Wie lange dieser grausame Zustand dauerte, weiß ich nicht. Ein gewaltsames Rütteln brachte mich zu mir selbst. Ich fand meine Hände mit starken Stricken gebunden, und um mich sah ich vier Männer beschäftigt, die mich aufzuheben und fortzuschaffen versuchten. Der alte Tobias war an ihrer Spitze. Die ersten Worte, die ich vernahm, waren seine Worte: »Er war sonst ein Riese,« sagte er, »jetzt hat ihn das böse Gewissen so schwach wie ein Kind gemacht! – Aber wer sollte unter seinem Gesichte einen Räuber und Mörder gesucht haben?«
Wo bin ich? rief ich: Bist du es, Tobias? Kein Laut zur Antwort! Sie hoben mich stillschweigend auf und trugen mich die Treppe hinunter, und ich ließ es geschehen, ohne eine deutliche Vorstellung, oder vielmehr, ohne Kraft zu haben, mir eine Vorstellung von dem was vorging zu machen. Unter der Thür richteten sie mich auf. Nur mit Mühe trugen mich meine Füße.
Sie führten mich auf das Schloß in einen großen Saal, wo man Gericht zu halten pflegte. Ich sah auf demselben ein dickes Gewimmel von Leuten, deren starre Blicke, sobald ich erschien, sich fest auf mich hefteten. Auf der Tafel sah ich meine Uniform, meinen Degen, mein Rohr und eins meiner Schnupftücher liegen. Ich fuhr bey diesem Anblick zusammen, und das Volk brach in lautes Gemurmel aus. Man erwartete nur noch den Grafen.
Dieser erschien endlich und hatte zwey Frauenzimmer und eine Mannsperson hinter sich, die in der Thür des Seitenkabinets stehen blieben. Die Bedienten trennten das Gedränge, damit mich, wie sie sagten, die Herrschaft sehen könnte. In eben dem Augenblick, wo das Getümmel aus einander fuhr, hörte ich ein Geschrey: »Gott, es ist nicht sein Mörder! Er ist es selbst!« – Und zu mir her flog ein Frauenzimmer, flog mein Malchen, und umarmte mich, und drückte mich an ihr Herz, und weinte sprachlos an meiner Brust; und ich Armer, ich konnte sie nicht umschließen, ich konnte sie nicht an mein Herz drücken, weil meine Hände gebunden waren!
Der alte Tobias war der erste, der herzusprang, und unter Freudenthränen meine Bande löste! Und nun hatte ich Malchen, nun hatte Malchen mich wieder! Wir sagten uns Worte, die wie Feuerfunken in unsre Herzen fuhren, und unser ganzes Wesen zur wildesten Freude entflammten! »O Moriz! O Malchen! Ich habe dich wieder! Du bist wieder mein!« – Diese Worte waren die Losung unsers Entzückens. Wir schlungen einen Knoten, den die Ewigkeit selbst nicht wieder auflösen sollte!
Zwölftes Kapitel.
Plötzliche Abreise.
Während der Ergießungen unserer Freude hatten sich die Zuschauer allmählig vom Saale verloren, und wir sahen, als wir ein wenig zu uns selbst kamen, niemand mehr, als den alten Tobias, dem das Vergnügen aus den Augen lachte. Er sagte uns: der Graf, die Gräfin und der junge Herr (Malchens Bruder) wären in ein Seitenzimmer gegangen, um – uns nicht zu stören. Wir sprangen Hand in Hand zu ihnen, ich hing dem Grafen am Halse, Malchen der Gräfin. »Kein Wort vom Vergangenen, Herr von Lemberg!« sagte der Graf mit einer Ernsthaftigkeit, die merkbar auf den Vorfall in der Laube Bezug hatte: »Ich bin Ihr Freund, nehmen Sie meine Hand d'rauf.« – Ich drückte sie an mein Herz. Der Gräfin konnte ich nicht ins Gesicht sehen, und sie mir eben so wenig. Sie versuchte, mir ihre Freude über die glückliche Entwicklung meiner Geschichte zu bezeigen, und stotterte – Komplimente. Ich versuchte, ihr für ihre Theilnehmung zu danken, und stotterte auch Komplimente. Wir waren in dem gezwungensten Verhältnisse gegen einander, das um so peinlicher war, da Malchen zwischen uns stand, und in unsern Augen Entzücken und Freundschaft suchte, aber nicht fand. Malchens Bruder, der bey allen diesen Ereignissen den kalten Zuschauer spielte, that endlich den Vorschlag, daß wir uns heute um niemand als um uns selbst bekümmern sollten, weil wir doch wohl für niemand, als für uns selbst Auge und Ohr hätten. Sie verließen uns hierauf und wir waren wieder allein.
Wieviel wollten wir uns nicht sagen, und wie wenig sagten wir uns! Ich machte Malchen einen sehr unordentlichen Bericht, von dem was mir seit unserer Trennung begegnet war; ich gestand ihr sogar, daß ich mich beynahe in die Gräfin verliebt hätte. Sie gerieth in eine sichtbare Bewegung bey diesem Geständniß, und that mir gleich darauf den Vorschlag, daß wir heute noch nach Lehmnitz zurück wollten, um – unserm Vater, der vor Unruhe und Gram verginge, endlich wieder eine frohe Stunde zu machen. Ich schlug ein, und damit sie diesen Entschluß noch mehr in mir befestigte, sagte sie, daß sie mir ihre Geschichte nicht eher erzählen würde, als bis wir im Wagen säßen.
Sogleich suchten wir den Grafen, die Gräfin, und den jungen Lehmnitz auf, und thaten ihnen unsern Vorsatz kund. Sie fanden ihn zwar sehr übereilt, setzten ihm aber keine starken Gründe entgegen. Malchens Bruder erklärte, daß er nicht mitreisen, sondern binnen einigen Tagen, wenn er des Grafen Wildbahn erst recht genossen hätte, mit Muße nachkommen würde.
Kaum zwey Stunden nahmen wir uns zur Erholung Zeit. Es ward mir ganz leicht ums Herz, als man uns Nachricht brachte, Pferde und Wagen wären bereit. Malchen und die Gräfin zerdrückten und zerküßten sich beym Abschiede mit – trockenen Augen, und ich stand mit dem Grafen Hand in Hand, und sprach mit ihm sehr ernsthaft von – dem guten Wege, den wir zu unserer Reise haben würden. Endlich küßte ich der Gräfin mit einer tiefen Verbeugung die Hand, welches sie eben so höflich erwiederte. Lisette machte es ihrer Frau eben so geschickt nach, aber der alte Tobias ließ seinem Vergnügen freyen Lauf, und nannte mich im Ausbruche desselben Herr von Wilhelm und dutzte mich dabey.