge herrschte. Weg damit! dis ist so menschlich! Ich war eine Stümperinn.
D. a. Moor. Dieser huldreiche, erwärmende Blick — wär' er vor meinem Bette gestanden, hätte gelebt mitten im Tode! Nie, nie wär' ich gestorben!
Amalia. Nie, nie wär't ihr gestorben? Es wär' ein Sprung gewesen, wie man von einem Gedanken auf einen andern und schönern hüpft — dieser Blick hätt' euch über's Grab hinübergeleuchtet. Dieser Blick hätt' euch über die Sterne getragen!
D. a. Moor. Es ist schwer, es ist traurig! Ich sterbe, und mein Sohn Karl ist nicht hier — ich werde zu Grabe getragen, und er weint nicht an meinem Grabe — wie süß ist's, eingewiegt zu werden in den Schlaf des Todes von dem Gebet eines Sohns — das ist Wiegengesang.
Amalia (schwärmend.) Ja süß, himmlisch süß ist's, eingewiegt zu werden in den Schlaf des Todes von dem Gesang des Geliebten — vielleicht träumt man auch im Grabe noch fort — ein langer, ewiger, unendlicher Traum, von Karln, bis man die Glocke der Auferstehung läutet — (aufspringend, entzückt.) und von itzt an in seinen Armen auf ewig, (Pause. Sie geht an's Klavier, und spielt.)
Willst dich, Hektor, ewig mir entreissen,
Wo des Anaciden mordend Eisen
Dem Patroklus schröcklich Opfer bringt?
Wer wird künftig deinen Kleinen lehren,
Speere werfen und die Götter ehren,
Wenn hinunter dich der Xanthus schlingt?
D. a. Moor. Ein schönes Lied, meine Tochter. Das must du mir vorspielen, eh ich sterbe.
Amalia. Es ist der Abschied Andromachas und Hektors — Karl und ich haben's oft zusammen zu der Laute gesungen. (Spielt fort.)
Theures Weib, geh, hol die Todeslanze,
Laß mich fort zum wilden Kriegestanze,
Meine Schultern tragen Ilium;
Ueber Astyanax uns're Götter!
Hektor fällt, ein Vaterlands Erretter,
Und wir seh'n uns wieder im Elysium.