Mir verging Hören und Sehen bey dieser Geschichte. Die gefundne Uniform war die meinige, was noch dadurch ausser allem Streit gesetzt ward, daß Lisette, die sie selbst gesehen haben wollte, mir versicherte, sie habe einen rothen Kragen und rothe Aufschläge gehabt. – »Weil sie den Erdgeruch angezogen hätte,« setzte sie hinzu, »so habe sie der alte Tobias unter der Linde aufgehangen, damit sie austrocknen sollte. Unter dem Stichblatte des Degens hätten Buchstaben gestanden, die vermuthlich den Namen des Erschlagenen andeuteten. Der alte Tobias habe sie aufmerksam betrachtet, und zum Herrn gesagt: er habe diese Buchstaben schon sonst irgendwo gesehen, wo sie ihm aufgefallen wären, aber da sein alter Kopf schwach sey, so erinnere er sich nicht mehr, wo?«
Dieser letzte Umstand brachte mich vollends aus aller Fassung. Unter dem Stichblatte meines Degens waren die Anfangsbuchstaben meines Namens eingegraben; auf dem Knopfe meines Rohrs, das ich nicht mit verscharrt hatte, standen sie auch; dies hatte der alte Tobias gesehen, und daher war ihm der Namenzug bekannt. Ich war so gut, als verrathen, wenn ihm mein Rohr unter die Augen kam, oder wenn er sich auch nur daran erinnerte.
Um Lisetten meine Bestürzung nicht zu verrathen, gab ich Müdigkeit vor, und bat sie, mich zu verlassen. Sie wünschte mir unter Seufzern und Thränen, die um so häufiger wurden, da sie sich an mein hartes Lager erinnerte, eine herzliche gute Nacht, und entfernte sich.
Eilftes Kapitel.
Moriz ein Mörder.
Aber, ich würde keine gute Nacht gehabt haben, und wenn ein Lager von Flaum und Ederdunen auf mich gewartet hätte. Tausend ängstliche Gedanken fuhren mir durch den Kopf, und hielten den Schlaf weit von mir entfernt. Was sollte aus mir werden, wenn man mich als den Besitzer der gefundenen Uniform, und zugleich als S** Offizier, der Ausreisser war, entdeckte, fest hielt, und an mein Regiment zurücklieferte, oder mir wohl gar als einem Spion, der die nahgelegene neue Festung hätte aufnehmen und verrathen wollen, den schimpflichsten Proceß machte? Daß auch der Graf nach dieser Entdeckung das Knieen vor seiner Gemahlin ernsthafter, als vorher, da er mich für einen gewöhnlichen Jäger hielt, aufnehmen müßte, und daß die Folgen davon für mich und seine Gemahlin um so schrecklicher seyn würden, da er wohl wissen konnte, daß mein Regiment in L**, also an eben dem Orte stand, wo sie in Pension gewesen war, und er mithin leicht glauben dürfte, meine Verkleidung als Jäger sey ausdrücklich unter uns abgekartet gewesen, um ihn zu entehren: daß alle diese Umstände, so bald jene Entdeckung ins Klare gesetzt war, wie Blitz und Schlag über mich hereinbrechen müßten, fand ich so natürlich, so unumgänglich gewiß, daß ich in eine Raserey darüber verfiel, die durch das Bewußtseyn meiner undurchbrechlichen Verwahrung, bis zum höchsten Grade wilder Verzweiflung getrieben wurde. Diese Nacht werde ich nie vergessen. Aber auf sie folgten noch zwey schrecklichere Morgenstunden.
Ich hatte, als es lichte ward, ganz unwillkürlich eines der Papiere in die Hand genommen, worein das Kuchenwerk, das mir Lisette gebracht, gewickelt gewesen war. Lange hatte ich es in den Händen zerdrückt und wieder entfaltet, je nachdem mich der Schauer der Verzweiflung zusammenschüttelte, oder mich auf eine Zeitlang wieder verließ. Auf einmal fiel mir der Name Amalia von Lehmniz in die Augen. Ein gewaltsamer Schlag fuhr mir durch alle Glieder. Ich hatte nicht erst Muth genug zu lesen, was in diesem Briefe stand, so wenig es auch war. Nur diese fünf Zeilen waren es:
»Morgen in der Frühe, meine Liebe, drücke ich Dich an mein Herz. Nicht eher werde ich Dich verlassen, bis mein Schmerz geheilt ist, sey es durch Deine Freundschaft, oder durch den Tod.«
O, das war zuviel für ein menschliches Herz! Ich schlug ohne Bewußtseyn zu Boden. Wie wesenlose Schatten schwebten Malchen, und ihre Schwester als Mannsperson verkleidet, mit einem Stich durch die linke Seite, mir vorüber. Ich strebte nach diesen geliebten Schatten, ich rang, ich weinte nach ihnen, aber ach! mich schloß ein dunkler Kerker ein, und sie schwanden und zerflatterten in Luft.
Dieser Traum, den ich wachend träumte, war ein unordentliches Gemählde der Gedanken-Trümmer, die während dieser schrecklichen Augenblicke durch ihr Gedränge meinen Verstand zerrütteten, und meinen Körper zu Boden warfen.
Was für ein Licht ging mir durch diese fünf Zeilen auf! Malchen war also doch die Freundin, die jenen Brief, dessen Aufschrift mich damals so erschreckte, an die Gräfin geschrieben hatte! Mein Nebenbuhler, dessen Anblick mir damals den Verstand raubte, und nach welchem ich stach, war also ihre Schwester! Ein Scherz, den ich mißverstand, hatte ihr einen Schmerz verursacht, dessen Linderung sie nur vom Tode hoffte. Ich hatte, während sie verlassen trauerte, einer neuen Liebe in meinem Herzen Raum gegeben und die Arme, die durch meine Uebereilung unglücklich wurde, gänzlich vergessen! Jetzt kömmt sie, vom Kummer verzehrt, als Märtyrin ihrer Liebe hieher, und findet mich in einem schimpflichen Gefängniß, das mir eine Untreue zuzog, die ich mit eben der Freundin, von deren Theilnehmung sie Heilung ihres Schmerzes erwartete, an ihr begangen hatte! Ich wußte nun, daß sie kam, daß sie vielleicht schon da war – ich wollte zu ihr fliegen und um Leben oder Tod bey ihr bitten, und konnte nicht – und konnte nicht, weil eiserne Thüren und eiserne Stäbe, und dicke Quadern mir den Ausgang zu ihr versperrten! – O, dies war zuviel, zuviel für ein menschliches Herz!