Ich durfte nicht laut vor seiner Kammer seyn, um das übrige Gesinde nicht herbey zu ziehen. Mit stillem verhaltnen Schmerz lief ich in den Garten zurück. Ich traf die Gräfin und Lisetten noch in der Laube. Lisette lag vor der Gräfin auf den Knieen, als ich hineintrat, und ich hörte nur noch die Worte: »O Gott, warum mußte ich den alten Spürhund fehlgehen! Er geht oben herein, während ich unten Wache halte!« Sie sprang auf, als sie mich sah, und die Gräfin erröthete mitten unter der Angst.
»Er wird uns verrathen!« rief ich: »Es ist keine Rettung!«
Die Gräfin ward von neuem ohnmächtig. Ich ging mit großen Schritten in der Laube auf und ab. Schrecken, Angst und Verzweiflung uns rettungslos zu sehen, raubten mir Bewußtseyn und Verstand.
Mitten unter dieser Verwirrung, trat ein Wachtelhund, des Grafen Liebling, in den Eingang der Laube, witterte und rannte davon. Beweis genug, daß der Graf in der Nähe sey. Die Gräfin sprang auf und wußte nichts von Ohnmacht, Lisettens Thränenquell versiegte, und ich – fühlte mich ganz leicht. Hier ward Schrecken von Schrecken übermeistert, und die Betäubung, die nun folgte, dauerte lange genug, um uns dem Grafen entkommen zu lassen, ohne daß wir ihm aufgefallen wären. Er sprach zwey Worte mit der Gräfin, und ließ sie gehen, und als er mich um meine Verrichtung in der Laube befragte, sagte ich frisch und rund: Tobias hätte eine Amsel fliegen lassen, die hätte ich wiederfangen wollen, aber sie wäre fort.
Er ging, und ließ mich stehen. Sogleich eilte ich zur Kammer des alten Tobias zurück. Weil niemand in der Nähe war, so sah ich durch das Schlüsselloch. Er ging, beyde Hände fest in einander geschlungen, jammernd auf und ab, und fuhr sich zuweilen mit der verwandten Hand über die Augen. Ich pochte leise an die Thür.
»Wer ist da?« rief er mit schwacher Stimme.
»Ich bins, lieber Tobias!« rief ich kläglich.
Er antwortete nicht, machte aber auch nicht auf. Ich pochte noch einmal und stärker, aber kein Gehör; ich nahm die Faust, die Thür blieb zu – Und nun geh' es drunter und drüber! rief ich in rasender Wuth, und fing an, die Thür mit den Fäusten, mit den Knieen, mit den Schultern, und endlich gar mit dem Kopfe zu bearbeiten, daß sie donnerte und krachte.
In wenig Augenblicken stand das ganze Hausgesinde in einem halben Zirkel um mich herum, und Knecht und Magd, und Jungfer und Diener bezeigten mir ihr Staunen, und ihre Neugier, jedes nach seiner Art. – Ich glaubte der Himmel fiele über mich zusammen.
Ich durchbrach das Getümmel, und suchte das Freye, aber der Haufen zog hinter mir her. Ich bat die Verständigsten darunter, kein Aufsehen zu machen, sie sollten alles erfahren: der Haufen folgte. Ich drohete, den ersten, der mir zu nahe käme, mit Gewalt zurückzuführen: der Zug blieb mir auf den Fersen. Ich stieß einige ziemlich unsanft zurück: diese blieben hinten, die hintersten drangen vor, und die Gesellschaft folgte mir in schönster Ordnung auf dem Fuße. Als ich mich so von allen Seiten umzingelt und umlagert sah, blieb mir nichts übrig, als mich durchzuschlagen, und dies gelang mir so gut, daß ich meine Kammer erreichte, und Zeit genug behielt, sie hinter mir abzuschließen. In eben dem Augenblick riefen ein paar Stimmen: der Herr kömmt! Ich warf mich ohne Athem und aller Sinne beraubt auf mein Bette, drückte die Augen fest zu, und bestrebte mich, auch das letzte Fünkchen von Bewußtseyn, das noch in meinem Kopfe glimmte, in bitterer Verzweiflung zu ersticken.