Wieder ein unerträglicher Gedanke! Ich wollte von neuem aufspringen und fiel von neuem zurück.
»Wenn sie es wüßten, sie holten mich gewiß zurück – und ich ginge auch gern« –
In dem Augenblick hörte ich das Gerassel eines Wagens. Ich sprang auf und wäre darauf gestorben, daß es Papa's Kutsche sey. Ob ich gleich keinen Blick zurück gewagt hatte, glaubte ich doch Marthen, den Papa und den Magister leibhaftig in derselben erblickt zu haben.
Jetzt fühlte ich keine Mattigkeit mehr. Ich brach über Hals über Kopf in das Gebüsche, fand einen Fußsteig, lief ihn eine gute halbe Stunde endlang und es dauerte keine kleine Zeit, ehe die Vernunft meiner Furcht bewies, daß eine Kutsche den schmalen Fußsteig, der von beyden Seiten mit Gebüsch überwachsen war, unmöglich befahren könne.
Ich ging noch eine Weile auf dem Wege fort, und er ward nach und nach immer lichter und geräumiger. Auf einmal hörte ich Trompeten und Pauken. Es war ein lustiger Klang, der meine Bekümmerniß zum Theil vertrieb. Unschlüßig, ob ich dem Schalle nachgehen, oder die Nacht im Gebüsche zubringen sollte, setzte ich mich nieder. Beyde Wege schienen mir gefährlich. Suchte ich den Ort auf, wo die Musik war, so konnte sich zum Unglück ein Bekannter daselbst finden und mich anhalten; und blieb ich im Gebüsche – wer gab mir Brot, wenn mich hungerte? Wasser, wenn mich dürstete? Wer ein Obdach, wenn es regnete? – Mein Magen meldete sich ungestüm und meine Zunge lechzte nach einem Trunke.
Zweytes Kapitel.
Eine Erscheinung.
Ich saß unter einem Eichbaum, und ein Wiesenplan, hundert Schritt lang und breit, mit Bäumen und Gebüsch umkränzt, breitete sich vor mir aus. Mein Auge schwamm in Thränen. Es war alles still; nur ein kleiner leiser Abendwind, bewegte die äußersten Spitzen der Bäume und rauschte in den Blättern der Gebüsche. Der Mond lächelte rein und heiter herab und spiegelte sein sanftes Antlitz in Millionen Regentropfen, die von einem Spatregen an den Grashalmen zurückgeblieben waren und an den Spitzen derselben flimmernd zitterten. Die ganze Wiese war ein sanftwallender, bebender Silberstrom, auf welchem (so schien es meinem nassen, zitternden Blicke) ungeheure Gestalten, bald Riesen, bald Felsen, bald mächtige Thiere umherwandelten, so wie der Wind die umstehenden großen Eichen bewegte und ihren Schatten hin und her trieb.
Mir ward unbeschreiblich bange, und mein ganzes Wesen schmolz in eine beklemmende Wehmuth zusammen, die sich in großen Thränen über meine Backen ergoß. Endlich legte ich mich nieder und drückte die Augen fest zu. Mein rechter Arm diente mir zum Kopfküssen und der linke ruhete auf meinem Phylax, der sich dicht neben mir niedergelegt hatte.
Ich verlor mich bald. Alles, was mir heute begegnet war, schwamm ununterscheidbar und wie in Dämmerung meiner Seele vorüber. Nur dann und wann fuhr ein fürchterlicher Gedanke, schnell wie ein Blitzstrahl, durch mein Inneres, und es war mir dann immer, als wenn ich einen lebhaften Stich durch die linke Seite fühlte. Ich fuhr mit der Hand nach dem Orte, wo ich zu leiden wähnte, und darüber wiegte mich von neuem eine Art von betäubendem Schlummer in ruhige Vergessenheit ein.
Wau! Wau! schallte es auf einmal, und ich fuhr bebend aus meinen Träumereyen auf. Was mir zuerst in die Augen fiel, war die Gestalt eines Frauenzimmers, die einige Schritte von mir stand, und über das Bellen meines Hundes erschrocken schien. Ich wußte nicht, was ich zu dieser Erscheinung sagen, ob ich laufen oder bleiben sollte – denn sie hatte Marthens Größe.