Ich hörte ihre Reden wie im Traum an; denn ich hatte während derselben schon einen Plan ersonnen, wie ich den Schimpf nach den Gesetzen der Ehre abwaschen wollte, wenn er mich prügelte, oder prügeln ließe. Ich wollte hingehen, die Fuchshöhle aufsuchen, worein ich Uniform und Degen vergraben hatte, und mich ihm als Soldat und Kavalier, den bloßen Degen in der Hand, vor die Augen pflanzen! Da sollte er erstaunen, da sollte er sich wundern, was aus seinem Jäger geworden wäre! Dieser Gedanke gefiel mir so, daß ich heimlich und ohne es selbst zu billigen, endlich sogar wünschte, es möchte dem Grafen gefallen, mich mit einem thätlichen Denkzettel fortzuschicken.

»Aber wenn ich nun fort muß?« sagte ich kläglich.

Diese Worte waren die Quelle zu einem Thränenstrom von Seiten Lisettens. Jedes Wort, das sie sagte, flog mir mit einem Schluchzer entgegen, und da sie am Ende keinen artikulirten Laut mehr hervor bringen konnte, so floß ihre ganze Tonleiter in eine seltsame Geheulsprache zusammen, die eben so schwer zu beschreiben als unangenehm anzuhören ist.

Mir war es sehr leid, daß ich zu dieser sonderbaren aber gut gemeynten Musik den Ton angegeben hatte. Um sie zu beruhigen, stellte ich mich auch beruhigt, und ich tröstete sie, da ich von ihr, nach jener traurigen Aeußerung, Trost erwartet hatte. Die Gräfin lag mir tiefer im Herzen, als ich es mir je gestanden hatte, doch bey weitem nicht mehr so tief, als drey Stunden vorher, wo ich noch nicht wußte, daß sie, während ich in einem finstern Kerker, von aller Welt verlassen jammerte, so herzlich hätte lachen können. Man wird über mich lachen nach diesem Geständniß, ich weiß es wohl, aber ich weiß auch, daß man in diesem Falle nicht mich, sondern die Natur ausspottet.

Auch auf Lisetten fiel ein Theil meines Unmuths, weil ich mich, sobald ich mich ihrer gewöhnlichen guten Laune und Verschmitztheit erinnerte, des Gedankens nicht erwehren konnte, daß sie und ihre Frau mich wirklich zum Besten gehabt hätten. Ich wurde jeden Augenblick stiller und zurückhaltender, und als mich Lisette um die Ursache davon fragte, antwortete ich: mich plagten Hunger und Durst zugleich, weil ich meine Gefangenkost die finstere Treppe hinab gestoßen hätte.

Sie flog davon, kam aber eben so hurtig zurück, und trippelte unentschlossen und ohne die Ursach ihrer plötzlichen Zurückkunft angeben zu können, vor meinen Augen herum. Endlich kam es heraus, daß sie sich fürchte, den dunklen Gang durchs alte Schloß zurückzugehen. Ich wußte nicht, ob ich lachen, oder mich erzürnen sollte. Es hatte allen Anschein, daß ich diese Nacht hungrig und durstig würde zubringen müssen. Auch sie hätte am Fuße meines Thurms, von der frischen Nachtluft durchdrungen, ein trauriges Lager gehabt. Ich stellte ihr dies vor, und vermochte sie, ein paarmal von neuem anzusetzen, aber sie kam jedesmal ausser Athem zurück. Sie weinte endlich über ihre Furchtsamkeit, ward aber um nichts beherzter dadurch. Je weniger ich Hoffnung behielt, meine Eßlust zu befriedigen, desto stärker ward diese; je öfter Lisette versuchte ihre Furcht zu überwinden, desto furchtsamer ward sie. Wir waren beyde in der allerbedaurenswürdigsten Lage!

Da es aber keine Verlegenheit giebt, aus welcher sich nicht ein Weiberkopf gut – oder schlecht zu ziehen wüßte, so blieb auch Lisette in der gegenwärtigen nicht stecken. Sie bannte den Geist der Furchtsamkeit mit einem – o Wunder! – mit einem Zwirnfaden.

Ich mußte meine Hand zur Klappe herausstecken. Nachdem sie mir solche herzlich gedrückt hatte, band sie mir einen Faden an den Daum, behielt den Knäuel in der Hand, und so unternahm sie das große Wagstück, durch den finstern Gang des alten Schlosses zurückzugehen. – »Ich sollte nicht vergessen zuweilen zu zupfen,« sagte sie, als sie ihre Reise antrat: »damit sie sicher wäre, daß der Faden nicht zerrissen sey!« – Wahrhaftig, diese Anstalten mußten ihren Muth anfrischen! Mit einem bekannten herzhaften Menschen, der in einem Thurm zwischen drey Ellen dicken Quadern eingesperrt ist, durch einen Zwirnfaden auf zwey bis dreyhundert Schritte zusammenzuhangen, und durch sein Zupfen jede Minute erfahren zu können, daß – der Faden noch an seinem Daum befestigt ist: dies war ein Umstand, der alle Furcht vor Gespenstern und Kobolden, eben so gewiß von ihr entfernt halten mußte, als es ausser allem Streit ist, daß Amulette und Lukaszettel (die seit einiger Zeit unverdienter Weise einen übeln Geruch angezogen haben) mehr als Einen gefährlich Kranken vom Tode errettet haben.

Sie kam in kurzer Zeit, mit einer zweyten Aegide in Gestalt einer Blendlaterne gegen die Furcht bewaffnet zurück, und brachte mir allerley Gebacknes, das ihr die Gräfin selbst für mich gegeben hatte. Die Gräfin ließ mir sagen, ich sollte mich nur bis morgen ruhig verhalten, und meiner Loslassung wegen ausser Sorgen seyn. Wirklich bemengte ich mich jetzt nicht mehr so sehr mit bangen Erwartungen über den Ausgang meines Verhafts. Der Graf sah den Vorfall in der Laube von einer lächerlichen Seite an, und schickte er mich mit einem Denkzettel fort, so wußte ich, daß nicht weit von hier in einer Fuchshöhle die Werkzeuge meiner Rache zu finden waren.

Aber die Beruhigung, die mir dieser Gedanke verschaffte, war von kurzer Dauer. Lisette, die es sich, während ich aß, sehr angelegen seyn ließ, mich zu unterhalten, erzählte mir, als eine seltsame Mordgeschichte, daß der Graf diesen Nachmittag in einer – Fuchshöhle, auf die ihn seine Diane aufmerksam gemacht, eine vollständige S** Offiziers-Uniform mit Degen und Kordons gefunden habe, die noch ganz neu wäre und vor kurzem erst dort vergraben seyn müßte. Ihr Besitzer wäre vermuthlich im Walde angefallen und erschlagen worden. Um durch den Verkauf seiner Uniform nicht verrathen zu werden, hätten die Räuber sie wohl in jene Höhle vergraben.