»Niemand war mit meinem Herzen so vertraut, als die Gräfin. Ich entdeckte ihr meine Bekümmernisse, und ihr nächster Brief war eine förmliche Einladung, zu ihr zu kommen und so lange bey ihr zu bleiben, als es mir beliebte. Es war mir, als ob dieser Brief mir neues Leben gäbe. Mein Entschluß war bald gefaßt und meine Eltern billigten ihn. Ich flog, von meinem Bruder begleitet, zu meiner Freundin; ich konnte die Zeit nicht erwarten, wo ich sie wieder sehen würde; ich schrieb ihr fast von jeder Station einen Brief, den ich als den Herold meiner Ankunft jedesmal voranschickte.« –

O, rief ich, solch einen Brief hab' ich diesen Morgen gelesen! Er hat mir zwey Stunden gemacht, die deine schreckliche Nacht, für die du Ersatz foderst, weit aufwiegen! Sie lächelte und fuhr fort:

»Je näher ich dem Orte meiner Bestimmung kam, desto leichter ward es mir ums Herz. Ich weidete mich an dem Gedanken, eine zärtlich geliebte Freundin, nach langer Trennung wieder an mein Herz zu schließen, und bey ihr Trost und Linderung meines Schmerzes zu finden. Wir kamen endlich an, und fuhren in das Schloß. Was mir zuerst in die Augen fiel, war eine weiße Uniform mit rothen Aufschlägen, die unter einer Linde hing. Du trugst eine solche Uniform, und ich konnte die Zeit nicht erwarten, sie näher zu betrachten. Ich sprang aus dem Wagen, lief hinzu und war wie vom Donner gerührt, als ich in einem Schnupftuche, das darneben hing, deinen Namen erblickte. »Woher ist diese Uniform und dieses Schnupftuch?« rief ich mit aufwallender Freude, denn ich glaubte, daß du nicht weit wärest. – Ich habe es im Walde vergraben gefunden! sagte der alte Jäger – und ich sank in seine Arme. »Er ist ermordet!« schrie ich: »Moriz ist ermordet! O, ich Unglückliche! Wo, wo sind seine Mörder?«

»Der Graf und die Gräfin eilten herzu, und fragten erschrocken nach der Ursach meiner Klagen. Aber ich redete irre, und mußte es meinem Bruder überlassen, ihnen die Geschichte meiner Verzweiflung zu erzählen. Sie suchten alles hervor um mich zu trösten, aber meine Trostlosigkeit stieg dadurch. »Moriz ermordet!« rief ich: »Moriz ermordet!« Und was für eine Idee hätte ich Arme ausser dieser noch haben sollen!«

»Unterdessen kam der alte Jäger gelaufen und rief, der Mörder ist entdeckt! Zugleich zeigte er ein Rohr vor, das ich auf den ersten Blick für das deinige erkannte, und das er bey einem Jäger gefunden haben wollte, der sich im Schloßthurm eingesperrt befände. »Ich will zu ihm,« schrie ich, »ich will von ihm selbst hören, wo Moriz geblieben ist!« Man brachte mich aber durch Vorstellungen und durch das Versprechen, daß der Mörder unter meinen Augen förmlich vernommen werden sollte, von diesem Gedanken ab.«

»Es geschah. Ich brannte vor Ungeduld, den Unmenschen zu sehen, der meinen Moriz umgebracht haben könnte! Ich kam und sah und erkannte in dem Mörder meines Moriz, meinen Moriz selbst! Ich hatte ihn wieder, auf ewig hatte ich ihn wieder!«

Neue Umarmungen, neues Entzücken!

So schwanden Meilen und Stationen, so rollten wir durch Städte und Dörfer ohne Rast und Schlaf. Lehmnitz war der Mittelpunkt unsres Glückes, und diesen wollten wir ohne Verzug erreichen. Wir kamen endlich an, sprangen aus dem Wagen, liefen ins Schloß, rissen die Thüren auf und warfen sie zu, und stürmten das Zimmer unsres Vaters, wo wir unsre Mutter und Schwester auch fanden. Schrecken und Erstaunen erregte in ihnen unser unerwartete Anblick. Stumme Umarmungen und Freudenthränen empfingen uns, und ein frohes Willkommen stammelte uns jede Lippe.

»Zum Pastor, zum Pastor!« rief der alte Oberst, »daß Springinsfeld nicht noch einmal davon rennt! Junge, Junge!« setzte er mit nassen Augen hinzu, indem er mich an sein Herz drückte: »Du hast mir viel Leid gemacht, aber auch viel Freude!«

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