Jesus, ich sterbe! ließ sich in eben dem Augenblick eine Stimme hören – Ach, ach, ach!
Ich sah hinaus, und erblickte eine weibliche Gestalt, die vor Schrecken zu Boden gesunken zu seyn schien. Mit der linken Hand hielt sie sich die Brust, wie wenn man ausser Athem ist, und mit der rechten bedeckte sie beyde Augen.
Wer ist da? rief ich. Ein paar Dutzend O und Ach waren die Antwort.
Ums Himmels willen, wer ist denn da? rief ich von neuem. Aber die O und Ach nahmen kein Ende. Endlich hörte ich, nach einem dritten Zuruf, ein klägliches: Ach lieber Wilhelm! und nun erkannte ich – Lisetten.
»Was bringt Sie mir?« sagte ich wildes Herzens: »Kommt Sie auch, um zu lachen, wie Ihre Frau?«
Nur stille, erwiederte sie, daß uns niemand hört! Ich habe mich unvermerkt hinter dem alten Tobias hergeschlichen und so lange versteckt gehalten bis er weg war. Als Sie so abscheulich schrien, bin ich –
»Ich bitte Sie um alles in der Welt mach' Sie's kurz! – Ists wahr, daß die Gräfin gelacht hat?« –
Freylich hat sie das, und warum sollte sie nicht? Sie hat für den Grafen einen so herrlichen Roman ersonnen, und er hat ihn so treuherzig für wahr gehalten, daß wohl der Ernsthafteste hätte lachen müssen. Sie sind zu einem blöden Schäfer gemacht worden, der schon beym Gedanken an seine Geliebte auf die Kniee fällt. Sie hätten sich in die Gräfin verliebt (so erzählte sie die Geschichte) ohne daß sie etwas dafür gekonnt, und gerade damals, als Tobias in der Laube dazu gekommen sey, hätten Sie ihr knieend einen Blumenstrauß überreicht, und das Uebermaaß Ihrer Liebe hätte Ihnen das Herz abstoßen wollen. Sie würde die ganze Geschichte dem Grafen selbst erzählt haben (setzte sie hinzu) wenn sie nicht auf eine Gelegenheit gewartet hätte, wo er sich mit eignen Augen von Ihrer demuthsvollen Liebe hätte überzeugen können. Ich that, während der ganzen Erzählung, als ob ich vor Lachen außer mir sey, und flochte gelegentlich noch eine Menge närrischer Anmerkungen ein, die ich über Ihre verliebte Raserey gemacht haben wollte, da Sie mich zur Vertrauten Ihrer Qualen gebraucht hätten. Genug, wir brachten den Grafen so weit, daß er lachte, und damit hatten wir gewonnen. Am Ende machte er aber doch die Anmerkung, es schicke sich, so lächerlich auch die Geschichte sey, dennoch für eine Gräfin sehr schlecht, einen armen Pinsel zum Narren zu machen; und wenn sie ihm eher einen Wink davon gegeben hätte, so würde er's ihr untersagt haben. Sie wären ein ehrlicher Kerl, der ihr noch dazu das Leben gerettet hätte, und hätten es nicht verdient, daß man sich lustig über Sie machte.
»Bey Gott!« rief ich auf einmal, aus der Tiefe meines Herzens: »das hab' ich auch nicht verdient!«
Seltsamer Mensch, sagte Lisette, haben Sie denn vergessen, daß das alles nur im Spaße gesagt war? Im Herzen dachte die Gräfin ganz anders.