Ich weiß nicht, wie lange ich in diesem Zustande blieb. Die Stimme des alten Tobias erweckte mich endlich. Ich öfnete ihm meine Kammer. Er nahm mich stillschweigend und mit abgewandtem Gesichte bey der Hand, führte mich über den Schloßhof, durch ein altes verfallenes Nebengebäude, schloß eine eiserne Thür auf, schob mich hinein und legte das Schloß wieder davor.
Neuntes Kapitel.
Moriz schüttelt den alten Tobias.
Nun hatte ich Zeit und Gelegenheit genug, über das, was geschehen war und geschehen würde, reiflich nachzudenken. Es war gewiß, daß Tobias dem Herrn die ganze Begebenheit entdeckt hatte. Aber mein Schicksal lag mir nicht so schwer auf dem Herzen, als das Schicksal der Gräfin. Ich zitterte für sie, wenn ich an die hitzige Gemüthsart des Grafen dachte; doch ward ich wieder durch den Umstand getröstet, daß er sich gegen mich nichts weniger als jachzornig benommen hatte. Jeder andre wäre thätlich mit mir verfahren, aber er, läßt mich blos einsperren, und noch dazu durch einen Andern. Was auf diesen Verhaft folgen würde, wußte ich freylich noch nicht.
Ich befand mich in einem runden Thurme, der vor Alters eine Warte gewesen zu seyn schien, jetzt aber als ein Gefängniß für ungehorsame Bauern gebraucht wurde. Eine schmale Wendeltreppe führte hinab in ein finsteres Gewölbe, und eine andre hinauf in eine Art von Stube, die durch drey oder vier stark vergitterte Löcher ihr Licht erhielt. Ich saß eine Zeit lang auf der untersten Stuffe der Treppe, die hinan führte, und war in tiefen und traurigen Betrachtungen versunken. Die Finsterniß, die rund um mich herrschte, machte die Bilder, die meine Phantasie sich schuf, um so heller und heller; auch wurden sie um so mannichfaltiger und zahlreicher, je verwickelter und verwirrter mein Schicksal mich dünkte, und je weiter sich die Hoffnung eines guten Ausgangs von meinem Herzen entfernte. Man kann leicht denken, daß auch Malchen in diesen Augenblicken mir erschienen seyn müsse: mein Bestreben, dies Bild, das mir doppelt peinlich war, vor meinen Augen zu entfernen, ging jedesmal in eine förmliche Herzensangst über.
Endlich stieg ich die Treppe hinan. Ich fand in dem obern Behältnisse nichts, als eine steinerne Bank und einen steinernen Tisch. Dieser handfeste Hausrath erweckte in mir eine Besorgniß, die mich mit jeder Minute heftiger peinigte. – »Wer wehrt es dem Grafen, rief ich trostlos aus, mich Zeitlebens in diesem undurchbrechlichen Kerker eingesperrt zu halten? Er ist Herr über sein Gesinde, und kann den Verbrecher nach Willkür strafen! – Wenn ich auch rufe, wer hört mich? Wer es hört, kann mich nicht retten! Die großen Schlösser an der eisernen Thür widerstehen der Axt, und die dicken Quadern und starken Gitter dem Brecheisen!«
Während ich so sprach und dachte, hatte ich doch die Stärke meines Armes an den Gittern versucht.
Es war schon finster in meinem Kerker, als ich ein Gerassel an der eisernen Thür und die Stimme des alten Tobias hörte. Ich stieg hinab, und er reichte mir durch die Klappe, die in der Thür angebracht war, Brot und Wasser herein. Ich darf dir nichts besseres geben, sagte er gerührt, er hat es so befohlen!
»Aber was soll aus mir werden, Tobias?« rief ich, als ich meine karge Aetzung neben mir nieder gesetzt hatte.
Gott weiß es! sagte er, indem er den Kopf auf die Seite drehte.
»Und die Gräfin? Ich bitte dich – was ist ihr geschehen?«