Kalaf. So bin ich mitten unter den Soldaten,
Die man zum Schutz mir an die Seite gab,
Verrathen! Ach, wohl sagte mir's vorhin
Der feilen Sklaven einer, daß Bestechung
Und Furcht des Mächtigen das schwache Band
Der Treue lösen—Leben, fahre hin!
Vergeblich ist's, dem grausamen Gestirn,
Das uns verfolgt, zu widerstehn—Du sollst
Den Willen haben, Grausame—dein Aug
An meinem Blute weiden! Süßes Leben,
Fahr hin! Nicht zu entfliehen ist dem Schicksal.
Adelma (mit Feuer). Prinz, zum Entfliehen zeig' ich Euch die Wege,
Nicht müß'ge Thränen bloß hab' ich für Euch.
Gewacht hab' ich indeß, gesorgt, gehandelt,
Kein Gold gespart, die Hüter zu bestechen.
Der Weg ist offen. Folgt mir! Euch vom Tode,
Mich aus den Banden zu befreien, komm' ich.
Die Pferde warten, die Gefährten sind
Bereit. Laßt uns aus diesen Mauern fliehen,
Worauf der Fluch der Götter liegt. Der Khan
Von Berlas ist mein Freund, ist mir durch Bande
Des Bluts verknüpft und heilige Verträge.
Er wird uns schützen, seine Staaten öffnen,
Uns Waffen leihen, meiner Väter Reich
Zurück zu nehmen, daß ich mit Euch theile,
Wenn Ihr der Liebe Opfer nicht verschmäht.
Verschmäht Ihr's aber und verachtet mich,
So ist die Tartarei noch reich genug
An Fürstentöchtern, dieser Turandot
An Schönheit gleich und zärtlicher als sie.
Aus ihnen wählt Euch eine würdige
Gemahlin aus! Ich—will mein Herz besiegen,
Nur rettet, rettet dieses theure Leben!
(Sie spricht das Folgende mit immer steigender Lebhaftigkeit, indem sie ihn bei der Hand ergreift und mit sich fortzureißen sucht.)
O, kommt! Die Zeit entflieht, indem wir sprechen.
Die Hähne krähn, schon regt sich's im Palast,
Todbringend steigt der Morgen schon herauf.
Fort, eh der Rettung Pforten sich verschließen!
Kalaf. Großmüthige Adelma! Einz'ge Freundin!
Wie schmerzt es mich, daß ich nach Berlas Euch
Nicht folgen, nicht der Freiheit süß Geschenk,
Nicht Euer väterliches Reich zurück
Euch geben kann—Was würde Altoum
Zu dieser heimlichen Entweichung sagen?
Macht' ich nicht schändlichen Verraths mich schuldig,
Wenn ich, des Gastrechts heilige Gebräuche
Verletzend, aus dem innersten Serail
Die werthgehaltne Sklavin ihm entführte?
—Mein Herz ist nicht mehr mein, Adelma. Selbst
Der Tod, den jene Stolze mir bereitet,
Wird mir willkommen sein von ihrer Hand.
—Flieht ohne mich, flieht, und geleiten Euch
Die Götter! Ich erwarte hier mein Schicksal.
Noch tröstlich ist's, für Turandot zu sterben,
Wenn ich nicht leben kann für sie—Lebt wohl!
Adelma. Sinnloser! Ihr beharrt? Ihr seid entschlossen?
Kalaf. Zu bleiben und den Mordstreich zu erwarten.
Adelma. Ha, Undankbarer! Nicht die Liebe ist's,
Die Euch zurückhält—Ihr verachtet mich!
Ihr wählt den Tod, um nur nicht mir zu folgen!
Verschmähet meine Hand, verachtet mich;
Nur flieht, nur rettet, rettet Euer Leben!
Kalaf. Verschwendet Eure Worte nicht vergebens;
Ich bleibe und erwarte mein Geschick.
Adelma. So bleibet denn! Auch ich will Sklavin bleiben,
Ohn' Euch verschmäh' ich auch der Freiheit Glück.
Laß sehn, wer von uns beiden, wenn es gilt,
Dem Tode kühner trotzt! (Von ihm wegtretend.)
Wär' ich die Erste,
Die durch Beständigkeit ans Ziel gelangte? (Für sich. Mit Accent.)
Kalaf! Sohn Timurs! (Verneigt sich spottend.)
Unbekannter Prinz!
Lebt wohl! (Geht ab.)