Auf ihren Wangen brannte Bestürzung und holde Schaam. Sie riß sich mit Mühe von mir los, und verschwand in eine Seitenallee. Ich sah ihr mit starren Blicken nach, und als ich sie aus den Augen verloren hatte, sagte ich zu meinem Begleiter, der mich seinerseits auch starr ansah: mir ist nicht wohl! – Das glaub' ich gern! erwiederte er, und führte mich aus dem Garten.
Viertes Kapitel.
Mißverständnisse.
Die Gräfin ließ sich fast stündlich nach meinem Befinden erkundigen, und das Kammermädchen versicherte mir, daß sie trostlos sey, wenn sie an die Schmerzen dächte, die ich ihrentwegen erdulden müßte; daß sie ihren ganzen Verstand beschäftigte, um eine Belohnung zu ersinnen, die dem Dienst entspräche, den ich ihr geleistet; daß ich selbst verlangen möchte, was ich nur wollte, so sollt' ich es haben, und wär' es ihr auch das liebste und theuerste auf der Welt: dieses ließ sie mir durch ihre Vertraute versichern, und wenn ich sie denn selbst sah, und eben dies von ihr selbst wiederholt zu hören vermuthete: so war eine kalte Frage nach meinem Befinden, die sie noch dazu nur immer mit weggewandtem Gesichte an mich that, das einzige, was sie meinem dürstenden Herzen darzubieten pflegte.
»Ich wüßte wohl, was ich mir von ihr zur Belohnung ausbitten wollte,« sagte das Kammermädchen bey einer Gelegenheit zu mir –
Ich verlange nichts! sagte ich.
»Einen Kuß, mein lieber Wilhelm, wenn ich an Ihrer Stelle wäre!« – Sie sah mich dabey mit einem bedeutenden Lächeln an, welches mir mein ganzes Blut ins Gesicht trieb. – »Errathen?« fuhr sie fort, indem sie zur Thür hinaus ging: »Sie bekommen ihn gewiß, wenn Sie ihn verlangen!«
Ich muß ein höchst albernes Gesicht gemacht haben, denn es kam in diesen Augenblicken auf nichts Geringeres an, als die höchste Verlegenheit, die höchste Freude und die süßeste Hoffnung unter einer gleichgültigen Miene zu verbergen.
Was soll ich es läugnen! Meine Eigenliebe wollte, trotz dem kalten Betragen der Gräfin, irgend etwas in ihren Blicken gelesen haben, das nichts weniger als Kaltsinn wäre. Alle die kleinen Züge, Winke und Bewegungen; das ganze Spiel ihrer Augen, ihrer Lippen und selbst ihrer Finger; den Ton ihrer Stimme, bis auf den unmerklichsten Accent, den sie auf das kleinste ihrer Worte legte – musterte und erklärte mir diese Zauberin, die das ganze menschliche Geschlecht mit sichtbaren oder unsichtbaren Fäden umspinnt, und es tanzen läßt, wie der Puppenspieler seine Puppen.
Ich glaubte also im Grunde meines Herzens, daß mir die Gräfin durch jene Aeußerung ihrer Vertrauten einen Wink hätte geben wollen, in Zukunft nicht mehr so übertrieben scheu und furchtsam zu seyn; aber ich hatte doch nicht Muth genug, diese Ueberzeugung durch mein Betragen kundbar werden zu lassen. Indessen war ich fest entschlossen, bey der ersten Gelegenheit, wo die Gräfin von Belohnung sprechen würde, Herz zu fassen, und statt alles übrigen, einen Kuß von ihr zu verlangen. Wie selig mich dieser Vorsatz machte, den ich im Geiste schon ausgeführt sah, kann man sich ohne Mühe denken.
Gegen Abend bat mich die Kammerjungfer, ein wenig mit ihr auf ihr Zimmer zu kommen. Ich that es gern und willig, ob ich gleich sonst alle Einladungen dieser Art mit Hartnäckigkeit von mir gewiesen hatte. Aber was für eine Aussicht öffnete sich mir, wenn ich es diesmal ihr nicht abschlug! Das Zimmer der Gräfin stieß an das ihrige – wie leicht konnte sie ihr nicht irgend einen Auftrag zu machen haben – sie mußte mich sehen, und gewiß mit mir sprechen – ich hätte dann Gelegenheit, das von ihr zu fodern, was sie mir durch ihre Vertraute hatte – anbieten lassen – und vielleicht geschah diese Einladung wiederum auf ihr ausdrückliches Verlangen.