Komm Phylax, sagte ich zu meinem Gefährten, und die Thränen liefen mir über die Backen: hieher kommen wir nicht wieder! – Du armes Malchen! Nun hab' ich dirs doch nicht sagen können!

Ich drückte den Hut tief in die Augen und ging. Phylax watschelte hinter mir her.

Moriz.
Zweytes Buch.

Erstes Kapitel.
Nachwehen.

Sobald ich drey oder vierhundert Schritt vom Schlosse entfernt war und glauben konnte, daß mich von daher niemand mehr beobachtete, setzte ich mich in Galopp. Dörfer und Menschen vermied ich mit vieler Behutsamkeit, weil ich in jedem Dorfe einen Spion vermuthete, der mir auflauren, und in jedem Menschen einen Nachsetzer sah, der mich einholen und zu meinem Papa zurückbringen würde. Selbst wenn ein Hund kam, um meinen Phylax anzuschnautzen, oder um ihm, wenn er von höflichern Manieren war, nach Hundesart sein Kompliment zu machen, hatte ich Angst, denn ich hielt ihn für einen Spürer; und wenn er dann zu seinem Herrn zurücklief, so war dies ein Bewegungsgrund für mich, noch ärger zu laufen als er, weil ich keinen Augenblick zweifelte, daß er nur darum zurückliefe, um seinem Herrn, auf seine Art zu verstehen zu geben, er habe den Flüchtling aufgespürt.

In dieser Angst und Eile vergaß ich, daß es Nacht werden, und eine Zeit kommen würde, wo mir Kraft, Athem und Muth ausgehen müßten. Nicht eher dachte ich an diese fürchterlichen Hindernisse meiner Flucht, als bis sie hereinbrachen. Auf einmal stutzt' ich, und kaum konnte ich vor Herzensbeklemmung und Mattigkeit den Fuß vorwärts setzen. Es schien, als wenn mich alle Schrecknisse, die mir bis jetzt nur immer noch im Rücken gewesen waren, nun auf einmal eingeholt hätten.

Leiden der Seele und des Körpers bemächtigten sich meiner, und ich weiß nicht, welche von beyden mich am grausamsten quälten. Ich setzte mich am Eingange eines Gebüsches nieder, und Phylax legte sich stöhnend an meine Seite, indem er seinen Kopf auf meinem Schenkel ruhen ließ.

»Was wird Malchen sagen, wenn sie hört, daß man nicht weiß, wo ich bin!« Dieser traurige Gedanke ergriff mich jetzt: »Und ach, ihre Mama war so böse, als sie uns überraschte! Sie wird es ihrem Papa sagen, und der nimmt die Hetzpeitsche und prügelt« –

Ein kalter Schauer lief mir bey diesem Gedanken durch alle Glieder. Ich wollte aufspringen und fiel wie ohnmächtig zurück.

»O, meine Füße, meine Füße!« winselte ich dann wieder: »Ach, was soll ich anfangen? Ich muß liegen bleiben! Ich kann nicht gehen, nicht stehen! Ach, wenn Papa und Martha wüßten, wie elend und krank ich hier liege, sie würden« –